• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Für ein gerechtes Familienrecht

    Streiten für mehr Gerechtigkeit nach Scheidungen: Der Bundesvorsitzende von ISUV, Josef Linsler (rechts), und Claudia Kuhlmann, Leiterin der Bezirksstelle für Unterfranken. Foto: Theresa Müller

    Sie sei „glücklich geschieden“, sagt Claudia Kuhlmann. Natürlich war die Trennung vom einstigen Ehemann keine Spaßveranstaltung, aber der berüchtigte Rosenkrieg danach blieb ihr, ihrem Ex-Mann und dem gemeinsamen Sohn erspart. Viele Menschen indes erleben Trennung und Scheidung ganz anders: Zu den individuellen Verletzungen und Sorgen bei der Neuorientierung im Leben kommt ständiger Streit ums Geld – und um die Kinder. Als erster Ansprechpartner für Menschen, die in dieser Situation Hilfe suchen, versteht sich der ISUV, der Interessenverband Unterhalt und Familienrecht.

    Die Würzburgerin Claudia Kuhlmann (48) leitet seit diesem Sommer die ISUV-Bezirksstelle Unterfranken. Auch der Bundesvorsitzende ist ein Mainfranke: Josef Linsler (66), wohnhaft in Kitzingen, steht seit 2007 an der Spitze des Verbands, der einst als „Interessen- und Schutzgemeinschaft unterhaltspflichtiger Väter und Mütter“ gegründet wurde. 6000 Mitglieder gehören dem ISUV an, knapp 300 in Unterfranken.

    „Oft reicht es schon, dass man einfach da ist und zuhört“, so die Erfahrung von Kuhlmann aus ihren Sprechstunden. Es kämen erstaunlich viele Frauen („zu 70 Prozent“) und Männer, die nicht wüssten, welche Beratungsangebote es beispielsweise bei Diakonie und Caritas gibt oder wie man einen guten Anwalt findet. „Ich bin keine Psychologin, auch kein Jurist“, betont die Marketing-Fachfrau, „von mir bekommen die Leute praktische Tipps von Mensch zu Mensch.“ Oder auch die passenden Broschüren etwa zum Steuer- oder Umgangsrecht.

    Die Ratgeber-Rolle ist die eine Seite, daneben versteht sich der ISUV auf der politischen Ebene als Lobbyist für ein „zeitgemäßes, gerechtes Scheidungs- und Familienrecht“, so Josef Linsler. Der vierfache Vater engagiert sich seit 1986 im Verband. Zwar war seinerzeit schon das Schuldprinzip abgeschafft. Scheidungen sind seitdem möglich, wenn eine Zerrüttung der Ehe festgestellt wird, ohne dass das Gericht auf einen der (Ex-)Partner mit dem moralischen Zeigefinger zeigt. Trotzdem wurde das Sorgerecht für die Kinder immer nur einem Elternteil zugesprochen, in der Regel den Müttern. Linsler: „Väter sollten zahlen, hatten aber keine Rechte.“ Dass dies 1998 geändert wurde, dass seitdem die „gemeinsame elterliche Sorge“ als Standard im Gesetz verankert ist, schreibt sich der ISUV mit auf die Fahnen.

    Als weitere Fortschritte sieht Linsler die Reform des Unterhaltsrechts 2009, bei der unter anderem auch der Versorgungsausgleich neu geregelt wurde. 2013 kam schließlich die gemeinsame elterliche Sorge für Unverheiratete neu ins Gesetz. Aktuell streitet man dafür, dass das sogenannte „Wechselmodell“ gesetzlicher Standard beim Unterhalt der gemeinsamen Kinder wird.

    „Wechselmodell“ bedeutet, dass sich die geschiedenen Eltern bei der Betreuung ihres Kindes abwechseln, dass die Tochter oder der Sohn nicht nur alle 14 Tage am Wochenende das nicht-betreuende Elternteil besuchen. In der Praxis leben viele Eltern dieses Modell bereits – in unterschiedlicher Ausprägung. Mal sind es regelmäßig zwei Tage die Woche, mal komplette Wochen, die der Nachwuchs beim Vater verbringt, obwohl die Betreuung eigentlich der Mutter obliegt. Den sogenannten Betreuungsunterhalt muss indes allein der Vater aufbringen.

    „Das wird von vielen Vätern, in Einzelfällen auch von betroffenen Müttern, als ungerecht empfunden“, sagt Linsler. Der ISUV fordert eine Reform des Unterhaltsrechts, das eine Aufteilung des Betreuungsunterhalts ermöglicht. Bislang lege das Gericht fest, dass ein Ex-Partner die Betreuung übernimmt, der andere bezahlt Betreuungsunterhalt. Nur bei einer exakten 50:50-Aufteilung gingen Richter davon ab, kritisiert Linsler. Gerechter sei, die tatsächliche Betreuungsleistung zu berücksichtigen, beispielsweise im Verhältnis 70:30. Denkbar sei auch, den Schlüssel je nach Lebenssituation der Beteiligten zu verändern. „Wir brauchen keine starren Regelungen, sondern mehr Flexibilität und individuelle Lösungen.“

    Dass sich beide Eltern bei der Betreuung abwechseln, sei doch „klasse für das Kind, das Mutter und Vater braucht“, betont Claudia Kuhlmann. Gleichzeitig komme die Aufteilung der Betreuung auch den Elternteilen entgegen, die beide arbeiten müssen, um die Familie zu ernähren. Allerdings sehen auch die ISUV-Aktivisten Grenzen des Wechselmodells. „Natürlich dürfen Vater und Mutter nicht allzu weit auseinander wohnen“, so Kuhlmann, damit die Kinder nicht nur die gleiche Schule oder Kita besuchen, sondern auch ihren sportlichen oder musikalischen Aktivitäten nachgehen können, egal ob sie gerade beim Vater und der Mutter daheim sind.

    Kritiker bemängeln, das Wechselmodell werde den Kindern nicht gerecht, weil diese nicht mehr wüssten, wo sie richtig zu Hause sind. Beim ISUV verweist man auf Studien, die erklären, wie wichtig der Umgang mit beiden Eltern ist. Andere beklagen, fürs Wechselmodell plädierten lediglich Väter, die nicht für ihre Kinder zahlen wollten. Ein Vorwurf, den Linsler und Kuhlmann nicht gelten lassen. Im Gegensatz zu traditionellen Rollenbildern empfänden heute die meisten Väter Kinderbetreuung als eine „Bereicherung“ ihres Alltags. Kuhlmann: „Da sollte die Gesellschaft froh drüber sein.“ Gesetzgeber und Familiengerichte sollten diesen Wandel aber auch entsprechend honorieren.

    Mehr Infos für Betroffene: www.isuv.de

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!