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    LKR Bad Kissingen

    "Wir hatten keine Angst vor dem Krieg": Zeitzeugen erinnern sich an den Beginn des Zweiten Weltkriegs

    Blick auf die Truppenparade der Wehrmacht am 5. Oktober 1939 in Warschau. Foto: dpa - Bildfunk
    Blick auf die Truppenparade der Wehrmacht am 5. Oktober 1939 in Warschau. Foto: dpa - Bildfunk

    Der 1. September 1939 war ein sonniger Freitag. Aus dem Süden wehte ein leichter Wind. In Bad Kissingen herrschte Normalität. In den Kinos lief die Komödie "Ein hoffnungsloser Fall" und das Kurorchester spielte Verdi. Getrübt wurde das Idyll einzig durch die Nachrichten. Seit Wochen berichtete die damals - wie alle anderen Zeitungen auch - gleichgeschaltete "Saale-Zeitung" von angeblichen polnischen Gräueltaten gegenüber Deutschen.

    Bad Brückenau: Else Prause wurde von ihrem Onkel nach Hause geschickt

    Else Prause war da schon längst in ihre Heimatstadt Brückenau zurückgekehrt. Die damals 13-Jährige hatte einige Ferientage bei Onkel und Tante in Frankfurt verbracht, sollte dort eigentlich noch länger bleiben. Doch ihr Onkel Max, Oberamtmann bei der Stadt Frankfurt, schickte in weiser Voraussicht seine Nichte am Wochenende vor Kriegsbeginn per Eisenbahn heim. "Er hat gesagt, sonst schaffe ich es nicht mehr dorthin. Und Tante Anna sollte fortgehen, um eine Stange Brot zu kaufen. Es gebe bald nicht mehr viel zu essen", erinnert sich die heute 93-Jährige. In der Tat wurden gleich nach Kriegsbeginn Lebensmittel rationiert, wie ein Artikel in der Saale-Zeitung vom 28. August 1939 belegt. Bezugsscheine gab es jedoch nicht nur für Fleisch und Brot, sondern auch für Seife und Kohle.

    Als Else Prause am Wochenende des 26. und 27. August 1939 über Gemünden und Jossa im Zug unterwegs in Richtung Heimat war, bemerkte sie die vielen Truppentransporte; die Bahnhöfe waren überfüllt. "Alle waren so euphorisch. Die Soldaten sagten, sie seien Weihnachten wieder daheim."

    Medien transportierten das Bild einer erfolgreichen Armee

    Die Euphorie - sie herrschte auch unter der Jugend jener Zeit. "Wir hatten keine Angst vor dem Krieg, haben uns nichts Böses drunter vorgestellt. Und wir haben gedacht, unsere Soldaten regeln das schon", sagt die Bad Brückenauer Ehrenbürgerin. Das Bild transportierten auch die Medien. In den Zeitungen finden sich immer wieder Fotostories, die ein Loblied auf das deutsche Militär singen. Dass aber aus dem Polenfeldzug ein Weltenbrand werden würde, der mehr als fünf Jahre dauert - das habe keiner angenommen.

    Prause erinnert sich auch, dass in der damaligen Halle des Brückenauer Turnvereins eine Art Notlazarett eingerichtet wurde. Feldbetten waren aufgestellt; Decken lagen bereit. Den Vorplatz zierte ein großes Zelt. "Offensichtlich wurde angenommen, dass viele Verwundete kommen, die notdürftig versorgt werden müssen."

    Lazarett ohne Verwundete

    Benötigt wurde die Halle nicht; kein einziger Verwundeter wurde dorthin gebracht. Einerseits nicht verwunderlich, lag Brückenau doch viele Hundert Kilometer von der Front entfernt. Auch hielt sich die Opferzahl im nur fünf Wochen dauernden Polenfeldzug auf deutscher Seite vergleichsweise in Grenzen: Die Wehrmacht meldete 10 572 tote, 30 322 verwundete und 3404 vermisste Soldaten. Andererseits zeigen die Vorbereitungen, dass die Behörden in diesen ersten Kriegswochen mit weit mehr Opfern gerechnet hatten. Allerdings: Laut einer Gefallenenliste gab es in Bad Kissingen acht Gefallene. Der jüngste Tote der Liste war der 25-Jährige Kurt Blaurock. Laut Else Prause, die sich ein Leben lang mit Heimatgeschichte beschäftigt hat, mussten die Brückenauer keinen einzigen Toten im Polenfeldzug beklagen. Sie weiß lediglich von Valentin Brunn, der in den Kämpfen ein Bein verlor. Da war er 21 Jahre alt.

    Heute lässt der Zweite Krieg die 93-Jährige immer noch nicht los. Weil die Zahl der Opfer in dessen Verlauf stark stieg. Unter anderem verlor sie am 28. März 1945 ihren Bruder bei Kämpfen in Schweinfurt. Ebenso stiegen die Belastungen der Zivilbevölkerung . "Ich wünsche mir nur, dass meine Enkel und Urenkel so etwa nicht erleben müssen."

    Steffen Standke, Joachim Rübel

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