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    Unterleichtersbach

    Schondratal: Wildkatzen lieben die Rhön

    Im Unterholz hört man kaum ein Geräusch. Und doch streckt ein Tier den Kopf vorsichtig aus dem Gebüsch. Ganz langsam kommt ein etwa acht Kilogramm schwerer Kuder - eine männliche Wildkatze - hervor, so leise, dass man ihn kaum wahrnimmt, wäre er nicht zu sehen. Die Katze stolziert auf den Holzpolter am Wegesrand zu, hüpft mit leichten Sprüngen nach oben und fängt in der frühen Sommermorgensonne an, sich nach der nächtlichen Jagd zu putzen.

    So oder so ähnlich erlebt es Rainer Betz, Altförster und Jäger aus Unterleichtersbach, häufig bei seinen morgendlichen Ansitzen im Wald nahe des Schondratals. Die Europäische Wildkatze ist in unseren Breiten heimisch und doch bekommt der normale Waldspaziergänger sie kaum zu sehen. Neben ihrem guten Gehör sind die leisen Jäger nachtaktiv und schlafen den Tag über in Höhlen und alten, ausgehöhlten Baumstämmen.

    Bestand stabil aber gefährdet

    "Die Rhön ist ein wichtiger Verbreitungskorridor für die Wildkatze", bestätigt Tobias Gerlach vom Unesco-Biosphärenreservat Rhön. Im Jahr 2013 veröffentlichte der Verein Rhön Natur Ergebnisse von jahrelangen Untersuchungen zur Wildkatze in der Rhön. Bei den Untersuchungen konnten besonders viele Individuen - nämlich 19 an der Zahl - im Neuwirtshauser Forst zwischen 2009 und 2013 nachgewiesen werden. "Drei Individuen kreuzten dabei die Autobahn A7, davon zwei Kuder, noch vor dem Bau der Grünbrücke Oberthulba", berichtet Gerlach.

    Die Untersuchungen gehen auch nach Ende des Projekts in abgeschwächter Form weiter. Insgesamt wurden bisher im Gebiet des Biosphärenreservats Rhön mehr als 220 einzelne Wildkatzen erfasst. "Interessant ist auch, dass ein im Jahr 2013 nachgewiesenes Wildkatzen-Weibchen im Winter 2015 nur knapp einen Kilometer vom ursprünglichen Fundort erneut nachgewiesen wurde", sagt Gerlach.

    Ein ähnlicher Nachweis der Gebietstreue in der Rhön lässt den Schluss zu, dass das Biosphärenreservat Rhön einen dauerhaften Lebensraum für Wildkatzen darstellt. "Heute gehen wir daher von zwei Fakten aus: Erstens gibt es die Wildkatzen überall in der Rhön in guter Zahl und zweitens breiten sie sich von hier aus nach Norden und nach Süden aus", berichtet Gerlach über die aktuelle Situation.

    Ausgesetzte Wildkatzen

    Auf der Roten Liste der bedrohter Tierarten ist die Europäische Wildkatze als gefährdet eingestuft. In den 1980er Jahren gab es Maßnahmen, um den Bestand der leisen Mäusejäger zu verbessern. "Im Landkreis Bad Kissingen wurden Ende d er 80er Jahre vier Wildkatzen aus einem Freigehege im Spessart ausgesetzt", sagt Altförster Betz. Auch heute noch ist die Wildkatze auf Schutzmaßnahmen angewiesen, denn viele Räuber - wie beispielsweise der Fuchs, der Uhu und der Marder - haben es auf die Jungtiere abgesehen. Das hohe Verkehrsaufkommen tut sein Übriges.

    Auch die Bayerischen Staatsforsten sind sich der Wildkatze bewusst. Konkrete Ziele und Maßnahmen für deren Schutz stellte der Forstbetrieb Bad Brückenau 2016 in seinem Naturschutzkonzept vor. "Immer wieder kommt es zu Unfällen an Holzpoltern", erklärt Betz aus Erfahrung. Denn zwischen den aufgestapelten Baustämmen liegen oft Jungtiere, die hier vor den Feinden geschützt sind. Doch auch dafür sind die Forstarbeiter mittlerweile sensibilisiert.

    Das Biosphärenreservat Rhön hat im Jahr 2014 zusammen mit dem Forstbetrieb Hammelburg der Bayerischen Staatsforsten eine fast 400 Hektar große, zusammenhängende Kernzone im Neuwirtshauser Forst ausgewiesen, in der der Wald dauerhaft sich selbst überlassen wird. "Ich bin mir sicher, dass diese Maßnahme auch der Wildkatze zugutekommt", sagt Gerlach.

    6000 Wildkatzen gibt es in ganz Deutschland laut der Deutschen Wildtier Stiftung.

    220 Wildkatzennachweise trugen Mitarbeiter des Biosphärenreservats Rhön zusammen.

    19 Wildkatzen wurden zwischen 2009 und 2013 im Neuwirtshauser Forst dokumentiert.

    Tier des Jahres 2018: Die Wildkatze

    Verbreitung Wildkatzen fühlen sich in Mittelgebirgsregionen mit naturnahen, abwechslungsreichen Laubmischwäldern am wohlsten. Höhlen, Wurzeln und Totholz dienen als Tagesunterschlupf und als Versteck für die Jungenaufzucht. Zur Jagd benötigen die Tiere kleine Lichtungen und ruhige, heckenreiche Waldränder. Die Größe des Streifgebietes variiert je nach Lebensraumqualität, Beuteangebot, Populationsdichte, Jahreszeit und dem Geschlecht. Kuder, männliche Wildkatzen, durchstreifen Gebiete von bis zu 40 Quadratkilometern, Kätzinnen von bis zu 11 Quadratkilometern.

    Gefährdung Viele Untersuchungen zeigen, dass der Verkehr eine der Hauptgefährdungsursachen für die Wildkatze ist. Wildkatzen können auf der Suche nach neuen Lebensräumen weite Strecken zurücklegen, wobei es durch den Straßenverkehr immer wieder zu Verlusten kommt. Eine Verschlechterung der Lebensraumqualität durch intensive Bewirtschaftung und Strukturarmut der Wälder führen dazu, dass die Wildkatze weiterhin als bedroht eingestuft wird.

    Quelle: Deutsche Wildtier Stiftung www.deutschewildtierstiftung.de

    Julia Raab

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