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    KÜRNACH

    Die Energiewende im Lokalen

    Holzschnitzelanlage statt Gasheizung: So spart die Gemeinde Kürnach laut Bürgermeister Thomas Eberth viel Geld. Foto: Pat Christ

    Mit Demonstrationen brachten die Bürger nach der Katastrophe von Fukushima machtvoll zum Ausdruck: Wir wollen keine Kernkraft. Das war vor drei Jahren. Die Politik reagierte und leitete die Energiewende ein. Inzwischen wird kaum noch demonstriert. Dafür finden hinter den Kulissen rege Arbeiten statt, um die Energiewende tatsächlich zu realisieren. Laut Stefanie Thomuscheit, Energiemanagerin im Würzburger Amt für Ländliche Entwicklung, tut sich gerade auch in Unterfranken eine Menge.

    Die Entwicklung begann mit der Vorlage eines deutschlandweiten Energiekonzepts im Herbst 2010 – ein halbes Jahr vor Fukushima. Ziel ist es, den Energieanteil an der Stromerzeugung aus Sonne, Wind und Co. bis 2025 auf 40 bis 45 Prozent und bis 2035 auf 55 bis 60 Prozent auszubauen. Dabei helfen auch Kommunen mit. In Unterfranken haben inzwischen 14 Gemeinden eigene Energiekonzepte für eine weitgehend CO2-neutrale Stromerzeugung erarbeitet. Eine davon ist Kürnach im Landkreis Würzburg.

    Bereits seit 2009 wird auf dem Dach der Kürnacher Schule Solarenergie produziert. „Wir waren also schon vor Fukushima aktiv“, so Bürgermeister Thomas Eberth. Wärme erhalten die Grundschüler seit fünf Jahren durch eine Holzhackschnitzelanlage. Doch damit ist das gemeindliche Potenzial, was die Erzeugung regenerativer Energien anbelangt, längst nicht ausgeschöpft. Das zeigt das Energiekonzept, das Kürnach 2013 mit Mitteln der Staatsregierung erstellte.

    Zwei Solarparks

    Inzwischen wird in der Gemeinde Solarstrom in großem Stil erzeugt. „Wir haben zwei Solarparks“, so Eberth. Ein großer Teil des Stroms, der von der Verwaltung, von öffentlichen Einrichtungen, den Bürgern und der Wirtschaft verbraucht wird, kann damit ökologisch sauber produziert werden. 12,5 Millionen Kilowattstunden Strom verbraucht die Gemeinde derzeit im Jahr, ergab das Energiekonzept. Knapp zehn Millionen Kilowattstunden werden inzwischen regenerativ hergestellt. Es fehlt also nicht mehr viel, um das Ziel „Energieautarkie“ zu erreichen. Wenn nur Bürger und Gewerbetreibende mitmachen würden.

    Nun üben Bürger zwar schnell Kritik an der Politik, die nach ihrer Meinung viel zu wenig tut, um das Klima zu schützen und die Energiewende voranzutreiben. Doch selbst aktiv werden? Daran hapert es oft. „Das Thema Energie verliert allmählich an Bedeutung“, bedauert Eberth, der sich ein wenig über die „Trägheit“ der Bürger und Gewerbetreibenden seiner Gemeinde ärgert.

    Älteren Menschen, die ein Häuschen bewohnen, kann freilich niemand verdenken, dass sie sich nicht intensiv in die Materie „Energie“ vertiefen: „Das Thema ist technisch komplex.“ Deshalb würde sich Eberth von der Politik ein Programm wünschen, das zum einen Privatleute und zum anderen Gewerbetreibende in Sachen energetischer Ertüchtigung der eigenen Gebäude kostenlos berät. Auf vielen Dächern in Kürnach könnte noch Sonnenstrom produziert werden. Würden sämtliche geeignete Dachflächen genutzt und würde gleichzeitig Energie eingespart, würde die Gemeinde bald genauso viel erneuerbare Energie erzeugen, wie sie insgesamt verbraucht.

    Eberth, der seit 2008 als CSU-Bürgermeister in Kürnach wirkt, treibt das Thema „Energiewende“ seit seinem Amtsantritt sowohl aus ökologischen, als auch aus ökonomischen Gründen voran. „Die Sache rentiert sich“, sagt er. Bestes Beispiel dafür ist die Grundschule: „Früher mussten wir jedes Jahr für rund 45 000 Euro Gas einkaufen.“ Heute ist, je nach Witterung, jährlich eine Holzhackschnitzelrechnung in Höhe von 6000 bis 7000 Euro zu begleichen: „Das macht unterm Strich ein ganzes Klassenzimmer pro Jahr aus.“

    Das Energiekonzept half der Gemeinde sehr, besonders wirkungsvolle Maßnahmen in den Bereichen Energiesparen, Steigerung der Energieeffizienz und Einsatz erneuerbarer Energien aufzudecken. Eberth: „Vorher hatten wir Insellösungen entwickelt. Das Energiekonzept eröffnete uns die Chance, die Potenziale über das gesamte Ortsgebiet hinweg zu analysieren.“ Und geeignete Maßnahmen zu entwickeln.

    Die konkreten Ideen gingen aus einem gemeinschaftlichen Brainstorming hervor: „Wir veranstalteten mehrere Bürgerwerkstätten.“ Als der Prozess losging, waren die Bürger auch noch eifrig dabei: „Das Alte Rathaus war anfangs gut gefüllt.“ Doch der Eifer ließ nach. Als das 35 000 Euro teure Konzept nach einem, so Eberth, „unglaublich stressigen“ Datenerhebungsprozess präsentiert wurde, erschienen noch um die 50 Bürger. Einige zeigten sich von den Ergebnissen enttäuscht. Denn nicht alles, was sie sich gewünscht hatten, entpuppte sich als machbar: „So prüften wir, ob sich ein Nahwärmenetz realisieren lässt.“ Doch das ist derzeit nicht der Fall.

    14 Gemeinden in Unterfranken

    Die Energiekonzepte schon schrittweise umgesetzt haben – neben Kürnach – Rüdenau (Lkr. Miltenberg), Gochsheim, Stadtlauringen, Schwebheim und Sennfeld (alle Lkr. Schweinfurt) sowie Sommerach (Lkr. Kitzingen). Auf der Basis erneuerbarer Energien wollen auch Dittelbrunn (Landkreis Schweinfurt), Estenfeld und Aub (Landkreis Würzburg), Oberschwarzach und Mainbernheim (Landkreis Kitzingen) sowie Neuendorf (Landkreis Main-Spessart) Energiewenden einleiten. Eine Bestandsanalyse liegt inzwischen jeweils vor. Nun werden Maßnahmenpläne erstellt. Laudenbach im Landkreis Miltenberg ist noch dabei, den Bestand zu erheben.

    In allen Gemeinden sind die Bürger bereit, Verantwortung für die Energiewende zu übernehmen. „Nur dann werden die Energiekonzepte gefördert“, so Baudirektor Peter Kraus, Leiter der Abteilung Dorf- und Landentwicklung im Amt für Ländliche Entwicklung. Gefördert wird über ein vor zwei Jahren aufgelegtes Programm des Freistaats, durch das bayernweit 100 Gemeinden auf dem Weg zur „bilanziellen Energieautarkie“ unterstützt werden.

    Langsame Energiewende

    Erneuerbare Energien: Das Tempo beim Ausbau in Bayern ist im vergangenen Jahr zurückgegangen. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten bayerischen Stromproduktion stieg um 2,4 Prozentpunkte auf 31 634 Gigawattstunden, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Wasserkraft, Photovoltaik, Biomasse, Windkraft und andere machten damit 34,8 Prozent der gesamten Stromerzeugung aus. Das Plus von 2,4 Prozentpunkten bedeutet allerdings den prozentual geringsten Anstieg der vergangenen Jahre.

    Windstrom: Der Anteil an der bayerischen Stromproduktion lag Ende 2013 bei nicht einmal 1,5 Prozent. Der Energieexperte der Freien Wähler, Thorsten Glauber, warf Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) vor, er bringe die „hoffnungsvoll gestartete Entwicklung der Windkraft in Bayern zu Fall“. Die CSU hat größere Mindestabstände von Windrädern zu Wohnhäusern durchgesetzt.

    Stromerzeugung: In Bayern ging sie im vergangenen Jahr um 3 Prozent auf 90 852 Gigawattstunden zurück. Grund dafür ist die deutlich geringere Stromproduktion durch Erdgas – dieser Anteil sank von 13,2 auf 9,9 Prozent. Atomkraftwerke lieferten 47,3 Prozent des erzeugten Stroms. Die Staatsregierung propagiert seit langem den Bau von Gaskraftwerken und hat massive Vorbehalten gegen neue Stromtrassen angemeldet. Text: lby

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