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    Rannungen

    Rannungen: Der "Kesse Paul" wird 90

    Mit 12 stand er an der Flachserntemaschine, mit 15 half er beim Wiederaufbau im Dorf mit. Da wundert’s nicht, dass man Paul Keß später oft als Experten zu Rate zog.
    Schneidig sieht Paul Keß da aus (erste Reihe vorn, Zweiter von rechts), als er im Jahr 1953, zusammen mit anderen aus der Kesse-Kapelle, für ein Foto posiert.
    Schneidig sieht Paul Keß da aus (erste Reihe vorn, Zweiter von rechts), als er im Jahr 1953, zusammen mit anderen aus der Kesse-Kapelle, für ein Foto posiert. Foto: Repro Walter Besic

    Den "Kesse Paul" kannte in Rannungen früher jeder. Nicht nur, weil man ihn stets bei anstehenden Arbeiten um Rat und Hilfe bitten konnte, sondern weil er sich auch nahezu ein Leben lang im Dorfleben engagiert hat, sei es als Feldgeschworener, Floriansjünger, Gemeinderat oder Musiker. Am 24. Juni wird der gebürtige Rannunger 90. 

    Und in diesem Alter hat man bekanntlich etwas zu erzählen. Denn als Paul Keß 1930 zur Welt kam, brach sich die Weltwirtschaftskreise gerade ihren Weg von den USA nach Deutschland, und hier von den Großstädten aufs flache Land. Die Massenarbeitslosigkeit führte dazu, dass überall kaum Geld zum Leben da war. Vielleicht war es da gewissermaßen sogar ein Glück, wenn man in einem Dorf lebte und, wie Pauls Eltern Julia und Karl Keß, seine eigenen Äcker zu bestellen hatte. Denn dann standen meist ein paar Kühe, Schweine und Pferde im Stall, und man konnte sich im allgemeinen mit Nahrungsmitteln selbst versorgen.

    Mit dem Pferd aufs Feld

    Vor diesem Hintergrund versteht man besser, dass Keß‘ Eltern, wie alle anderen auch damals, schwer arbeiten mussten, um sich und die Kinder durchzubringen. Kein Wunder also, dass Paul Keß, wie er erzählt, schon mit fünf Jahren fleißig in der Landwirtschaft mithalf. "Mit acht Jahren war ich allein mit dem Pferde-Fuhrwerk draußen auf dem Acker", erzählt er. Und manchmal, wenn die Feldarbeit zu beschwerlich für das Pferd war, habe er noch eine Kuh dazu gespannt.

    Paul Keß feiert einen runden Geburtstag.
    Paul Keß feiert einen runden Geburtstag. Foto: Walter Besic

    Zur Schule ging er sieben Jahre lang. Dann war’s erst mal vorbei mit der "Wissenschaft". Denn dann kam der Zweite Weltkrieg. Die Zeiten wurden noch kärger. Und für Paul Keß und seinen Vater stand eine neue Arbeit an. Denn Karl Keß, seines Zeichens stellvertretender Bürgermeister, hatte man sozusagen von oberster Stelle auferlegt, auf den Feldern von Rannunger Bürgern Flachs anzubauen, aus der später Soldatenkleidung werden sollte.

    Flachs mit den Händen gerupft

    Paul Keß war damals zwölf, kannte sich aber technisch schon so gut aus, dass er als Maschinist der Flachsernte-Maschine fungierte. Das Gerät ging zwischendurch freilich auch mal kaputt, erzählt er. Dann hieß es, den Flachs mit bloßen Händen zu rupfen, schildert Keß den Knochenjob seiner Jugendjahre. Die Frauen banden die Pflanzen später zu Bündeln zusammen, bevor diese dann damals, in den Jahren 1939 bis 1945, mit der Bahn von Rannungen in die Fabrik nach Keinlangheim geschafft wurden.

    Als der Krieg vorbei war, gab es weiter viel zu tun, sagt Keß. Denn auch in Rannungen waren gut 80 Häuser von Brandmunition und Phosphorbomben getroffen und beschädigt worden. Mit vereinten Kräften sei man damals an den Wiederaufbau von Gebäuden und Straßen gegangen. Bei all diesen Arbeiten konnte sich der junge Bursche freilich allerhand an Fähigkeiten abschauen. Kein Wunder also, dass man ihn später im Dorf zu allen möglichen anstehenden Projekten sozusagen als Experte hinzuzog, sogar als es damals darum ging, im Ort an den Wohnhäusern eine Wasserleitung zu graben.

    Ochsen in Würzburg verkauft

    Obwohl seine Jugendzeit sicher kein Zuckerschlecken war, hat Paul Keß aber auch gelernt, allem etwas Gutes abzugewinnen. Er beherrscht offenbar die Kunst des Alterns, zu der ständige Kompromisse und die Anpassung an das Unvermeidliche zählen. Voller Stolz erzählt er zum Beispiel, dass er als Jugendlicher auch mal mit einem Ochsen nach Würzburg zum Zuchtmarkt fuhr – und prompt einen Preis für das Tier einheimste.

    Paul Keß (vorn) bei einer Landwirtschaftsausstellung 1962 in Rannungen.
    Paul Keß (vorn) bei einer Landwirtschaftsausstellung 1962 in Rannungen. Foto: Repro Walter Besic

    Und dann kam Paula in sein Leben. 1956 heiratete er die gebürtige Rannungerin. Die beiden bekamen vier Kinder und versuchten, das Beste aus der noch nicht rosigen Nachkriegszeit zu machen. Da half es schon mal, dass Paul Keß die elterliche Landwirtschaft weiterführen konnte. 1964 entschloss er sich dann, in der Schweinfurter Großindustrie einen Job als Dreher anzunehmen – und blieb dort 26 Jahre. Die Landwirtschaft betrieb er weiter im Nebenerwerb.

    Musik ist sein Leben

    Ja, und dann ist da noch die große Liebe zur Musik. Paul Keß spielte Tenorhorn, Posaune und schlug auch schon mal die Trommel. Alle möglichen Instrumente habe er ausprobiert, sagt er. Die Musik liegt ihm offensichtlich im Blut, denn schließlich hatten der Großvater schon die "Kesse-Kapelle" ins Leben gerufen, die zu bestimmten Festlichkeiten im damaligen Gasthaus Weidinger zum Tanz aufspielte. Und natürlich mischte auch Paul Keß nach dem Krieg gelegentlich dort mit. 1975 war er zudem an der Gründung der Rannunger Musikkapelle mitbeteiligt, in der er bis zum 81. Lebensjahr aktiv mitwirkte.

    Apropos Liebe zur Musik: Beim Rannunger Planfest war Keß auch sechsmal dabei – allerdings nicht als Planbursche und Tänzer, sondern als Musikant. 2010 durften er und seine inzwischen leider verstorbenen Frau Paula dann beim "Plua" sogar auf der Tribüne der Ehrengäste Platz nehmen.

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