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    Bad Brückenau

    Sieben neue Stolpersteine in Bad Brückenau

    Der Künstler Gunter Demnig verlegte sie vor vier Wohnhäusern, wo einst Juden wohnten. Unter den Gästen war auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
    Gunter Demnig bei der Verlegung von drei Stolpersteinen für die Familie Goldschmidt vor ihrem früheren Wohnhaus Unterhainstraße 25. Foto: Sigismnud von Dobschütz       -  Gunter Demnig bei der Verlegung von drei Stolpersteinen für die Familie Goldschmidt vor ihrem früheren Wohnhaus Unterhainstraße 25. Foto: Sigismnud von Dobschütz
    Gunter Demnig bei der Verlegung von drei Stolpersteinen für die Familie Goldschmidt vor ihrem früheren Wohnhaus Unterhainstraße 25. Foto: Sigismnud von Dobschütz

    Sieben neue Stolpersteine verlegte der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig (72) am Sonntag vor vier Wohnhäusern in der Altstadt von Bad Brückenau . Damit erinnern jetzt insgesamt 23 Gedenksteine an frühere, von den Nazis ermordete jüdische Mitbürger. Es war seit Februar 2018 bereits die dritte Verlegungsaktion, die der Arbeitskreis "Bad Brückenauer Stolpersteine" um Studiendirektor Dirk Hönerlage veranlasst hatte. Eine vierte Verlegung, für die noch Stolperstein-Paten gesucht werden, ist für die zweite Jahreshälfte 2021 geplant.

    Streichquartett und Ehrengäste

    Mit Musik des jüdischen Komponisten Erwin Schulhoff, der 1942 im bayerischen Internierungslager Wülzburg bei Weißenburg starb, und der Titelmelodie aus dem Film "Schindlers Liste" umrahmte ein Streichquartett aus Musikern des Bayerischen Kammerorchesters die Verlegung der ersten drei Stolpersteine für das Ehepaar Max und Sybilla Goldschmidt und deren Sohn Ludwig in der Unterhainstraße. Zuvor begrüßte Bürgermeister Jochen Vogel ( CSU ) die etwa hundert Gäste, unter ihnen Bezirksrätin Adelheid Zimmermann ( FDP ), Altbürgermeisterin und stellvertretende Landrätin Brigitte Meyerdierks sowie Landrat Thomas Bold (beide CSU ).

    Vor allem dankte er dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster (66), für dessen Anwesenheit, zumal dieser Sonntag nicht nur als 70. Gründungstag des Zentralrats für ihn ein besonderes Datum sei, sondern ihm zugleich ein Wiedersehen mit der Heimatstadt seiner Eltern und Großeltern ermögliche.

    Schuster: "Berührendes Projekt"

    Schuster dankte in seinem Grußwort sowohl dem Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig als auch der Arbeitsgruppe für ihre "Erinnerung an Bürger, die als Nachbarn unter Nachbarn lebten". Nur wenige Meter weiter hatte einst das Hotel Central seines Großvaters Julius Schuster gestanden, und in der Ludwigstraße 4 sei sein Vater David geboren worden. Demnigs weltweite Aktion nannte Schuster "ein berührendes Projekt, das mir persönlich sehr am Herzen liegt", und ergänzte: "Ich freue mich über jeden Stolperstein, der bisher verlegt wurde und noch verlegt wird."

    Mit dieser Aussage vertritt der seit 2014 amtierende Präsident des jüdischen Zentralrats ausdrücklich die gegenteilige Meinung seiner Amtsvorgängerin Charlotte Knobloch (87), die noch immer die Stolpersteine strikt ablehnt. Abschließend sprach Schuster seine Verwunderung aus, dass Bad Brückenau noch nicht mit einem symbolischen Gepäckstück an dem zum "DenkOrt Deportationen" erklärten einstigen Deportationsbahnhof Aumühle in Würzburg vertreten sei. An Bürgermeister Jochen Vogel gerichtet, sah Schuster hier noch Nachholbedarf der Stadt.

    Bold lobt Gymnasiasten für die Initiative

    Als Zeichen der heimatlichen Verbundenheit wertete Landrat Thomas Bold die Teilnahme Josef Schusters "an diesem für den Zentralrat besonderen Tag". Seinen Dank richtete Bold auch an jene Gymnasiasten , die im Jahr 2016 gemeinsam mit ihrem Seminarleiter Dirk Hönerlage die Stolperstein-Initiative in Bad Brückenau gestartet hatten, sowie an die heute daran beteiligten Schüler. An die Umstehenden gerichtet, mahnte der Landrat : "Tragen wir alle dazu bei, dass solche schrecklichen Vorkommnisse sich nicht wiederholen. Wir alle müssen unseren Beitrag leisten im Interesse der Menschlichkeit."

    Nach Verlegung aller sieben Stolpersteine - jede von Musikdarbietungen und dem Verlesen der jeweiligen Biografie begleitet - dankte Dirk Hönerlage im Namen der Stolperstein-Arbeitsgruppe allen Mitwirkenden und Gästen sowie allen Paten und Sponsoren für ihr "zivilgesellschaftliches Engagement, das gegen das Gift des Hasses und des Antisemitismus zu Felde zieht". Mit diesen Gedenksteinen, erläuterte Hönerlage deren Anspruch, soll "die Vergangenheit in unsere Gegenwart 'hineingedacht' werden. So bleibt sie aktiv, wirksam und lebendig."

    Die sieben neuen Stolpersteine:

    Unterhainstraße 25: Max Goldschmidt (1892-1941) und Ehefrau Sybilla (1891-1941) mit Sohn Ludwig (1923-1941); alle drei wurden am 25. November 1941 außerhalb der Stadt Kaunas (Kowno) in Litauen erschossen.

    Ludwigstraße 20: Paula Spier (1874-1941); mit ihrer Schwester Bertha im Juli 1939 aus Bad Brückenau nach Frankfurt (Main) geflohen, erlag sie dort am 5. Dezember 1941 ihrem Krebsleiden

    Ludwigstraße 16: Bernhard Frank (1898-1942); er wurde am 10. Juli 1942 im Vernichtungslager Majdanek bei Lublin (Polen) ermordet

    Buchwaldstraße 15: Theodor Vandewart (*1878) und Ehefrau Regina (*1879); beide wurden im Frühjahr 1942 im Ghetto Piaski bei Lublin (Polen) ermordet

    Mitwirkende der 3. Stolperstein-Verlegung in Bad Brückenau :

    Musik: Julia Glocke, Monica Tarcsay, Thomas Gehring und Michael Weiß ( Streichquartett des Bayerisches Kammerorchesters Bad Brückenau ), Franca Schmitt, Sarah Hofmeister und Franziska Gottwalt (Flötentrio), Christian Hirschler und Theresia Sommer (Gitarre und Gesang), Gerd Kirchner (Gesang)

    Vorleser: Philipp Kreß, Marlon Benkert, Christina Stretz und Felix Opitz (Biografien) sowie Michael Worschech (Gedicht)

    Stolperstein-Patenschaften: Der Arbeitskreis "Bad Brückenauer Stolpersteine" lädt zur Übernahme weiterer Stolperstein-Patenschaften ein. Interessierte melden sich bitte bei Dirk Hönerlage im Franz-Miltenberger-Gymnasium , Telefon (09741) 9128-0, oder bei Jan Marberg im Kulturbüro der Stadt, Telefon (09741) 804-55.

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    Sigismund von Dobschütz

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