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    SCHWEINFURT

    „Ein Armutszeugnis. Ein Debakel.“

    Es war eine schallende Ohrfeige für die CSU im Landkreis Schweinfurt, die noch lange nachhallen wird. Eine Klatsche. Wie sehr die Christsozialen getroffen sind, verdeutlichte am Sonntagabend ein Blick in den katholischen Pfarrsaal zu Gochsheim. Wahlparty. 22 Uhr. Gähnende Leere. Zwischen zwei Reihen mit bereits hochgestellten Stühlen sitzt ein übrig gebliebenes Häuflein.

    Sechs, sieben Aufrechte, unter ihnen Bürgermeister Wolfgang Widmaier und Karl Gößmann, seit 35 Jahren Ortsverbandsvorsitzender in Dürrfeld. „Ein Armutszeugnis“ sei dieses Ergebnis, „der schwärzeste Tag meiner Amtszeit; ein Debakel.“ Das sagt Gößmann, ein an sich treuer Parteisoldat.

    Widmaier pflichtet ihm bei: „Die CSU im Landkreis muss nun insgesamt ihre Position überdenken.“ Er meint nicht die programmatische; er meint die personelle. Die Spitze sei „verkrustet“. Die Basis ist gefrustet – und schon längst nach Hause gegangen. Inhaltlich – da sind sich beide einig – gebe es nichts zu kritteln an der bald 18-jährigen Arbeit des Wahlverlierers Harald Leitherer. „Er hat den Landkreis vorangebracht“ (Widmaier), aber „Erfolge alleine zählen nichts mehr“ (Gößmann). Was zählt dann?

    Eine Frau am Tisch quetscht es heraus: „Die Scheidung. Die Scheidung war's . . .“ Karl Gößmann erzählt die Geschichte einer 92-jährigen Parteigängerin, die ihm erst in der vergangenen Woche erzählt hätte, dass sie nicht zur Wahl gehen wolle. „Unsere treuesten Mitglieder haben einfach nicht gewählt“, klagt er. Und schon ist es im Raum, das Tabuthema des Wahlkampfs, stets kunstvoll umschifft, von beiden Kandidaten. Harald Leitherer hat sich in den vergangenen Jahren abgewandt von seiner Frau Jutta, die in der Mittelstandsunion fest verwurzelt war und es immer wieder verstand, Wogen zu glätten, wenn der Gatte allzu forsch auftrat. Und er hat sich zugewandt einer leitenden Mitarbeiterin seiner Behörde. Das ist starker Tobak, vor allem in der CSU, einer Partei, die das klassische Familienbild noch ehrt.

    Dass der erfolgreiche Landrat im tiefschwarzen Dürrfeld nur 24 Stimmen vor seinem roten Herausforderer liegt – unvorstellbar. Oder Donnersdorf, Heimat des Innenstaatssekretärs und CSU-Bezirksvorsitzenden Gerhard Eck: gerade mal zehn Stimmen plus für Leitherer. Das schmerzt fast mehr als die noch klareren Ergebnisse in Dittelbrunn und Sennfeld, wo Florian Töpper jeweils deutlich über 70 Prozent liegt.

    Arthur Arnold ist Fraktionsvorsitzender der Kreistags-CSU; die hat ab dem 1. Februar keine Mehrheit mehr, nachdem am Wahlsonntag Leitherer-Sohn Tassilo aus Partei und Fraktion austrat und der Landrat bald ein Roter sein wird. „Das spielt aus meiner Sicht keine große Rolle“, sagt der Bürgermeister von Euerbach. Im Alltagsgeschäft sei ohnedies selten nach Fraktionslinie abgestimmt worden, sondern „sachorientiert, manchmal auch über Parteigrenzen hinweg“. Dennoch sei der Sonntag ein rabenschwarzer Tag für die CSU gewesen, sagt Arnold. Und er sagt auch dies: „Wenn die Partei selbst keine Veränderung herbeiführen kann, dann erledigen das die Wähler.“

    Das ist gemünzt auf die innerparteilichen Widerstände Ende vergangenen Jahres gegen eine erneute Kandidatur Harald Leitherers, die sich im Stimmenergebnis der Delegierten ausgedrückt hatten, aber doch unter der Decke gehalten wurden. Arnold selbst war als möglicher Nachfolger im Gespräch, hatte damals aber gesundheitliche Probleme. Jetzt gibt es kein „hätte, wenn und aber“ mehr. Die Wahl ist grandios verloren. Und die Zukunft? „Der CSU fehlt es an jungen Leuten“, weiß Arthur Arnold. Die vielen euphorisierten Jungsozialisten am Sonntagabend im Landratsamt, die lautstark jedes Einzelergebnis ihres Kandidaten bejubelten, haben ihn beeindruckt: „Das war stark.“

    Von unserem Redaktionsmitglied Holger Laschka

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