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    Bad Kissingen

    Reisebüros in Bad Kissingen: Hilferuf auf leeren Koffern

    Die Tourismusbranche wird von den Auswirkungen der Corona-Pandemie besonders hart getroffen. Reisebüros aus Bad Kissingen haben sich daher an bundesweiten Protesten beteiligt.
    Reisebüro-Inhaberin Christine Krebs (links) und Mitarbeiterin Ursula Kukuk vom Reisebüro Gawlik fordern mehr Unterstützung für ihre Branche.  Foto: Sigismund von Dobschütz       -  Reisebüro-Inhaberin Christine Krebs (links) und Mitarbeiterin Ursula Kukuk vom Reisebüro Gawlik fordern mehr Unterstützung für ihre Branche.  Foto: Sigismund von Dobschütz
    Reisebüro-Inhaberin Christine Krebs (links) und Mitarbeiterin Ursula Kukuk vom Reisebüro Gawlik fordern mehr Unterstützung für ihre Branche. Foto: Sigismund von Dobschütz

    Mit einer bundesweiten Protestaktion und öffentlichen Demonstrationen in 50 deutschen Großstädten, ausschließlich organisiert über Facebook und Instagram, meldeten sich am Mittwoch die Mitarbeiter der deutschen Reisebüros lautstark zu Wort: "Wir sind viele! Wir zeigen Gesicht! Wir sind laut. Rettet die Reisebüros !" Die Branche fordert von der Bundesregierung eine stärkere Beachtung und einen Rettungsschirm mit nicht rückzahlbaren Beihilfen für die mehr als 11 000 Agenturen mit ihren fast 100 000 Mitarbeitern . Auch die 22 Reisebüros im Landkreis Bad Kissingen mit etwa 60 Mitarbeitern beteiligten sich an dieser Aktion.

    "Wir kämpfen bis zum Schluss", bestätigte Christine Krebs, Inhaberin des Bad Kissinger Reisebüros Gawlik, ihre Teilnahme. Zwar gab es in der Kreisstadt am Mittwoch keine gemeinsame Demonstration der sechs Reisebüros auf dem Marktplatz, aber jede Agentur machte ihren Protest auf kreative Weise deutlich.

    "Rettet die Reisebüros"

    So platzierten Krebs und ihre Mitarbeiterin Ursula Kukuk mehrere Poster mit dem Aktionsmotto "Rettet die Reisebüros " auf Kundenstoppern und mit dem SOS-Hilferuf auf leeren Koffern gut sichtbar direkt vor ihrem Büro auf der Ludwigstraße. Alle sechs Mitarbeiter musste Krebs im März zu 80 Prozent in Kurzarbeit schicken. In den restlichen Arbeitsstunden müssen von Kunden gebuchte Reisen wieder storniert werden.

    "Wir haben überhaupt keine Planungsperspektive." Immer wenn eine neue Ansage von der Bundesregierung kommt, stornieren die Reiseveranstalter. Erst dann können die Reiseagenturen wieder aktiv werden und diese Stornierungen an ihre Kunden weitergeben.

    Zuletzt galt der 4. Mai als offizieller Termin, bis zu dem alle gebuchten Reisen kostenfrei storniert wurden. Ausgerechnet am Mittwoch, dem Tag des Reisebüro-Protests, verlängerte das Außenministerium nun seine weltweite Reisewarnung bis zum 14. Juni. "Damit sind die Pfingstreisen also auch hin", macht sich Krebs resignierend an die nächsten Stornos. Jetzt hofft sie noch auf die Sommersaison. Im Wissen, dass auch dann Auslandsreisen kaum möglich sein werden, bekräftigt sie im Sinne aller Reisebüros : "Wir können auch Deutschland."

    Momentan lebt das Reisebüro Gawlik nur von seinen Rücklagen. Bei Stornierungen verliert das Büro nicht nur die ihm zustehende Provision, sondern die für Kunden kostenfreie Rückabwicklung verursacht sogar noch zusätzliche Kosten. Diese Lohnkosten sowie Büromiete, Telefon- und EDV-Kosten laufen Monat für Monat weiter, Einnahmen gibt es dagegen keine. "Wenn die Regierung uns nicht mit einem Rettungsschirm hilft, können wir nur noch bis Herbst durchhalten."

    "In Berlin denkt man nur an die Großen, an TUI und Lufthansa . Wir fühlen uns von der Bundesregierung alleingelassen", schimpft deshalb auch Maximilian Albert, Inhaber von fünf Fröhlich-Reisebüros mit über 20 Mitarbeitern in Bad Kissingen , Schweinfurt und Würzburg. Das Schweinfurter Büro beteiligte sich aktiv an der dortigen Demonstration, zu der nur 50 Protestierende zugelassen waren.

    Je nach Bundesland waren wegen des corona-bedingten Versammlungsverbots die in den 50 Städten angemeldeten Protestversammlungen nur mit maximal 20 (Berlin) bis 300 Teilnehmern (Niedersachsen) ausnahmsweise genehmigt worden. In Bayern gab es neben Schweinfurt nur in München, Nürnberg und Kempten Versammlungen mit jeweils maximal 50 Teilnehmern. Mit Transparenten, leeren Koffern oder Sonnenliegen machten die Demonstranten auf die Misere ihrer Branche aufmerksam.

    Maximilian Albert hatte seine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen. Von der ihm zustehenden Soforthilfe in Höhe von 30 000 Euro ("Bei meinen laufenden Kosten nur ein Tropfen auf dem heißen Stein!") hat er bisher nur die Hälfte bekommen. Jetzt lebt auch seine Reisebürokette von Rücklagen aus vergangenen Jahren. "Auch 2020 war schon gut angelaufen."

    Albert hofft deshalb, noch bis Anfang kommenden Jahres mit seinen fünf Büros durchhalten zu können. "Aber seit März haben wir keine Einnahmen mehr." Deshalb fordert Albert einen sofortigen Schutzschirm für die Branche. "Wir waren als Erste geschlossen und werden die Letzten sein, die wieder öffnen dürfen."

    Ähnlich wie in Bad Kissingen sieht es in Bad Brückenau im Reisebüro Schneider aus. Alle drei Mitarbeiter sind in Kurzarbeit , nur Inhaber Klaus Schneider sitzt vormittags allein im Büro und nimmt die vielen Telefonate an, die seit gestern wieder nach der verlängerten Reisewarnung jede Minute klingeln. Auch seine Hammelburger Kollegin Vesna Sabljo, Inhaberin des Reisebüros Fella, ist total frustriert: "Es ist verrückt. Wir arbeiten jetzt nur noch für umsonst." Die einmalige Soforthilfe in Höhe von 5000 Euro, die sie schon bekommen hat, "sind gar nichts gegenüber meinen monatlichen Kosten von 8500 Euro." Wie alle Reisebüros in Deutschland lebt auch ihr Reisebüro von den Ersparnissen. "Bis Herbst sind wir noch sicher", aber auch nur deshalb, weil Inhaberin Sabljo aus anderen Geschäftsbereichen Einnahmen hat. "Vom Reisebüro allein könnten wir nicht mehr leben."

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    Sigismund von Dobschütz

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