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    Bad Brückenau

    Solistin und Orchester sorgen in Bad Brückenau Virtuos und locker für Begeisterung

    Chefdirigent Johannes Moesus, die Blockflötensolistin Dorothee Oberlinger sowie das Bayerische Kammerorchester begeisterten das Publikum in "Vielschreiber", einem kurzweiligen Herbst-Jahreszeitenkonzert. Das Bild entstand wegen der besseren Lichtverhältnisse bei der Generalprobe. Foto:  Thomas Ahnert
    Chefdirigent Johannes Moesus, die Blockflötensolistin Dorothee Oberlinger sowie das Bayerische Kammerorchester begeisterten das Publikum in "Vielschreiber", einem kurzweiligen Herbst-Jahreszeitenkonzert. Das Bild entstand wegen der besseren Lichtverhältnisse bei der Generalprobe. Foto: Thomas Ahnert

    "Vielschreiber" war das Jahreszeitenkonzert für den Herbst des Bayerischen Kammerorchesters (BKO) in Bad Brückenau überschrieben - ein Titel, der erwartetermaßen die Barockzeit in den Fokus rückte. Denn da wurde auf Teufel komm' raus produziert. Da gab es ein riesiges weltliches und geistiges Unterhaltungsbedürfnis. Da entstanden, wenn die Komponisten alt genug wurden, Lebenswerke, deren Opuszahlen bis in den vierstelligen Bereich gingen (wie etwa bei Johann Sebastian Bach ), und deren Erforschung bis heute nicht abgeschlossen ist, weil immer noch neue Kompositionen auftauchen oder die Urheberschaft unklar ist.

    Das wurde Ende des 18. Jahrhunderts ziemlich schnell anders, als die Musik subjektiv wurde, als nicht mehr so sehr die Forderungen des Marktes, sondern der Ausdruckswille der Komponisten die Arbeit in Gang setzten. Ein Beethoven oder Brahms haben die Opuszahl 150 nicht mehr erreicht - was vor allem für ihre Selbstkritik spricht. Komponiert haben sie natürlich trotzdem erheblich mehr. Wer Beethovens Gesamtwerkverzeichnis betrachtet, dürfte gefühlt ebenso viele Titel mit einer WoO-Zahl (Werk ohne Opus) finden wie mit einer offiziellen Opuszahl.

    Blockflöte im Vordergrund

    Kein Wunder also, dass Chefdirigent Johannes Moesus bei seiner Suche nach geeigneten Werken bei Georg Philipp Telemann und Antonio Vivaldi fündig wurde. Zumal er sich auf Werke konzentrieren konnte, die die Blockflöte in den Vordergrund stellen. Denn als Solistin hatte er Dorothee Oberlinger eingeladen, eine der international allerersten "Adressen", wenn es um dieses Instrument in allen Größen und Spielarten geht. Was zunächst vielleicht ein bisschen überraschte, war, dass zwischen den beiden Vielschreibernamen Telemann und Vivaldi der Name Enjott Schneider (Enjott steht für das konventionellere Norbert Jürgen) auftauchte. Aber zu Recht: Denn der 68-jährige Komponist, für fünf Jahre GEMA-Aufsichtsratsvorsitzender und seit 2013 Vorsitzender des Deutschen Komponistenverbandes, hat unter anderem eine Unmenge von Musik geschrieben, die man meist nur im Unterbewussten wahrnimmt: mehrfach preisgekrönte Filmmusik.

    Wo kommt die Musik her?

    Aber auch das Konzert begann mit einer Überraschung: mit "Schiarazula marazula" des italienischen Renaissancekomponisten Giorgio Mainerio. Nicht weil sich der Titel nicht wirklich ins Deutsche übersetzen lässt - am ehesten noch mit "Firlefanz". Sondern weil man nicht wusste, warum und woher plötzlich Musik erklang. Denn Johannes Moesus fehlte noch. Und ohne ihn ... Dafür kam Dorothee Oberlinger von der Seite langsam auf die Bühne, mit ihrer Bassblockflöte gleichsam leise Töne zusammensuchend. Eine geradezu mystische Stimmung verbreitete sich. Dann stimmte die Theorbe ein, dann die tiefen Streicher, dann die hohen. Die Musik hatte sich gefunden. Und nach einer kurzen Generalpause - Dorothee Oberlinger wechselte blitzschnell zur Sopranblockflöte - brach ein schwungvoller, hochvirtuoser, schwingender Tanz los, Mainerios "La lavandara gagliarda". Ein höchst spannender Einstieg in ein ebenso schönes wie interessantes Konzert. Wobei man sagen muss, dass ein Barockkonzert seine Spannung nicht aus der Musik an sich bezieht. Dazu ist sie zu berechenbar, birgt zu wenig konstruktive, harmonische Überraschungen, neigt zu einer gewissen Floskelhaftigkeit.

    Natürlich ist der bekannte Satz: "Wenn man ein Violinkonzert von Vivaldi gehört hat, hat man sie alle gehört" nicht richtig, aber auch nicht ganz falsch. Denn es tritt - noch - nicht der Komponist mit seinen Befindlichkeiten hinter der Musik hervor, sondern er gestaltet allgemeine Emotionen: Trauer, Furcht, Eifersucht, Freude. Und dazu gibt es bewährte Mittel wie seufzende Vorhalte, Chromatik, Temposteuerung, Strich- und Anschlagsarten und vieles mehr.

    Publikum überfallartig mitgerissen

    Entscheidend ist das Wie, die Intensität der Aufführung. Und da muss man sagen, dass Dorothee Oberlinger und die Brückenauer ihr Publikum einfach überfallartig mitgerissen haben. Es war eigentlich egal, ob sie Telemanns Suite D-dur TWV 55:D21 für Oboen, Hörner, Streicher und Basso continuo oder sein Konzert für Blockflöte , Streicher und B.c. TWV 51:C1 oder Vivaldis Konzert für Streicher und B.c G-dur RV 151 "Alla rustica" oder sein Konzert für Flautino, Streicher und B.c. C-dur RV 433 spielten. Es waren die plastische Artikulation, die gute Klangbalance, die auch die Theorbe und das Cembalo hörbar werden ließen, der fundierende Zugriff der Continuogruppe, die frischen, zum Teil sehr hohen Tempi, die keinerlei Verschleierung bewirkten, und die starken strukturierenden dynamischen Kontraste, die die Musik so klar und begeisternd machten.

    Und es war Dorothee Oberlinger mit ihrer unglaublichen Virtuosität und Lockerheit, mit ihrer artikulatorischen Klarheit und Pointiertheit, mit ihrem Gespür für Klangfarben - und ihrem mitunter akrobatischen Wechsel zwischen ihren Flöten. Da blieb mancher Mund offen stehen, als sie mit ihrer Sopraninoflöte zu raffiniertesten Trillern oder aberwitzigen Kaskaden ansetzte, die sie trotz des Tempos auch noch strukturierte. Man hatte nie das Gefühl, dass sie irgendwann an ihre Grenzen kommen könnte.

    Musikalische Überraschungen

    Zwei musikalische Überraschungen gab es trotzdem. Die kleinere, als Dorothee Oberlinger im Adagio des Streicherkonzerts "alla rustica" plötzlich auftauchte, über das Thema der Streicher improvisierte und im dritten Satz die erste Stimme mitspielte. Ob Vivaldi das gefallen hätte, kann uns egal sein. Wir konnten diese Spontaneität ganz einfach genießen.

    Und die größere: Enjott Schneiders "Omaggio a Vivaldi", ein Konzert Blockflöte , Streicher und Cembalo von 2011, eine schöne, geistreiche, witzige und höllisch schwierige Musik, in der Zitate des Venezianers - besonders auffällig der "Winter" aus den "Vier Jahreszeiten" in die heutige Zeit und Klangsprache geholt werden - und das ganz ohne didaktischen Zeigefinger, sondern aus Vergnügen. Das war ein Werk, das man gerne gleich noch mal gehört hätte. Klar, für die Zugabe wäre es zu lang gewesen. So gab's noch zwei klangüppige Sätze aus der 1. Suite von Händels "Wassermusik" - auch ein Vielschreiber.

    Thomas Ahnert

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