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    Reine Glaubenssache

    Heilige Drei Könige Vieles ist unklar: Waren es Sterndeuter, Könige oder Weise? Waren es zwei, drei oder mehr Männer? Befinden sich ihre Gebeine tatsächlich im Kölner Dom? Sicher ist: Sie werden verehrt wie Heilige, ohne dass sie heiliggesprochen wurden.
    Kein Weg scheint zu weit: Verkleidet als Heilige Drei Könige und Sternsinger sammeln Kinder am 6. Januar Spenden für notleidende Kinder.
    Kein Weg scheint zu weit: Verkleidet als Heilige Drei Könige und Sternsinger sammeln Kinder am 6. Januar Spenden für notleidende Kinder. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/DPA

    Es soll Menschen geben, die es skeptisch betrachten. „So viel Glitzer, Pracht und Gold für ein paar Knochen?“, fragen sie und meinen den Dreikönigsschrein in Köln. Sie könnten auch fragen: „So ein großes Kirchengebäude für ein paar Knochen?“ Dass so viel Edelmetall und Edelsteine das Reliquiar schmücken und der Kölner Dom in diesen Ausmaßen geplant wurde, liegt an den Gebeinen der sogenannten Heiligen Drei Könige. Für Gläubige gehören sie zu den kostbarsten Zeugnissen des Christentums, denn für sie waren es Menschen, die das Jesukind leibhaftig gesehen haben.

    Dies zeigt sich auch äußerlich. Der Schrein steht im Hochchor des Doms, also an zentraler Stelle, und wurde in der Werkstatt des Goldschmieds Nikolaus von Verdun in den Jahren zwischen 1190 und 1225 geschaffen. Sein Kunstwerk gilt als das am aufwendigsten gestaltete Reliquiar, das sich aus dem Mittelalter erhalten hat. Die Bedeutung der Gebeine spiegelt sich zudem in der ungewöhnlichen Größe des auch „goldenes Haus“ bezeichneten Schreins wider, der die Form einer Kirche hat. Er ist über zwei Meter lang, eineinhalb Meter hoch und über einen Meter breit. Diese Größe wird in der Architektur des Doms fortgeführt. Er ist das steinerne Reliquiar und gilt als eine der größten und höchsten gotischen Kathedralen weltweit. Ohne die „paar Knochen“ wäre aus der Stadt am Rhein nicht das geworden, was es bis heute ist: „Colonia sacra“, das heilige Köln, ein Pilgerziel von Millionen Menschen – seit gut 850 Jahren.

    Im Sommer 1164 brachte Rainald von Dassel die Gebeine von Mailand nach Köln. Sie waren Kriegsbeute. Der Erzbischof war Gefolgsmann beziehungsweise der Reichskanzler des Staufers Friedrich I. Barbarossa, der von 1155 bis 1190 das römisch-deutsche Reich als Kaiser regierte. Als Barbarossa Mailand eroberte, schenkte er die bedeutenden Reliquien Rainald von Dassel, der sie auf Umwegen nach Köln brachte.

    Seit dem 23. Juli 1164 sind die Heiligen Drei Könige am Rhein zu Hause. Und seither kommen die Gläubigen zuhauf, vermehrt jedoch am 6. Januar, nach Köln. An diesem Tag wird im Kirchenkalender das Dreikönigsfest beziehungsweise das Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanie) gefeiert. Es ist zugleich der einzige Zeitpunkt im Jahr, an dem am Schrein eine Klappe geöffnet und so ein kleiner Einblick gewährt wird auf drei bekrönte Schädel. Von wem sie tatsächlich sind, weiß niemand. Und nicht nur das ist unklar bei den Heiligen Drei Königen. Das fängt nicht nur bei den unterschiedlichen Bezeichnungen an: Sie werden auch als Sterndeuter beziehungsweise Magier oder als Weise aus dem Morgenland bezeichnet. Auch ihre Zahl schwankt. Ob es tatsächlich drei Männer gewesen sind, die einem hell am Himmel leuchtenden Stern bis nach Bethlehem gefolgt sein wollen, um den neugeborenen König der Juden anzubeten und ihre Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe – zu überreichen, ist nicht bekannt. Auch Matthäus erwähnt in dem nach ihm benannten Evangelium lediglich „Magoi“, also Sterndeuter aus dem Osten, ohne eine Zahl zu nennen. Dieser biblische Text, der um das Jahr 70 datiert wird, ist die früheste und die einzige schriftliche Quelle aus dieser Zeit.

    Dass es drei Männer waren, die sich auf die lange Reise zu dem neugeborenen Jesukind gemacht haben, beruht auf den Angaben des christlichen Schriftgelehrten Origines (185 bis 254). Er leitete diese Zahl von der ihrer Geschenke ab. Seinen Ausführungen zufolge stehe Gold für die Königswürde, Weihrauch für die Gottheit, Myrrhe für den Tod.

    Dass es Könige gewesen sein sollen, geht auf die beiden Kirchenmänner Caesarius von Arles (470 bis 542) und Isidor von Sevilla (560 bis 636) zurück. Die Bischöfe sahen die Prophezeiung im Alten Testament als Beleg, nach der ein Messias erwartet wird, der, wenn er auf die Welt kommt, Geschenke von Königen erhält.

    Ihre Namen bekamen die „Weisen aus dem Morgenland“ erst ein halbes Jahrtausend nach Christi Geburt. Nach Angaben des Theologen Manfred Becker-Huberti, Autor des Buches „Die Heiligen Drei Könige“, tauchen sie im sechsten Jahrhundert in einer lateinischen Übersetzung eines alexandrinischen Schriftstücks als Bithisarea, Melichior und Gathaspa auf. Andere Hinweise sollen von einer armenischen Kindheitsgeschichte Jesu stammen, dort ist von König Melkon von Persien, König Gaspar von Indien und König Baltassar von Arabien die Rede. Daraus wurde dann im frühen achten Jahrhundert in Texten des englischen Benediktinermönchs Beda Venerabilis (674 bis 735) in veränderter Reihenfolge die bis heute gängigen Namen Caspar, Melchior und Balthasar.

    Von Beda Venerabilis stammt auch die unterschiedliche Alterszuordnung: Melchior sei ein Greis mit weißem Bart, Balthasar ein Mann mittleren Altes mit schwarzem Bart und Caspar ein bartloser Jüngling gewesen. Das mit dem schwarzen Bart wurde jedoch im Lauf der Zeit missverstanden. Aus schwarzen Haaren wurde eine schwarze Hautfarbe, seither ist einer der Könige ein „Mohr“ – erst Caspar, dann Melchior.

    Eine Mischung aus Fakten, Interpretationen, Verwechslungen, Zuschreibungen und zurechtgerückte Weissagungen lassen also eher an eine erfundene Geschichte denken. Manfred Becker-Huberti, der auch Pressesprecher des Kölner Kardinals Joachim Meisner war, meinte dazu, dass die meisten Forscher die Geschichte zwar als literarischen Kunstgriff ansehen würden, es sei aber nicht ausgeschlossen, dass es auch anders gewesen sein könnte. Vor über 200 Jahren war für den Dichter Johann Wolfgang von Goethe die Angelegenheit jedoch klar. Er schrieb an einen Kölner Freund: „Geschichte, Überlieferung, Mögliches, Unwahrscheinliches, Fabelhaftes mit Natürlichem, Wahrscheinlichem, Wirklichem, bis zur letzten und individuellsten Schilderung zusammengeschmolzen, entwaffnet wie ein Märchen alle Kritik.“

    Es ist also eine reine Glaubenssache. Ausschlaggebend ist: Die Heiligen Drei Könige werden als die ersten Christus-Pilger angesehen. Anders lässt sich die hohe Verehrung der Reliquien auch nicht erklären. Und eine offizielle Heiligsprechung gab es auch nicht. Ebenso eine wissenschaftliche Untersuchung der Gebeine. Dafür noch eine Legende: So soll einst die heilige Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, um 326 die Reliquien während einer Pilgerfahrt in Palästina entdeckt von dort nach Konstantinopel gebracht haben. Seit dem vierten Jahrhundert sollen sie sich in Mailand befunden haben. Dort wurden sie bis 1158 in der Kirche St. Eustorgio aufbewahrt – bis Kaiser Barbarossa kam und die Stadt belagerte.

    Bis heute ist nicht klar, wie alt die Gebeine sind. Sie wurden bis heute nicht genauer analysiert. Im Jubiläumsjahr 1864, als sich die Ankunft der Reliquien zum 650. Mal jährte, war es dann so weit: Der Schrein wurde geöffnet. Gefunden wurden die fast vollständigen Skelette eines zwölfjährigen Jungen und zweier etwa 30 und 50 Jahre alter Männer: die drei Lebensalter, für die drei Männer symbolisch stehen. Aber das war nicht alles. Laut Protokoll konnten die Knochen nicht nur drei, sondern insgesamt sieben verschiedenen Menschen zugeordnet werden.

    1979, als erstmals der Stoff, mit dem die Knochen umwickelt waren, untersucht wurde, kam es dann zur nächsten Überraschung. Es handelte sich um syrischen Damast, Purpur und Seide aus dem 2. oder 3. Jahrhundert: alt, aber nicht alt genug. Ob die Knochen älter sind als der Stoff, dies scheint das Domkapitel nicht so recht zu interessieren. Nach Angaben von Manfred Becker-Huberti habe er eine solche Untersuchung in den 1990er Jahren angeregt, das Domkapitel aber abgewunken mit den Worten: Das sei nie Thema gewesen, vielmehr eine „Frage der Frömmigkeit“. Mit Informationen von dpa

    Kaspar – Melchior – Balthasar

    Vor 850 Jahren brachte Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln. Anlässlich dieses Jubiläums läuft im Dom noch bis zum 15. Januar eine Ausstellung über die Verehrung von „Kaspar, Melchior, Balthasar“. Im Museum Schnütgen besteht noch bis 25. Januar die Möglichkeit, die Sonderschau über „Mythos, Kunst und Kult“ zu besuchen. Präsentiert werden Elfenbeinarbeiten, Skulpturen, Tafelbilder, Handschriften vom 3. bis 16. Jahrhundert. Info im Internet: www.koelntourismus.de www.museenkoeln.de

    Zum Dreikönigsfest am 6. Januar ist es Brauch, dass Kinder als Sternsinger und Heilige Drei Könige verkleidet von Haus zu Haus ziehen. Sie bitten um eine Spende und schreiben mit Kreide „C + M + B“ sowie die Jahreszahl an die Tür. Die Buchstaben stehen für „Christus mansionem benedicat“ – Christus segne dieses Haus. Die Hilfsaktion der katholischen Kirche sammelt jedes Jahr Spenden in zweistelliger Millionenhöhe. Text: dpa/cj

    Der Schrein der Weisen: Der Legende nach liegen in dem kostbaren Reliquiar im Kölner Dom die Gebeine der Heiligen Drei Könige.
    Der Schrein der Weisen: Der Legende nach liegen in dem kostbaren Reliquiar im Kölner Dom die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Foto: Oliver Berg/dpa

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