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    KREIS HAßBERGE

    Arbeitnehmer kämpfen um ihre Freizeit

    In der Metallindustrie brodelt es. Deutschlandweit rief die IG-Metall in dieser Woche zu Warnstreiks auf, am Donnerstag legten auch Arbeitnehmer im Landkreis Haßberge die Arbeit nieder. Rund 250 streikende Betriebsangehörige von Schaeffler in Eltmann, Bosch Rexroth in Augsfeld und der Fränkischen Rohrwerke in Königsberg trafen sich am Donnerstagvormittag zu einer gemeinsamen Kundgebung vor dem Betriebsgelände von Schaeffler.

    „Die Beteiligung der Region ist toll“, brachte Thomas Höhn seine Freude über eine große Zahl an Streikteilnehmern, nicht nur im Landkreis Haßberge, sondern auch in anderen Teilen Unterfrankens, zum Ausdruck. Als 2. Bevollmächtigter der Geschäftsstelle Schweinfurt der IG-Metall war er Hauptredner bei der Kundgebung in Eltmann.

    So brachte er noch einmal die Forderungen der Metallgewerkschaft gegenüber den Arbeitgebern zum Ausdruck. Den Arbeitnehmern geht es um sechs Prozent mehr Gehalt sowie um Arbeitszeiten, die auch eine Gestaltung eines Lebens außerhalb der Arbeit zulassen. So fordert die Gewerkschaft unter anderem die Wahloption, die Arbeitszeit für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren auf bis zu 28 Stunden pro Woche zu reduzieren.

    Wer diese Möglichkeit nutzt, um sich um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern zu können, soll außerdem einen Entgeltzuschuss erhalten, lautet eine weitere Forderung der IG Metall.

    Höhn ging in seiner Rede auf eine Aussage von Rainer Dulger, Arbeitgeberpräsident von Gesamtmetall, ein. Dulger habe geäußert, es sei ohnehin ungerecht, dass Mitarbeiter in anderen Branchen viel weniger verdienen als Metallarbeiter. „Und damit hat er recht“, sagte Höhn. Allerdings sei sein Fazit ein ganz anderes als das des Arbeitgeberpräsidenten. Denn während Dulger darin eine Begründung sehe, die Gehälter der Metaller nicht zu erhöhen, betonte der Gewerkschafter, es müsse auch in den anderen Bereichen einen Kampf um mehr Gehalt geben.

    Neue Arbeitszeitkultur

    Auch das Argument, Lohnerhöhungen schadeten der Wirtschaft, ließ Höhn nicht gelten. Denn mehr Gehalt führe auch dazu, dass mehr Menschen die produzierten Waren kaufen können und kurble damit den Konsum an. „Lohnerhöhungen schaffen Arbeitsplätze, sie vernichten sie nicht“, betonte Höhn. Zudem präsentierte er eine Grafik, die aufzeigte, wie hoch die Dividenden waren, die große DAX-Unternehmen in den vergangenen Jahren ausgeschüttet hatten.

    Dazu warf er die Frage auf, warum Ausschüttungen in dieser Höhe möglich seien, Lohnerhöhungen für die Mitarbeiter aber nicht.

    Einen großen Teil seiner Rede widmete er der Frage: „Wem gehört Zeit?“ Nach den Ausführungen des Gewerkschafters werden Arbeit und Leben immer schlechter planbar. So beklagte er den „Fraß der Arbeit in das Privatleben hinein“ sowie einen steigenden Leistungsdruck. „Auch Freizeit muss planbar sein“, bekräftigte er seine Forderung nach einer „neuen Arbeitszeitkultur“.

    Recht auf Nichterreichbarkeit

    Auch den beiden anderen Gewerkschaftern, die am Donnerstag in Eltmann ans Rednerpult traten, waren Änderungen in Sachen Arbeitszeit ein großes Anliegen. „Es gibt zwar immer weniger körperliche Arbeit, dafür aber immer mehr Leistungsdruck“, sagte Ulrich Schöpplein, Betriebsratsvorsitzender bei Schaeffler in Eltmann. „Wenn man von der Arbeit heimkommt, ist man erst mal fertig mit der Welt. Und dann soll man sich noch um die Familie kümmern?“, verlieh er der Forderung nach Arbeitszeiten Ausdruck, dich berücksichtigen, dass der Arbeitnehmer auch ein Privatleben hat.

    Besonders harte Worte fand Reiner Greich, Betriebsratsvorsitzender bei Bosch Rexroth in Augsfeld. Im Bezug auf die Arbeitszeiten und eingriffe der Arbeitswelt in die Freizeit sagte er: „Ein Recht auf Nichterreichbarkeit am Wochenende soll es laut Arbeitgeberverbänden nicht geben.“ Das führe allerdings bei immer mehr Arbeitnehmern zu Ausfallerscheinungen und psychischen Erkrankungen, da sie mit dem ständigen Druck nicht mehr klarkommen. So bezeichnete Greich die Arbeitnehmer als „moderne Sklaven“, sprach von den Arbeitgebern als „Gutsherrn“ und betonte: „Mit dieser Art der Arbeit werden wir nur krank gemacht.“

    Zum Thema Lohnerhöhungen meinte er: „Sechs Prozent für uns gehen nicht, aber das 100-Fache für sie geht?“ Das Vorgehen vieler Arbeitgeber bezeichnete er als „mittlerweile pervers“ und forderte: „Sie müssen in die Schranken gewiesen werden.“

    Einige Lkw-Fahrer, die während der Kundgebung mit ihren Fahrzeugen im Eltmanner Gewerbegebiet unterwegs waren, drückten auf die Hupe, während sie an den Streikenden vorbeifuhren. Die Gewerkschafter zeigten sich erfreut über diese Solidaritätsbekundung und betonten außerdem, dass allgemein die Unterstützung für ihre Anliegen in der Bevölkerung und in den Medien groß sei – gerade was die Forderungen nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben angeht. „Wir haben wohl den Zeitgeist getroffen“, meinte Thomas Höhn.

    Von unserem Redaktionsmitglied Peter Schmieder

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