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    WIESENBRONN

    Barbara Becker steht vor einer Zitterpartie

    Gestenreich: Barbara Becker beim Gespräch im Würzburger Bürgerspital. Die Unternehmerin will für die CSU ins Europaparlament. Foto: Theresa Müller

    Es ist wie der Ritt auf einer Rasierklinge – Ausgang ungewiss: Schafft Barbara Becker am 25. Mai den Einzug ins Europaparlament – oder steht die unterfränkische CSU nach Anja Weisgerbers Wechsel in den Bundestag künftig ohne Abgeordnete da? „Es ist nicht kalkulierbar“, räumt Becker ein, die auf CSU-Platz acht in Bayern nominiert ist – also auf jenem Platz, der 2009 gerade noch gereicht hat.

    Eigentlich steht die CSU nach den Wahlen der vergangenen Monate ja ganz gut da. Aber die politische Landschaft hat sich verändert: Durch den Beitritt Kroatiens hat Deutschland künftig nur noch 96 Mandate (vorher: 99). Außerdem hat das Bundesverfassungsgericht die Drei-Prozent-Hürde für die Europawahl gekippt, so dass sich „Kleine“ wie die Alternative für Deutschland (AfD), Freie Wähler, Piraten und einige andere ein paar Sitze schnappen dürften.

    Schlecht für Beckers Ambitionen – helfen könnte bei dieser Zitterpartie eine hohe Wahlbeteiligung in Bayern. „Vielleicht sind die Leute in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg trotz gleichzeitiger Kommunalwahl ja wahlfauler als wir“, hofft die 44-Jährige, die bei ihrer Bewerbung besonders auf die Karte Landwirtschaft setzt.

    Dort liegen ihre Wurzeln: Großeltern und später ihre Eltern führten in Wiesenbronn (Lkr. Kitzingen) zunächst einen Vollerwerbsbetrieb mit Kühen, Schweinen, Geflügel, Acker- und Weinbau. 1973 stellten sie auf Bioanbau von Trauben um, gaben die anderen Erwerbszweige auf, beliefern seitdem das Bioweingut Gerhard Roth. „Anfangs war es äußerst schwierig. Aber daher kommt meine Leidenschaft für Veränderungsprozesse. Ich weiß, was es bedeutet, Neues zu wagen.“

    In der Landwirtschaft will Becker drei Dinge zusammenbringen: die berechtigten Interessen der Unternehmen, der Verbraucher – und der Tiere. Zum Beispiel wehrt sie sich vehement gegen die Pauschalverteufelung des Begriffs Massentierhaltung. „Es kommt immer auf das ,Wie‘ der Haltung an, auf die Qualität.“

    Schönes Beispiel: In Südbayern seien Kühe oft in kleinen Ställen den ganzen Tag angebunden. In Nordbayern hingegen seien Freilaufställe Standard, in denen aber wesentlich mehr Tiere gehalten würden. Becker ganz keck: „Als Kuh würde ich lieber in Nordbayern leben.“ Die Diplompädagogin wagte nach erfolgreicher Arbeit als Vorsitzende der Evangelischen Landjugend Bayerns 1995 den Schritt in die Selbstständigkeit. „Ich finde es cool, Leuten etwas beizubringen, mag Fragen wie: Wie lernen Menschen? Wie entwickeln sich Organisationen?“

    Ihr Geschäft – Strategieberatung – müsse manchmal wehtun, es gelte, den Finger in die Wunde zu legen. „Ich muss mich meiner Meinung enthalten, aber anderen helfen, ihre eigene Meinung zu entwickeln. Das klappt insgesamt hervorragend.“

    „Als Kuh würde ich lieber in Nordbayern leben.“
    Barbara Becker CSU-Europakandidatin

    Jetzt allerdings will Becker selbst die politische Bühne betreten, für ihre Meinung und Haltung eintreten. „Das Spannende an Politik ist, dass sie die Regeln für das Zusammenleben der Menschen entwickelt.“ Ihre Idee: Man sollte manche Gesetze von Anfang an befristen. „Dann würde zum vereinbarten Termin überprüft, ob sie weiter nötig sind oder nicht, was eventuell angepasst werden muss.“

    Speziell in Brüssel würde versucht, alles sehr komplex zu machen, eine Regelung für jeden Einzelfall zu finden. „Dem muss Einhalt geboten werden. Der Schlüssel dafür ist der gesunde Menschenverstand.“

    Sollte Becker den Sprung nach Brüssel schaffen, gibt es dort neue Töne: „Musik ist lebenswichtig – hören und singen. Ich werde unleidlich, wenn ich nicht singen darf“, sagt die Mutter zweier schulpflichtiger Kinder. Sie gehört seit Jahren zum Wiesenbronner 3 Klang, „wir machen freche, fränkische Volksmusik, dazu auch Schlager.“

    Aus der Haut fährt Becker, wenn Technik nicht funktioniert. „Bei Fax oder Laptop ist meine Toleranzschwelle niedrig. Bei Menschen nicht – dafür bin ich zu lange im Geschäft.“ Um ungeschminkt-kritisches Feedback zu bekommen, hat sich Becker ein Wahlkampfteam aus acht Personen zusammengestellt, das ihr betont kritisch gegenübersteht. „Die weisen mich schonungslos auf Fehler hin, Freunde sind dafür zu nett.“ Beispielsweise gibt es gelegentlich den Vorwurf, die Personalentwicklerin sei zu dominant. „Ich denke über solche Kritik nach, betone dann andere Facetten stärker oder nehme sie zurück. Nur Verstellen geht nicht, das kann und will ich nicht.“

    Großes Anliegen ist ihr, wirksam zu sein, im Großen wie im Kleinen. „Wenn jemand schmeckt, was ich gekocht habe. Wenn ich eine Frage stelle und der Adressat sagt, dass er darüber nachdenken muss. Oder wenn ich Europa erkläre und jemand äußert: Jetzt hab ich es verstanden.“

    Einer von Beckers Lieblingsplätzen ist das Bürgerspital in Würzburg. „Es ist ein 700 Jahre alter, sehr lebendiger Beweis dafür, dass Menschen große Dinge erreichen können, wenn das Ziel ambitioniert und der Zusammenhalt gut ist.“ Die Verbindung von Wirtschaftsbetrieb und Sozialunternehmen funktioniere dort beispielgebend, „beides gehört für mich untrennbar zusammen“.

    Als Unternehmerin will sich Barbara Becker in Brüssel auch für kleine und mittelständische Betriebe starkmachen. Falls es was wird mit dem Einzug ins EU-Parlament. „Wenn es für mich nicht reicht, ist Monika Hohlmaier die einzige CSU-Abgeordnete für ganz Franken“, gibt sie zu bedenken. Selbst wer mit der SPD sympathisiert, könnte taktisch wäh- len, denn als Vierte der Bundesliste sei Kerstin Westphal aus Schweinfurt sicher wieder in Brüssel, steht vor ihrer zweiten Wahlperiode. „Zusammen ließe sich für die Region sicher manches besser vorantreiben“, so Becker.

    Barbara Becker

    Die 44-Jährige (geboren 18. Juni 1969 in Schweinfurt) ist verheiratet, hat zwei schulpflichtige Kinder. Seit 1995 ist die Diplompädagogin, Schwerpunkt Erwachsenenbildung und Arbeitswissenschaft, selbstständig und leitet ihr Beratungsunternehmen in Wiesenbronn. Die Nebenerwerbswinzerin war Landesvorsitzende (1988 bis 1993) und Bundesvorsitzende (1995 bis 1998) der Evangelischen Jugend im Ländlichen Raum. Engagiert ist die einstige Bayerische Meisterin im Geräteturnen z. B. als Vorsitzende der Frauen-Union Kitzingen, als Sängerin beim Wiesenbronner 3 Klang und beim SV Wiesenbronn. Text: noh

    Brüsseler Personalkarussell

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