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    Bad Kissingen

    Suche nach Stille

    Pfarrer Matthias Karwath betont die Wichtigkeit nichts zu müssen.  Foto: Anja Vorndran
    Pfarrer Matthias Karwath betont die Wichtigkeit nichts zu müssen. Foto: Anja Vorndran

    Stille. Ist das nichts, oder alles? Braucht man sie? Das Gegenteil davon ist Lärm . Lärm macht aggressiv, krank und hindert die Kreativität. Um dem Lärm zu entgehen, begeben sich viele Menschen inzwischen auf die Suche nach Stille. Aber wie und wo ist sie zu finden? Und was passiert, wenn man ihr begegnet?

    Wir leben in einer Welt aus Geräuschen: Straßenlärm, Flugzeuge, Rasenmäher im Sommer, Laubbläser im Herbst, die Tastatur vom Computer, Radio, Fernsehen, die Gespräche der Menschen im Bus im Zug beim Einkaufen, Kirchenglocken, Hundebellen und was auch immer. Echte Stille ist ganz selten und wirkt sich - sofern freiwillig gewählt - positiv aus. "Stille ist sehr sehr wichtig, weil wir aus einer permanenten Erschöpfung kommen", erklärt Pfarrer Matthias Karwath. Als Exerzitien- und Meditationsbegleiter beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema und bietet dazu auch Meditationen an. "Wir leben in einer ständigen Drucksituation einer Leistungs- absoluten Erfolgsgesellschaft", beschreibt er die Situation, in der sich die meisten Menschen befinden. Wer nicht mehr (als andere) leisten könne, führt er aus, der "fällt unten durch." Er betont die Wichtigkeit nichts zu müssen.

    Auf das Innere horchen

    Das heißt nicht, auf dem Sofa abhängen, Chips essen und zocken oder einer anderen Beschäftigung nachzugehen. Es heißt - salopp formuliert - sich auf einen Stuhl setzen, Haltung einnehmen, die Augen schließen und auf das horchen, was von innen kommt und all das auszuhalten, die Gedanken, die Ängste, den Ärger, die Langeweile.

    "In der Stille muss ich nichts, da darf ich, da bin ich und das ist in unserer Zeit fast schon ein Luxus geworden." Nachgewiesen ist, dass laute Geräusche den Blutdruck in die Höhe schnellen lassen. Dabei ist es egal, ob der Presslufthammer dröhnt oder der Hardrock aus den Boxen. Trotzdem reagieren nicht wenige Menschen fast panisch, wenn sie länger als ein paar Minuten echte Stille in Form von Lautlosigkeit erleben - obwohl diese nur ganz selten vorkommt. Der New Yorker Künstler James Rizzi hatte sich einst bei seinem Besuch in Würzburg von einem sehr ruhigen Hotel direkt an den Bahnhof zum Schlafen verlegen lassen. Die relative Stille am Park, bestehend aus lediglich ein paar Nachtschwärmern und wenigen Autos war ihm unheimlich. Dann lieber der Sound des Bahnhofs mit an- und abfahrenden Zügen, Straßenbahnen, Lkw, Pkw, Mofas, Motorrädern und den Gesprächen von Fußgängern. Hier erlebte der Künstler gar keine echte Stille, er war einfach nur von viel weniger Geräuschen umgeben, als er es von seinem New Yorker Penthouse gewohnt war.

    Also mal ins Kloster?

    Dabei braucht der Mensch so dringend das Abschalten - nicht nur des Smartphones, auch des Fernsehers, Radios und vieler anderer Quellen. "Die Stille führt zu mir zu meiner eigenen Person", führt Karwath aus. In der Stille entwickle sich eine ganz persönliche Ausstrahlung, Klarheit und Ordnung. "Das ist das große Geschenk der Stille", so Karwath. Um sie kennen zu lernen kann man klar eine Woche ins Kloster fahren, oder einen Stille-Workshop in einem Hotel buchen. Man kann aber auch die Ressourcen daheim nutzen, um ab und zu mal auszusteigen. Wer die echte Stille sucht, der wird vor der Haustüre fündig - mitten im Trubel draußen, finden sich drinnen Oasen, in denen man - zumindest zeitweise - nichts hört und den Genuss der Stille erfahren kann.

    In Pfarrer Karwaths Mediationsraum in Bad Bocklet gehört zum Ritual, die Schuhe auszuziehen, sich mit einer Verbeugung zu begrüßen und 25 Minuten mit geschlossenen Augen in der Stille zu verbleiben. Dann folgt eine Gehmeditation, weiter 25 Minuten Stille und ein Verabschiedungsritual. In dieser Stille verliert man jegliches Gefühl für Zeit und Raum. Ab und zu schleicht sich das Knirschen von Kies, verursacht von vorbeilaufenden Passanten oder das Klappen einer Tür in den Raum. Ansonsten: Wohltuendes Nichts.

    Auch mitten in der Stadt

    Richtig still kann es auch mitten in der Stadt zugehen: In der römisch-katholischen Jakobuskirche am Rathausplatz in Bad Kissingen zum Beispiel. Man sollte sich nicht entmutigen lassen, wenn der Haupteingang geschlossen ist, die Nebentüre ist garantiert offen und bildet den Eintritt in ein anderes Reich. Außerhalb der Gottesdienste finden nur wenige Interessierte den Weg in die Kirche und die verhalten sich meistens auch ganz still. Ein paar Minuten reichen, um dem Alltag zu entfliehen und neue Kraft zu tanken. "Der stillste Ort für mich ist in der Herz Jesu Kirche vor der Maria", kommt wie aus der Pistole geschossen von Pastoralreferent Rainer Ziegler . Stille Orte sind: Alle Kirchen außerhalb der Gottesdienste , die Parkanlagen am Morgen oder spät abends, die Wandelhalle oder Friedhöfe.

    Beratung und Informationen gibt es im KontaktPunkt in der Von-Hessing-Str.1 oder unter Tel.: 0971/66683. red

    Anja Vorndran

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