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    Maßbach

    Premiere im Theater Schloss Maßbach mit "Honig im Kopf"

    Nach mehr als drei Monaten coronabedingter Schließung feierte das Theater Schloss Maßbach mit der Premiere von "Honig im Kopf” den Beginn der Freilicht-Saison.
    Fritz Peter Schmidle - nach vielen Jahren endlich mal wieder in Maßbach - genießt seine Paraderolle als Amandus mit ganz großer Bühnenpräsenz.  Gerhild Ahnert       -  Fritz Peter Schmidle - nach vielen Jahren endlich mal wieder in Maßbach - genießt seine Paraderolle als Amandus mit ganz großer Bühnenpräsenz.  Gerhild Ahnert
    Fritz Peter Schmidle - nach vielen Jahren endlich mal wieder in Maßbach - genießt seine Paraderolle als Amandus mit ganz großer Bühnenpräsenz. Gerhild Ahnert

    Darf man über demente Menschen Witze machen, darf man über Alzheimer laut lachen? Vor sechs Jahren noch hätte man diese Frage mit einem kategorischen Nein beantwortet. Aber dann kam in den deutschen Kinos der Film "Honig im Kopf" heraus, eine Produktion von Till Schweiger und Hilly Martinek, mit dem ohnehin schon immer ein bisschen komisch wirkenden, grimassenbegabten Dieter Hallervorden als dementem Opa Amandus Rosenbach.

    Und plötzlich war das Eis gebrochen, der Film wurde zum unerwarteten Kassenschlager. Das war nicht unbedingt zu erwarten, denn er behandelt ein zwar medizinisch und gesellschaftlich ernsthaftes und wichtiges Thema und ist daher eigentlich auch nicht massentauglich. Aber das, was das Publikum an die Kinokassen lockte, war der überraschende, gut geerdete Humor, der die Rezeption erleichterte. Warum auch nicht. Schließlich haben demente Menschen ja nicht ihren Humor, sondern ihr Kurz- und Mittelzeitgedächtnis verloren. An die alten Witze von Anno Tobak, die sie in ihrer Jugend erzählt haben, erinnern sie sich genau - und erzählen sie immer wieder.

    Der Regisseur und Schauspieler Florian Battermann hat aus dem Filmskript eine Bühnenfassung erarbeitet, und seine Kollegin Sandra Lava hat mit ihr die Spielzeit auf der Maßbacher Freilichtbühne eröffnet - und wird sie damit auch beschließen, denn es wird und muss die einzige Produktion in diesem Sommer bleiben.

    Es ist eine Ironie des Schicksals, dass bei der Zusammenstellung des Spielplans für diesen Sommer, als noch niemand an Corona auch nur dachte, die Wahl ausgerechnet auf "Honig im Kopf" fiel. Denn es ist, ganz und gar pandemiegerecht, ein Stück der Entfernung, auch des Sich-vom-Leib-Haltens: Der Großvater Amandus Rosenbach, der nach dem Tod seiner Frau der Welt immer mehr abhandenkommt und der zunehmend verstört auf Eindringlinge in diese seine Welt reagiert; sein Sohn Niko und seine Schwiegertochter Sarah, deren Ehe an der Überforderung durch die Situation und ihre Flucht in die Arbeit zu zerbrechen droht; und ihre elfjährige Tochter Tilda, die ihren Eltern ihre Überforderung verübelt und die um ihren Opa kämpft, den sie nicht an ein Pflegeheim verlieren will, die sich seine alten Geschichten immer wieder anhört und ihn auch zum Erzählen ermuntert, um ihn in der Welt zu halten - und die ihn schließlich nach Venedig entführt, an das er sich erinnert, weil er dort als junger Mann seine Frau kennen gelernt hat.

    Die beiden verbindet eigentlich eine enge Beziehung, aber auf die Idee, seine Enkelin und "Prinzessin" Tilda einmal in den Arm zu nehmen, wäre Amandus auch ohne Corona nie gekommen. Für Küsse und Umarmungen ist jetzt nicht die Zeit, die Gefühle müssen ausgespielt werden.

    Das ist nur einer der Aspekte, die die Inszenierung so überzeugend machen. Sandra Lava hat eine außerordentlich differenzierte Personenregie mit einem ausgezeichneten Timing entwickelt, das jeder Nuance ihre Bedeutung und ihren Platz lässt. Ernst und heiter liegen hier ganz dicht und konsequent beieinander.

    Aber sie hat freilich auch ein Team, das nach über zwei Monaten erzwungenem Stillstand froh ist, endlich wieder vor Publikum auf der Bühne zu stehen. Fritz Peter Schmidle - nach vielen Jahren endlich mal wieder in Maßbach - genießt seine Paraderolle als Amandus mit ganz großer Bühnenpräsenz.

    Natürlich reizt er das Komödiantische, das Schalkhafte des verwirrten Opas spielerisch aus, allerdings sehr gut kontrolliert. Aber er kann auch blitzschnell umschalten auf einen alten, hilflosen Mann, der die Orientierung verloren hat, dessen Gedanken sich verhaken und ins Nichts verflüchtigen. Man muss sich als Zuschauer immer wieder klar machen, dass das alles wirklich nur gespielt ist.

    Eine echte Überraschung ist Dorothee Höhn - man kannte sie bisher als Maßbacher Theaterpädagogin - als Tilda. Sie spielt die Elfjährige, als wäre sie es, mit großer Kindlichkeit und spontaner Energie, mit Naivität und Jugendweisheit und Altklugheit. Sie begreift den Zustand ihres Opas, aber sie kämpft um ihn, weil sie ihm sein Weggleiten nicht einfach verbieten kann. Und sie ist die, die sich dem Publikum gegenüber erklärt, weil sie ihre Eltern nicht mehr erreicht. Die reiben sich zwischen den beiden auf.

    Marc Marchand als Niko Rosenbach ist der liebe Sohn , der den verwitweten Vater unbedingt zu sich holen will und der viel Kraft aufwendet, um nicht erkennen zu müssen, dass die Situation ihn und die ganze Familie heillos überfordert. Er ist der, der wirklich leidet.

    Auf der anderen Seite versucht seine Frau Sarah, sich die Probleme mit Härte vom Leib zu halten. Anna Katharina Fleck zeigt sie als eine Frau, die eigentlich schon Probleme hat, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen und die jetzt nicht unversucht lässt, das Scheitern von Nikos Integrationsversuchen zu provozieren.

    Und dann hat Sandra Lava noch etwas getan, was der Inszenierung außerordentlich gut bekommt. Die Zahl der Nebenrollen ist von 34 (im Film) auf fünf reduziert. Diese Komprimierung bekommt dem Stück außerordentlich gut. Vor allem aber hat sie diese fünf Rollen mit einer Person besetzt: Benjamin Jorns spielt den Arzt, den Fahrkartenverkäufer, den türkischen Putzmann, die Schwester Oberin Elisabeth und den Musiker - darstellerisch eine durchaus herausfordernde Kombination. Natürlich spart das Personal, aber es ist vor allem ein Bild aus der Welt der Kranken: Die Frage: "Kennen wir uns, habe ich sie schon mal gesehen?", die Amandus bei jeder Begegnung stellt und die typisch ist, bekommt hier eine überraschende Konkretion.

    Raffiniert, obwohl recht spartanisch, ist das Bühnenbild von Robert Pflanz: eine kleine, erhabene Drehbühne mit einigen leeren Kästen, die schnell umgestellt und umgestapelt werden können. Da wird man den ganzen Abend das Gefühl nicht los, dass es so im Kopf eines dementen Menschen aussehen könnte - sozusagen hinter dem Honig.

    Die Konkretion und Erdung erfolgt über die ganz realistischen, betont typischen Kostüme von Daniela Zepper. Sie sind ein bisschen ein Geländer in dieser undurchschaubar leeren Welt.

    Ein eigentlich ernstes Stück, das trotzdem eine heitere Leichtigkeit des Seins versprüht. Und wir wissen jetzt: Man darf auch über demente Menschen lachen. Sie lachen gerne mit. Und nachtragend sind sie bestimmt nicht.

    Rein und raus im Gänsemarsch

    Ein Kommentar von Thomas Ahnert

    Man denkt plötzlich an einen Eisbrecher, der über drei Monate im Eis festgefroren war und der jetzt, wo das Eis knisternd und krachend erste Risse zeigt, vorsichtig wieder Fahrt aufnehmen kann. Und man spürt die Erleichterung der Mannschaft. Das Szenario ist übertragbar: Auch im beziehungsweise am Schloss Maßbach ist das Eis gebrochen. Konkret gesagt: Es darf wieder Theater gespielt werden.

    Was die dreieinhalbmonatige Zwangspause bedeutete, konnte man schon erkennen, wenn man am Freitagabend auf das Schloss zuging: Man blickte ausnahmslos in vorsichtig strahlende Gesichter. Also wieder business as usual?

    Mitnichten. Eigentlich war alles anders als sonst. Schon vor Beginn durfte man nicht einfach auf seinen Platz gehen und warten, dass der Vorhang aufgeht. Warten musste man trotzdem, allerdings vor dem Schloss. Das Publikum tat es mit großer Geduld und Einverständlich, hielt sich sogar in erstaunlichem Maß an die Abstandsregel, bestellte bereits den Pausensnack, der dann auf den vorbereiteten Tischen stehen sollte - in der Pause wäre es dafür zu spät gewesen.

    Eine Viertelstunde vor Beginn wurde es ernst: "Hier werden Sie vom Objektleiter platziert!" hieß das früher mal in einem abgegrenzten Teil von Deutschland. Jetzt war der Objektleiter in ungewohnter Funktion Susanne Pfeiffer . Sie stand mit einem Pult mit dem Platzplan zwischen Bühne und Tribüne und rief mit einem Mikrophon und viel Geduld die einzelnen Platznummern der auf dem Vorplatz Wartenden auf, beginnend ganz oben mit Reihe 10. Die Karteninhaber sollten sich dann in Marsch setzen und ihre Plätze einnehmen.

    Das funktionierte recht zügig, denn die meisten Leute hatten schon vorher mal auf ihre Karten geschaut und wussten, wann sie dran waren. Zudem war die Logistik gut durchdacht. Da die Tribüne zwei Zugänge hat, waren sie mit den Farben Blau und Gelb betitelt worden. Die beiden Farben fanden sich auf den Karten, und für Farbenblinde waren sie auch in Worten ausgedruckt und auf die Wegweiser geschrieben. So konnte man den Zuschauerraum von beiden Seiten gleichzeitig füllen, ohne engere Kontakte zu provozieren. In die Pause ging es reihenweise auf Zuruf, danach wurden wieder die Einzelplätze aufgerufen.

    Was freilich am gewöhnungsbedürftigsten war, war die Optik. Der Gedanke fiel schwer, dass eine Vorstellung restlos ausverkauft ist, wenn nur jeder fünfte Platz besetzt ist Denn statt 311 Besuchern durften nach Corona-Vorschriften nur 65 Platz nehmen - immerhin konnten Grüppchen zusammenbleiben. Aber jede zweite Reihe musste leer bleiben. Ein etwas trauriges Bild, obwohl die Fußballer sicher neidisch gewesen wären.

    Dass der Beifall unter den Bedingungen ziemlich schütter klang, war zu erwarten. Aber die Begeisterung kam bei der Truppe trotzdem an, nicht zuletzt wegen der vielen Bravos.

    Und dann ging"s im Gänsemarsch wieder nach draußen.

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    Thomas Ahnert

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