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    Bad Kissingen

    Sucht: Wenn der Drang gewinnt

    Foto: Erwin Wodicka - wodicka@aon.at, stock.adobe
    Foto: Erwin Wodicka - wodicka@aon.at, stock.adobe

    Zurückschneiden, umgraben, aussäen - nach der Schufterei im Garten hätte sich Britta Kunkel* (*Namen geändert) unter anderen Umständen jetzt eine Belohnung gegönnt. Sie hätte sich zurückgelehnt und sich ein Piccolo aufgeschraubt. Früher wäre es nicht das einzige geblieben für diesen Tag. Ihr letzter Absturz ist ein Dreivierteljahr her. Daraufhin verbrachte sie zwölf Tage im Krankenhaus, eine Woche davon auf der Intensivstation. Schluss - aus: Britta Kunkel will weg vom Alkohol. Nach einer Therapie findet sie nun Halt in der Gruppe "Herz und Verstand". Silvia Herrmann von der Caritas-Suchtberatungsstelle hat die Runde vor gut einem Jahr ins Leben gerufen. Eine Gruppe nur für Frauen. Frauen mit einem Suchtproblem wie Britta Kunkel.

    Jeden zweiten Dienstag sitzen die Damen zusammen. Immer wieder dreht es sich in der Runde um Authentizität, sagt Silvia Herrmann. Ihre Mission in der Frauen-Runde: Impulse geben. Die Sucht-Beraterin liefert Geschichten zum Nachdenken, Atemübungen, Sinnfragen. "Was macht mich stark, was schwach? Wie wehre ich mich? Kann ich nein sagen und Grenzen ziehen?" Schicksale verbinden, aus Betroffenen werden Freudinnen. "Man fühlt sich hier verstanden", sagt Britta Kunkel. Sie hatte immer gedacht, sie würde es alleine schaffen, erzählt sie. Heute ist sie froh, dass sie das nicht muss.

    Frauen finden Mut

    Die Frauen, die sich in der Gruppe der Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtprobleme Hilfe erhoffen, sind zwischen Mitte 40 und Ende 70. Jede der Damen hat ihre eigene Geschichte. So wie Gerda Fischer*, die seit sechs Jahren trocken ist. Sie spürt, wie das Vertrauen ihres Sohnes zurückkehrt. Ganz langsam. Das Größte für sie: als ihre Enkel zum ersten Mal bei ihr übernachten durften, erzählt sie. "Der Oma-Tag gibt mir so viel Kraft." Auch Susanne Fell* fühlt sich heute "wie ein anderer Mensch". Sie erzählt, wie sich ihre Sucht über die Zeit gesteigert hat: Aus der Schorle wurde purer Wein, aus dem Glas eine Flasche. Die Hausfrau und Mutter verbringt viel Zeit im Keller, wo sie ihre Vorräte versteckt. Sie sehnt die Abende herbei. Die Zeit, in der sie ihr Gefühl der "permanenten Überforderung" mit Alkohol betäubt. Bis dahin funktioniert sie. Susanne Fell versucht, ihr Problem vor ihrer Familie geheim zu halten. Beschaffen und entsorgen: Die Logistik rund um den Alkohol wird zum Spießrutenlauf. "Ich war für mich selbst eine kleine Kriminelle." Sieben Jahre lang war sie abhängig. Als sie spürt, wie "angewidert" ihr Ehemann und ihre Kinder von ihr waren, zieht sie die Reißleine. "Ich wollte wieder ein Mensch sein."

    Isolde Teich* fliegt an ihrem Arbeitsplatz auf. Aufstehen, zwei Gläser Wein vor dem Frühstück, eine Saft-Flasche tarnt die Wein-Schorle für die Zeit während der Schicht. Elf Kilometer bis zum Betrieb, elf Kilometer wieder nach Hause - hinter dem Steuer. Passiert ist nie etwas. Isolde Teich wird kein einziges Mal angehalten. Sie arbeitete in der Altenpflege. "Ich wollte jeden Tag das Pensum schaffen", sagt sie. Vor zehn Jahren verliert sie die Kontrolle. Von da an dirigierte der Alkohol ihren Alltag. Bis eine Kollegin einer Bewohnerin schnell etwas zu trinken geben wollte - von Isolde Teichs Saftflasche. Ihre Chefin machte Druck und Isolde Teich schließlich eine Therapie. "Mir wurde ein zweites Leben geschenkt", sagt sie heute.

    Vier Frauen, vier Leben. Keine der Damen will jemals wieder dorthin, wo sie mal war. Nie mehr zurück in dieses "alte Leben". Ein Leben unter der Diktatur des Alkohol. Nach der Therapie hilft ihnen jetzt die Gruppe "Herz und Verstand" von der Caritas-Suchtberatungsstelle.

    Druck - beruflich wie privat

    Silvia Herrmann beobachtet: "Viele Frauen verfangen sich immer noch im Rollensystem." Was daraus entstehen kann, nennt die Leiterin der Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme "permanente Überforderung" - im Job wie in der Familie. Der Druck, alles unter Kontrolle zu haben, zu funktionieren - eine ständige Überlastung. "Der Alkohol hilft manchmal, sich etwas vorzugaukeln", sagt die Sozialpädagogin. Silvia Herrmann will den Damen helfen bei der Suche nach der Antwort auf die Frage: "Kann ich es aushalten, nicht perfekt zu sein?!"

    Nächstes Jahr feiert Britta Kunkel ihren 70. Ohne Alkohol. Ein Gläschen zu trinken oder zwei war immer normal für sie und ihre Familie, erzählt sie. "Es gibt ihn überall, überall wird getrunken - das ist ein gesellschaftliches Problem." Ihr persönliches kommt vom jahrelangen Alkoholkonsum: Britta Kunkel quälen Nerven-Schäden. Lange konnte sie nicht laufen. Es war der größte Wunsch ihres Mannes, dass sie eine Therapie macht. Jetzt ist sie Witwe. Ihr Liebster erlebt nicht mehr, wie sie sich zurück ins Leben kämpft. "Ich will das letzte Viertel meines Lebens genießen - mit meinem Sohn und meinen Enkelkindern."

    Angebot Die Mitarbeiter der Caritas Suchtberatungsstelle wollen Menschen helfen, die Probleme mit Alkohol, Medikamenten, Drogen oder dem Essverhalten haben oder spielsüchtig sind. Genauso wollen sie deren Angehörige unterstützen, die mit den Schwierigkeiten ihrer Liebsten konfrontiert sind. Was ist eine Sucht? Wie entsteht sie und wo bekomme ich welche Hilfe? Die Berater stehen für eine ambulante Intensivbetreuung bereit und wollen vermitteln. Menschen mit Suchtproblemen werden auf eine stationäre Therapie vorbereitet und danach betreut und begleitet - auch in Selbsthilfegruppen.

    Kontakt Die Suchtberatung der Caritas ist in der Hartmannstraße 2a in Bad Kissingen. Die Berater sind telefonisch erreichbar unter 0971/72469200 und per Mail unter suchtberatung@caritas-kissingen.de . bcs

    Carmen Schmitt

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