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    HAßFURT

    Auch junge Menschen haben Suchtprobleme

    Cannabis
    Auch bei Jugendlichen erfreuen sich Suchtmittel wie Cannabis (Symbolbild) großer Beliebtheit. Doch die Suchtberatung wird in Bayern nur für Erwachsene finanziert. Abhilfe schafft Aktion Mensch. Foto: Oliver Berg/dpa

    Suchtberatung, das gehört für die Caritas im Landkreis Haßberge seit vielen Jahren zum Repertoire ihrer Beratungsangebote. Finanziert wird das Beratungsangebot allerdings nur für Erwachsene. Weil aber nicht nur die Psychosoziale Beratungsstelle, sondern auch die Schulsozialarbeiter und die Sozialarbeiter im Jugendamt einen Bedarf auch für eine Jugendsuchtberatung sahen, bemühten sich die Verantwortlichen im Kreis-Caritasverband um ein solches Angebot, das am 1. April angelaufen ist. Sozialpädagogin Dorothea Walter kann dank einer Finanzierungszusage der „Aktion Mensch“ vier Jahre lang Kinder und Jugendliche begleiten, die entweder Suchtmittel konsumieren, aus der Sucht aussteigen möchten, straffällig wurden oder von Suchtverhalten in der Familie betroffen sind.

    Dorothea Walter stammt aus Franken, nach ihrem Master arbeitete sie in der Kinder- und Jugendhilfe und in der Jugendsuchtberatung in Paderborn in Nordrhein-Westfalen. Im Gegensatz zu Bayern gibt es dort diese Beratung flächendeckend. „Bei uns wird gerne argumentiert, das könne alles in der Erziehungsberatung bearbeitet werden“, erklärt Anke Schäflein, Geschäftsführerin des Kreis-Caritasverbandes. „Aber bringen Sie mal einen 17-Jährigen in die Erziehungsberatung. Und schließlich geht es nicht um Erziehung“, ergänzt sie. Mangels eigener Angebote landeten dann oftmals junge Menschen in der ohnehin überlasteten Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo sie ebenfalls nicht hingehören.

    Zahlen sprechen für sich

    Schäflein und ihr Stellvertreter Georg Wagner arbeiteten intensiv für die Finanzierung der neuen Beratungsstelle. „Die Zahlen von der Polizei, die Erfahrungen des Allgemeinen Sozialen Dienstes im Jugendamt und der Schulsozialarbeit sprechen für sich“, sagt sie, doch politisch sei derzeit die Jugendsuchtberatung nicht zu organisieren. „Es gibt eine in Würzburg und eine Nürnberg, aber die sind aus besonderen Initiativen entstanden. Das ist es dann aber auch schon ziemlich für Bayern“, bedauert sie.

    Dass das in Bayern so ist, das musste sie ausführlich belegen, denn bei der Aktion Mensch wird sehr genau darauf geschaut, wofür die Spendengelder ausgegeben werden. Dass eine solche Beratungsstelle ausgerechnet im reichen Bayern nur mit Aktion-Mensch-Mitteln aufgebaut werden kann, das musste sie akribisch belegen.

    Nun ist es also gelungen. 193 000 Euro stellt die Aktion Mensch über vier Jahre verteilt zur Verfügung, die Caritas-Stiftung Würzburg beteiligt sich mit 30 000 Euro und der Kreiscaritasverband übernimmt den Rest, „von dem wir noch nicht genau wissen, wie groß er sein wird“, so Schäflein. Ein Anteil ist schon mal das Büro für Dorothea Walter. Die Beratungsstelle insgesamt wird in wenigen Wochen in das Haus St. Bruno umziehen, derzeit befindet sie sich noch in der Unteren Hauptstraße in Haßfurt.

    Vom Richter geschickt

    Hier erläuterte Walter gemeinsam mit ihrem „Chef“ Andreas Waldenmeier im Pressegespräch die Problemlagen, in denen sie Ansprechpartner sein können. Viele der Jugendlichen kommen nicht aus eigenem Antrieb in eine solche Beratungsstelle, sondern weil ein Richter sie schickt. „Die haben aber eine hohe Motivation mitzumachen, weil sie damit einer Strafe entgehen können“, so Walter. Ihre erste Aufgabe sieht sie darin, mit ihren Klienten ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und die Vorgeschichte zu ergründen. Das Thema Sucht und deren Bewältigung oder wenigstens Beherrschung kommt eigentlich erst später. Aus den Einzelgesprächen sehe man dann, ob sich eine Gruppenarbeit anbietet. So gibt es beispielsweise die Gruppe „Bin mal kurz weg“.

    Zunächst müsse man bei den Konsumenten oft das Problembewusstsein wecken. „Erst mal beschert die Substanz den jungen Leuten ja ein Wohlgefühl, das sie dann immer wieder erleben möchten“, so Waldenmeier. Dass beispielsweise Cannabis gerade bei Jugendlichen den Hirnstoffwechsel komplett verändert und der Konsum sehr viel folgenschwerer ist als bei Erwachsenen, das werde gerne ignoriert. Und der Joint habe auch nichts mit dem Cannabis zu tun, um dessen Legalisierung als Schmerzmittel derzeit diskutiert wird, erklärt der Fachmann.

    Eine hohe Gefahr berge auch der Mischkonsum von so genannten Mode-Drogen, Alkohol oder Pillen. „Nicht jeder wird gleich abhängig, der experimentiert, aber die Gefahr ist groß, auch für Dauerschäden“, so Waldenmeier, der deshalb stark auf Aufklärung setzt. Er wie auch Dorothea Walter wollen Wege zeigen und Brücken bauen.

    Schweigepflicht garantiert

    Sie plant eine offene Sprechstunde montags von 16.00 bis 17.30 Uhr, bei der jedermann ohne Anmeldung vorbei kommen kann. „Ich unterliege der Schweigepflicht, man kann anonym bleiben und auch die Eltern müssen zunächst nicht eingebunden werden“, erklärt sie. Sie will eng mit den Schulsozialarbeitern und anderen Beratungsstellen zusammenarbeiten und aufklärungsarbeit leisten. Ein zweites Projekt, das sie im Blick hat, ist eine Gruppe für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien.

    Das neue Angebot und Dorothea Walter als Beraterin wurden bereits herzlich in den Kreis aufgenommen. „Wie gesagt, der Bedarf ist ja da, das belegen auch ganz klar die Zahlen der Polizei“, so Anke Schäflein. Sie hofft, dass in vier Jahren auch beim Freistaat Bayern ein Umdenken einsetzt und die Jugendsuchtberatung ebenso finanziert wird wie die für Erwachsene: durch den Bezirk Unterfranken, Kirchensteuermittel der Diözese und Eigenmittel der Kreis-Caritas.

    Eine erste Kontaktaufnahme mit Dorothea Walter ist neben der offenen Sprechstunde auch per Mail möglich unter dwalter@caritas-hassberge. De. Die Beratung steht jedermann offen, gleich welcher Konfession, auch wenn der Träger katholisch ist.

    Das Bild an der Wand der Beratungsstelle beschreibt gut die Aufgabe von Dorothea Walter: Brücken bauen, Wege zeigen. Foto: Sabine Weinbeer

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