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    Hammelburg

    Hammelburg: Umzug fördert Raritäten zutage

    Museumsleiterin Elfriede Böck, die auch das Stadtarchiv leitet, musste mit ihrem Büro im Kellereischloss umziehen. Dabei entdeckten sie und ihr Mitarbeiter Thomas Mendel spannende Zeitzeugnisse.
    Die Archivare der Stadt Hammelburg, Elfriede Böck und Thomas Mendel, mit der 'Hausvater'-Literatur, der Schulkladde von 1865 und der Jahresrechnung des Orts Pfaffenhausen aus 1781.Winfried Ehling       -  Die Archivare der Stadt Hammelburg, Elfriede Böck und Thomas Mendel, mit der 'Hausvater'-Literatur, der Schulkladde von 1865 und der Jahresrechnung des Orts Pfaffenhausen aus 1781.Winfried Ehling
    Die Archivare der Stadt Hammelburg, Elfriede Böck und Thomas Mendel, mit der "Hausvater"-Literatur, der Schulkladde von 1865 und der Jahresrechnung des Orts Pfaffenhausen aus 1781.Winfried Ehling

    Ein Umzug bringt immer zwei Seiten mit sich. Einerseits ist es die Freude auf das neue Haus, eine größere Wohnung oder ein modernes Büro. Die Kehrseite eines Auszugs aus dem gewohnten Domizil heißt jedoch in der Regel verpacken, Möbel schleppen, reinigen und vielleicht noch renovieren.

    Gelegentlich verblüfft ein Ortswechsel jedoch auch mit überraschenden Funden wie dies den Hammelburger Stadtarchivaren, Elfriede Böck und Thomas Mendel, widerfuhr. Beim Umzug ihres Büros im Kellereischloss war großes Aufräumen angesagt. Dabei stieß das Team auf Verstecktes, das hinter Büchern und Akten gerutscht war. Die historischen Schriften, die sie fanden, sind nicht nur Zeugen einer anderen Zeit ,sondern teils schon Kleinode, nach denen sich Archivare und Antiquare die Finger lecken.

    Tagebuch einer Lehrerin

    So entdeckten sie ein Goldenes Schülertagebuch einer Lehrerin von 1865 bis 1867 und des Jahres 1874. Die Pädagogin zählte hier namentlich "die brävsten und fleißigsten Mädchen und Knaben" der Kinderschule (Volksschule) auf, aber auch solche, die sich frech, faul oder aufsässig verhielten.

    Zum Beispiel die vorlauten Marianne und Georg, den jähzornigen Willi, "den Knecht Ruprecht hoffentlich in seinen Sack steckt" und den schlimmsten von allen, Erhard. Die Familiennamen dieser Schüler sind teils noch heute in Hammelburg geläufig.

    Des weiteren fand sich "Hausväter"-Literatur, geschrieben und mit Kupferstichen bebildert, aus dem Jahr 1687. Ein Hausvater war ein Ratgeber für Landbesitzer, Adelige und Bauern. Diese Mentoren und Berater besaßen ein hohes Maß an Wissen über seinerzeit wichtige Dinge des Lebens, den Ackerbau, die Schafzucht, die Aussaat und die Bodenbearbeitung.

    Die vergilbten Seiten des Buches in altdeutscher Schrift berichten über die Arbeit des Müllers, das Mehl und sogar den Tabakanbau, den es damals gab. Elfriede Böck befand es als "ideal für das Stadtmuseum". Ähnliche Bücher hatte sie schon in ihrer Studienzeit in Händen. "Die Hausväter bearbeiteten viele Themen und schrieben sie nieder, dies war damals eine Art von Weiterbildung", berichtet sie.

    Ausstellung mit der Bundeswehr

    Thomas Mendel wartete derweilen mit einer Gemeinderechnung von Pfaffenhausen aus dem Jahr 1781 auf, in der fein säuberlich die Einnahmen und Ausgaben des Dorfes aufgelistet waren. Eine "Gerichts- und Dorfordnung" von Hans-Georgen von Greifenstein bezog sich auf das umliegende Dorf Bonnland und die Ländereien. Es datiert in das Jahr 1660. Der genannte dürfte ein Ahne von Ludwig von Gleichen-Rußwurm sein, der einst Friedrich Schillers Tochter heiratete, mit der er auf Schloss Greifenstein lebte. Das Schriftstück wollen die Archivare in einer gemeinsamen Ausstellung mit der Bundeswehr einbringen.

    Das interessanteste Fundstück ist jedoch ein verschlissenes Büchlein, das aus dem Jahr 1555 stammt. Johannes Ferrarius beschreibt darin die Teilung des Franziskaner-Ordens in die drei deutschen Provinzen Thuringia (Thüringen), Colonia (Köln und Saxonia (Sachsen). Alle drei Konvente schlossen sich jedoch den Rekollekten an, somit gab es keine Spaltung. Die Thüringische Provinz von der Heiligen Elisabeth bestand bis vor zehn Jahren.

    Gefunden im ehemaligen Kloster Volkersberg befand sich der Band 1683 in einer fuldischen Bibliothek . Eine eingelegte Notiz besagt, dass das juristische Werk 1706 Bestand der Bibliothek der thüringischen Franziskanerprovinz war. Die Stadt Hammelburg kaufte das Exemplar 1966 für 80 Mark für ihr Stadtarchiv .

    Das Leben des Johannes Ferrarius

    Der Verfasser Ferrarius, der eigentlich Eisermann hieß, ist um 1485 im hessischen Amöneburg geboren. Er nahm mit 14 Jahren seine Studien - zunächst in Münster dann in Wittenberg - auf und erwarb theologische und medizinische Grade.

    1521 ließ er sich in Marburg nieder und heiratet. Hier trat er in den Rat der Stadt ein und wurde Schöffe. Ferrarius eignete sich ein umfassendes, juristisches Wissen an. Er wurde ein über Deutschland hinaus bekannter Rechtsgelehrter. Als Gründungsrektor der Universität Marburg und Professor des Civilrechts promovierte er sechs Jahre später zum Doktor der Rechte. In seiner Wittenberger Zeit veröffentlichte er auch ein lateinisches Gedicht über die Heilige Elisabeth.

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    Winfried Ehling

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