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    Kreis Haßberge

    Abt-Degen-Weintal: Wie wird die diesjährige Weinlese?

    Aus diesen saftigen Trauben entsteht nach der Weinlese der 2019er Dornfelder. Foto: Johanna Heim

    Behutsam befühlt Roger Nüßlein die prallen, saftige Beeren an den Rebstöcken. Der 49-Jährige ist Winzer in vierter Generation und der Vorsitzende des Weinbauvereins Haßberge. Sein Revier: Acht Hektar Weinberg – mit grünen und roten Weintrauben, so weit das Auge reicht. Auf den drei "Gewannen" – so werden die einzelnen Hangabschnitte eines Weinbergs genannt – am Zeiler Steilhang befinden sich rund 30 000 Rebstöcke. Das Gebiet, das zum Abt-Degen-Weintal gehört, trägt den Namen "Eulengrund". Hier baut der Vorsitzende des Weinbauvereins unter anderem Trauben für die Weinsorten Dornfelder und Müller-Thurgau an.

    Mit diesen Trauben ist der Winzer zufrieden. Foto: Johanna Heim

    "Wir gehen in dieser Saison von einem durchschnittlichen bis guten Ertrag aus und hoffen auf eine sehr gute Qualität. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben – den Rest entscheiden jetzt allein die Natur und das kommende Wetter", berichtet der Winzer. Seine vitalen Weinberge hat Nüßlein dem guten Frühjahr zu verdanken und verweist auf eine passende Winzerweisheit: "Ist der Mai kalt und nass, füllt’s dem Winzer Scheune und Fass."

    Drei Gewanne zieren den Steilhang von Winzer Roger Nüßlein in Zeil. Foto: Johanna Heim

    Wer den Blick über den Steilhang schweifen lässt, sieht voll behangene Rebstöcke, so weit das Auge reicht. Die Menge an Trauben sagt jedoch noch nichts über die Qualität des zukünftigen 2019er Jahrgangs aus. Denn bestimmt wird die Qualität des Weines erst, wenn alle Trauben gelesen sind. Die Qualitätsbestimmung erfolgt auf verschiedene Arten, beispielsweise durch die Messung von Grad Oechsle. Dadurch ermittelt der Winzer, wie hoch der Zuckergehalt seines Obstes ist. Ganz klassisch erfolgt die Messung der Qualität auch durch den Geschmack der Beere, denn wichtig für einen guten Wein ist der Zeitpunkt der optimalen Reife. "Da dürfen die Beeren nicht zu sauer sein, aber auch nicht überreif", erklärt Nüßlein.

    Sie wirken wie Rosinen

    Ruht der Blick allerdings länger auf den Rebstöcken, fallen zwischen den Blättern kleine, vertrocknete Weinbeeren auf. Fast erweckt es den Anschein, also ob in manchen Rispen dunkle Rosinen wachsen. "Das sind die Zeichen von Sonnenbrand. Durch die intensive Sonneneinstrahlung in dieser Saison sind einige Beerensorten sehr stark geschädigt worden", erläutert der Winzer. Eine Sorte hat es besondern schlimm getroffen. "Die Rebsorte, aus der später der Weißwein Bacchus gewonnen wird, hat bis zu 40 Prozent Ausfall - und das betrifft wahrscheinlich ganz Franken." 

    Auch Nadine Rippstein vom Weingut Bernhard Rippstein aus Sand am Main bestätigt Nüßleins Aussage. Schon wenige besonders heiße Tage haben gereicht, um großen Teilen der Weißweinsorte den Garaus zu machen, sagt die ehemalige Sander Weinprinzessin

    Die Sonne hat diesen Trauben arg zugesetzt - sie sind durch starke Sonneneinstrahlung verbrannt. Foto: Johanna Heim

    Während Kollegen, die Weinanbau auf geraden Flächen betreiben, auf Traubenvollerntemaschinen zurückgreifen können, muss Roger Nüßlein auf Grund der Hanglage seine Weintrauben noch per Hand ernten – ein Knochenjob. Für einen Hektar benötigt er circa 25 Erntehelfer, die etwa zehn Stunden pro Tag die Trauben von den Reben lesen. Los geht es für Nüßlein und seine Helfer in dieser Saison vermutlich zwischen dem 10. und dem 15. September. Und bis auf den Sonnenbrand, der einzelne Rispen betrifft, sieht die Prognose für die Weinlese bis jetzt sehr gut aus. Bei der Lese werden die verbrannten Früchte per Hand entfernt und beeinträchtigen deswegen nicht die Qualität des Weines. Trotzdem: Einige Restsorgen bleiben – denn auch kurz vor knapp, Tage oder sogar Stunden vor der Weinlese, kann noch etwas schief gehen, beispielsweise wenn das Wetter dem Winzer einen Strich durch die Rechnung macht. Der schlimmste Fall im Weinberg ist laut Nüßlein, wenn ein starkes Gewitter oder ein Hagelsturm die Ernte eines kompletten Jahres zerstört.

    Der Boden kann das Wasser nicht halten

    Seine Winzerkollegen in anderen Regionen haben es oft etwas schwerer, beispielsweise herrschen schon wenige Kilometer entfernt, bei Weinbauern in Sand, ganz andere Anbauverhältnisse als in Zeil. "Dort sind die Böden ganz anders beschaffen, der sandige Boden kann nicht so viel Wasser speichern, deswegen wird dort nachgeholfen und bewässert", erklärt der Vorsitzende des Weinbauvereins. "Der Regen im Sommer hat gefehlt", bestätigt Nadine Rippstein. "Die letzten Wochen hat es kaum geregnet und der notwendige Niederschlag fällt mittlerweile eher im Winter."

    Junge Reben werden im Eulengrund per Tröpfchenbewässerung mit genügend Feuchtigkeit versorgt. Foto: Johanna Heim

    Auch im Eulengrund verlaufen kleine, schwarze Bewässerungsschläuche entlang der jungen Rebstöcke. Im Gegensatz zu vielen Kollegen bewässert Nüßlein allerdings nur die heranwachsenden Weinreben. "Mittlerweile ist das der Standard beim Anlegen von neuen Weinbergen. In den ersten Jahren verkraften die jungen Reben solche Trockenphasen, wie es sie derzeit bei uns gibt, nicht."

    Generell hat sich in den letzten Jahren im Weinbau viel geändert, bedingt vor allem durch das wärmer werdende Klima. Nüßlein erinnert sich an seine Lehrzeit zurück. Als der Winzer gelernt hat, galt die Devise, alle 30 Jahre alte Rebstöcke durch neue zu ersetzen. Denn je älter der Rebstock, desto weniger Ertrag bringt er ein. Im Jahr 2019 gilt genau diese Devise im Eulengrund nicht mehr. "Mit den zunehmend länger werdenden Trocken- und Hitzephasen kommen meiner Erfahrung nach alte Rebstöcke besser zurecht als junge", ist sich Nüßlein sicher. "Denn je älter der Rebstock, desto tiefer die Wurzel. Getreu dem Motto ,alt bewährt sich', haben es die älteren Pflanzen leichter, an Wasser zu kommen, als die jüngeren – dank tieferer Verwurzelung."

    Winzer Roger Nüßlein hält eine verbrannte Rispe in der Hand. Foto: Johanna Heim

    Eine weitere Folge des Klimawandels: Die Weinlese beginnt heutzutage früher als noch vor einigen Jahrzehnten. Hielt damals noch der Oktober den Titel als "der Weinlesemonat", beginnt die Lese heutzutage oft schon Anfang September. Nüßlein vermutet, dass auch deswegen auf lange Sicht die klassischen, fränkischen Weinsorten den hitzebeständigeren Trauben aus Südeuropa weichen müssen. Seiner Ansicht nach werden die Witterungsverhältnisse der kommenden Jahre die Aussicht auf eine erfolgreiche Lese der einheimischen, altbewährten Reben schmälern. Und Rebsorten wie Chardonnay, Sauvignon Blanc oder Merlot, welche ursprünglich in Frankreich oder Italien beheimatet sind, werden sich im nordeuropäischen Weinbau etablieren.

    Wassermanagement wird immer wichtiger

    Generell muss der Winzer für die Zukunft einiges beachten – seine Aufmerksamkeit richtet sich bereits jetzt auf das Wassermanagement in den kommenden Jahren. Trotz allem blickt Nüßlein positiv auf die anstehende Weinlese in den nächsten Wochen. Bis dahin heißt es jedoch: abwarten. Nüßlein versucht gelassen zu bleiben und erinnert sich an ein Zitat seines Vaters: "Die erste Aussage über die Qualität des Jahrgangs lässt sich treffen, wenn alle Trauben gelesen sind, der Wein im Fass liegt und das Fass nicht ausläuft."

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