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    HASSBERGE / RHÖN

    Als die Wölfe in der Region ausgerottet wurden

    Jetzt ist er wieder da. Bis zu seiner vorläufigen Ausrottung vor fast 200 Jahren war der Wolf (hier ein Foto aus Branden... Foto: Patrick Pleul, dpa

    Als Ende September 2017 eines Morgens ein gerissenes Schaf in Birkenfeld gefunden wurde, blieb es bei der Vermutung, dass ein Wolf dafür verantwortlich gewesen sein könnte. Einen Nachweis gab es nicht. Anders in der nicht weit entfernten Rhön. Dort ist erst dieser Tage wieder ein Wolf erspäht worden. Die Sichtung wurde inzwischen auch anhand der DNA nachgewiesen. Dabei galt er hier schon seit fast 200 Jahren als ausgerottet. Wie es damals soweit kam, hat der Kreisheimatpfleger des Rhön-Grabfeld-Kreises, Reinhold Albert, anhand von verschiedenen Quellen untersucht.

    Dass der Wolf im Denken unserer Vorfahren höchst präsent war, belegen demnach zum Beispiel zahlreiche Flurbezeichnungen. Nahezu in jeder Gemeinde findet man solche Bezeichnungen wie Wolfsgrube, Wolfsgrund oder Wolfsgarten, auch Ortsnamen wie Wolfmannshausen im benachbarten Meininger Land erinnern an den „König der Wälder“.

    Tollwut als größte Gefahr

    Der Wolf galt als das gefürchtetste und gefährlichste Raubtier des Waldes. Dabei waren weder die Schäden, die von den Wölfen an Schafherden verursacht wurden, noch das Aufeinandertreffen mit dem Menschen das Schlimmste. Besonders gefährlich war der Wolf, weil er Tollwut bei Mensch und Vieh verbreitete.

    Von diesen Gefahren berichtet Pfarrer Melchior Beck aus Aschach: „Am 21. Februar 1660 abends war ein großes Lärmen im Dorf wegen eines wütenden Wolfs, der hat sechs Männer beschädigt, bis er endlich zum Dorf hinaus verfolgt und im Feld erschlagen worden.“ An den Folgen der Wolfsbisse starben wenig später unter anderem ein Kuhhirte und sein Sohn.

    Während und nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) hatten die Wölfe in der Region erheblich zugenommen. Zur Winterszeit suchten sie verstärkt nachts ihr Fressen. Wenn der eisige Nordwind blies, waren die Wölfe in Dörfern, Weilern, Einöden und Mühlen unterwegs. Deshalb befestigte man auf den Dächern „Wolfsziegel“, um die ungebetenen Gäste zu vertreiben. Die Ziegel waren mit Löchern versehen. Kam starker Nordwind auf, begannen sie zu pfeifen.

    Es war jedem erlaubt, auf einen Wolf zu schießen. Für ein erlegtes Tier erhielt man neben dem Balg einen Reichstaler.

    Prämie für erschlagene Wölfe

    Wenn jemand junge Wölfe erschlug und ablieferte, so erhielt er jeweils einen halben Taler. Schon früher wurden die Untertanen für das Erlegen eines Wolfes belohnt. So besagt eine Amtsrechnung, dass es 1538/39 für die Ablieferung jeden gefangenen Wolfes 1,5 Zentner Weizen als Belohnung gab.

    Dass im Dreißigjährigen Krieg die Raubtiere auch im Grabfeld überhandnahmen, überlieferte der Trappstädter Pfarrer Liborius Werner. Er schrieb 1649: „Es ist ja nun Frieden, wenn auch noch Räuber in den Wäldern stecken. Vorgestern machten wir mit Trappstadt, Eyershausen und Herbstadt noch eine Streife in unsere Wälder und trafen außer sieben Wölfen noch zwölf Schnapphähne von allerlei Regimentern, die man mit Stricken unschädlich gemacht.“ Noch 1682 lesen wir von erlegten Wölfen auf dem Sambachshof in der Bürgermeisterrechnung von Königshofen: „2 Malter Korn dem Barthel Amberg, Bauern zu Sambach, wegen Schießung zweier Wolfen altem Brauch nach geben.“

    Wolfsfallen und vergiftete Köder

    Nach der Würzburger Chronik von Gropp wurden 1697/98 im Gebiet des Hochstifts Würzburg bei Wolfsjagden 15 alte und 26 junge Wölfe getötet. Die meisten wurden im Gebiet des heutigen Forstamts Stangenroth erlegt. Wie groß die Wolfsplage damals gewesen sein muss, kann man daraus ablesen, dass in diesen Zahlen die erlegten Wölfe aus den adeligen und klösterlichen Waldungen nicht einmal mit eingerechnet sind.

    Von der Bedrohung durch Wölfe in der Rhön berichtet Johann Pfeufer 1934 in seinem Werk „Rhönerisch und Fränkisch“: „Ein Bauer ging vom Neustadter Markt heim, sein Hund trottete mit. An der großen Eiche sprangen zwei Wölfe hervor. Er wehrte sie ab; der Hund lief heim, bellte und tobte, bis der Knecht mit ihm ging. Er fand den Herrn in großer Bedrängnis. Einer der Wölfe stürzte sich sofort auf den Knecht; der erschlug ihn mit dem Knotenstocke; auch den anderen Wolf erlegten sie bald. Der Bauer teilte Haus und Feld mit dem treuen Knecht.“

    Mit großem Eifer ging man nach dem Dreißigjährigen Krieg an die Ausrottung des Wolfs. Man versuchte, ihn mit allen erdenklichen Mitteln zu vernichten. Es wurden Wolfsfallen aufgestellt, Wolfsgruben gegraben und an vielen Orten legte man vergiftete Köder aus. Wolfsgruben waren fünf bis sechs Meter tiefe, brunnenähnliche Schächte. Oben schloss man sie mit einem balancierenden Deckel, den man überdeckte, um Waldboden vorzutäuschen. In die Mitte legte man einen Köder.

    Das Raubtier witterte den Bissen. Betrat es die Scheibe, so kippte diese, und das Tier stürzte in die Grube. Die Gruben hatten allerdings den Nachteil, dass auch Menschen darin verunglücken konnten. Wölfe wurden auch mit Wolfsangeln gefangen. Dies waren Fleischköder, in denen spitzige, sperrige Holzstücke verborgen lagen, die nach dem Verschlingen Magen und Darm des Wolfes verletzten.

    Doch der Wolf war bei seiner List, Vorsicht und Verschlagenheit schwer zu fangen. Erst als die Feuerwaffen geläufiger wurden, war es möglich, ihn vorläufig auszurotten. Wenn im 19. Jahrhundert noch Wölfe die Region in Schrecken versetzten, so ist anzunehmen, dass man es mit Wanderwölfen zu tun hatte.

    Letzter Wolf der Haßberge

    Noch 1810 hat laut dem Regensburger „Correspondenzblatt“ ein Wildmeister Schmidt aus Burgwallbach beim Fuchstreiben zufällig einen Wolf erlegt. Der letzte Wolf in den Haßbergen wurde nach der Schulchronik des Dörfchens Gleisenau im Jahre 1811 gefangen und getötet.

    Der Wechterswinkler Lehrer Georg Trost berichtet in einer 1966 erschienenen Erzählung über den letzten Wolf in der Rhön, der 1823 am Schweinberg bei Wechterswinkel erlegt wurde: Der Schäfer Jakob Voll machte zunächst Hunde für den Riss einiger Schafe verantwortlich. Kinder eines in Richtung Kreuzberg ziehenden Wallfahrerzuges sahen dann als erste den Wolf. Die Erwachsenen meinten, es sei ein großer Hund gewesen. Wölfe gäbe es nicht mehr. Die Wallfahrer waren kaum weitergezogen, da schallte ein lang gezogener Heulton aus dem Wald. Jakob Voll kannte diesen Ruf. Von nun an hatte er immer ein Gewehr und ein Messer dabei. Doch der Wolf war wie vom Erdboden verschwunden.

    Von Wegfurt nach Querbachshof

    Da kam eines Tages eine Nachricht aus dem Brendtal. Der Schäfer von Wegfurt hatte nahe dem Wald gepfercht. Eines Nachts wurden ihm zehn Schafe gerissen, und eines davon wurde fortgeschleppt. Auch hier wollte man zunächst nicht an einen Wolf als Übeltäter glauben. Seit Großväterzeiten hatte man nicht mehr davon gehört. An einem Sonntagmorgen im Oktober stand Schäfer Voll wieder bei seiner Herde. Plötzlich winselten seine beiden Hunde, sträubten die Haare und pressten sich an seine Beine. Die Schafe drückten sich eng aneinander. Da sah er einen grauen Schatten, der langsam mit einem Jungtier im Maul zwischen den Stämmen verschwand. Voll nahm die Büchse hoch und ging in den Wald. Der Wolf riss gierig am Fell des Schafes. Voll ging einige Schritte näher und hob das Gewehr. Jetzt hatte auch ihn der Wolf gesehen. Als er sich zum Angriff erhob, krachte der tödliche Schuss.

    Im Grabfeld wurde der letzte Wolf 1859 erlegt, und zwar zwischen den heutigen Sulzdorfer Gemeindeteilen Zimmerau/Sternberg und der thüringischen Nachbargemeinde Albingshausen. Im Frühjahr bemerkten Frauen öfters ein Tier an einer Stelle, wo man ein verendetes Fohlen vergraben hatte. Da die Frauen aus Angst den Wald nicht mehr betreten wollten, wurde beschlossen, eine Treibjagd abzuhalten.

    Alle männlichen Einwohner Albingshausens nahmen an dieser Jagd ebenso teil wie zahlreiche herzogliche Jäger. An der Grenze zu Bayern trat das Tier plötzlich aus dem Unterholz. Nikolaus Höllein legte an, drückte ab, und das Tier stürzte getroffen zu Boden. Bei näherem Hinsehen war die Überraschung groß, anstatt eines tollen Hundes hatte Höllein einen leibhaftigen Wolf erlegt.

    Der stolze Weidmann fuhr sein Beutestück im Triumphzug zum Schloss Landsberg bei Meiningen, wo er Herzog Bernhard Sachsen-Meiningen seine Beute übergab. Dieser ließ den Wolf ausstopfen und ausstellen und überreichte dem Jäger 50 Gulden. Höllein bezahlte von der Prämie einen eisernen Ofen, an dem auf drei Seiten in Bildern die legendäre Wolfsjagd dargestellt ist. Außerdem malte Heinrich Weber aus Albingshausen ein Bild zum gleichen Thema.

    Noch lange zierten Bild und Ofen die gute Stube der Nachfahren des Nikolaus Höllein. Die Ofenplatten befinden sich seit einigen Jahrzehnten im Otto-Ludwig-Museum in Eisfeld. Das Bild schmückt aber nach wie vor das Wohnzimmer in Albingshausen.

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