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    WESTHEIM / GÄDHEIM

    Bio-Landwirte: „Ökospinner“ nennt sie keiner mehr

    In der Landwirtschaft richtet sich der Blick seit Jahrzehnten auf Ertragssteigerung und Gewinnmaximierung. Das Resultat: industrielle Strukturen mit Massentierhaltung und Monokulturen. Bereits vor Jahrzehnten waren Folgen der Intensivierung spürbar. Bauern kämpften mit sinkender Bodenfruchtbarkeit, mehr Pflanzenkrankheiten und Schädlingsdruck. Zugleich entstanden Alternativen zur gängigen Praxis.

    Heute nimmt Bayern laut bayerischem Landwirtschaftsministerium mit rund 9400 Ökobetrieben und 320 000 Hektar ökologisch bewirtschafteter Fläche bundesweit den Spitzenplatz ein. Die Wirtschaftsweise des Ökolandbaus ist in der EU-Öko-Verordnung festgesetzt. An diesen rechtlichen Rahmen müssen sich alle Biobauern in Europa halten. Daneben haben sich Anbauverbände mit weiter gehenden Standards entwickelt.

    Landwirte, die auf Bio umstellen möchten, müssen vieles bedenken. Dies wird im Gespräch mit zwei Landwirtsfamilien klar, die den Schritt gewagt haben. Denn es ist immer noch ein Wagnis, auch wenn die Zeiten, in denen sie als „Ökospinner“ belächelt worden wären, vorbei sind.

    Er habe das sehr eingehend mit seiner Familie erörtert, sagt Stefan Eirich. Der Agraringenieur lebt mit seiner Frau Marion und den Töchtern Antonia und Johanna in Westheim. Er führt einen Betrieb, der seit sechs Generationen im Familienbesitz ist. Auch die Eltern Karin und Bruno helfen mit, wenngleich sie den Betrieb vor Jahren übergeben haben. Zwei Jahre Vorlauf waren laut Eirich nötig. Er hat sich mit früheren Studienkollegen besprochen und sich eingehend beraten lassen.

    Roland Pfister von der Bio Kontor GmbH in Hofheim, die vor drei Jahren aus der Einkaufgenossenschaft (EG) Hofheim entstanden ist und europaweit Bio-Produkte vermarktet, berät auch Umsteiger. Kommendes Jahr wird er erstmals auch Eirichs Ware vermarkten, sogenannte Umstellungsware. Da Eirich bisher konventionelle Landwirtschaft betrieben hat, befinden sich noch Rückstände von Düngung und Pflanzenschutz im Boden und somit im Produkt. Erst nach drei Jahren ist davon auszugehen, dass das angebaute Getreide völlig rückstandsfrei ist. Während der Umstellungsphase dürfen alle Produkte nur als Umstellungsware verkauft werden – zu deutlich schlechteren Preisen als Bioware, so Pfister.

    Bayern hat mit der neuen Förderperiode die Umstellungsprämie deutlich angehoben. Das Bayerische Kulturlandschaftsprogramm (KULAP) würdigt in Hinblick auf Klima-, Boden- und Wasserschutz, Biodiversität und Erhalt der Kulturlandschaft noch mehr die Leistungen der Biobetriebe, gefördert mit einer Beibehaltungsprämie von 273 Euro pro Hektar und Jahr für Acker- und Grünland und 468 Euro für Gemüseflächen. Zudem erhalten die Betriebe einen Zuschuss zu Kontrollkosten.

    Geld, das dringend nötig ist, denn die Umstellung kostet Geld, denn neue Geräte müssen her. Eirich möchten die bestehende Reinigung ausbauen. Schon jetzt kann er auf seinem Hof bis zu 2000 Tonnen in den Silos lagern. Er kann Zuverladungen machen und das Getreide wiegen. „Das können die meisten nicht“, sagt Pfister, der seinen Hof auf dem Weg zu einem Bio-Vorzeigebetrieb sieht.

    Es sei eine Herausforderung, in die biologische Landwirtschaft einzusteigen, erklärt Eirich. Bei seiner Hähnchenmast ist er den Schritt noch nicht gegangen. Wobei seine Hähnchen das Tierwohllabel tragen und er ohne Antibiotika auskommt. „Für die Bioverordnung erreiche ich aber die geforderte Auslauffläche nicht“, sagt Eirich und für den Stallumbau fehlt ihm die Fläche. Jetzt baue er erst einmal die Bewirtschaftung seiner 350 Hektar Feld um. Es gibt Hürden zu meistern und Erfahrungen zu sammeln. Beispielsweise müssen Leguminosen, etwa Erbsen oder Ackerbohnen, angebaut werden, um Stickstoff zu binden und den Boden anzureichern. „Eventuell möchte ich später Zuckerrüben anbauen, da muss ich Helfer einstellen. Schließlich kann ich meiner Frau, sie ist Physiotherapeutin, nicht abverlangen, dass sie nach der Arbeit mit mir aufs Feld geht, um Rüben zu hacken.“

    Er ist zuversichtlich, dass sein Betrieb die Umstellung schaffen wird. Nicht zuletzt hätten die zwar sinnvollen, doch hohen Auflagen in der konventionellen Landwirtschaft seine Motivation zur Umstellung gefördert. Derzeit stellen viele Betriebe um, aber Bioprodukte werden in der Unterzahl bleiben, ist sich Eirich sicher. Nur auf biologischer Basis könne man die Bevölkerung nicht ernähren.

    Das sieht Florian Schuler aus Gädheim anders. Er ist sich sicher, dass es möglich ist, in der Landwirtschaft zu 100 Prozent auf Bio zu setzen. Er erfüllt bei der Milchproduktion und der Rinderhaltung schon die Richtlinien eines Bioland-Betriebs. Er hat in diesem Jahr erstmals Umstellungsware – Triticale (Kreuzung aus Roggen und Weizen) und Weizen –, circa 200 Tonnen, über die Bio Kontor Hofheim vermarktet.

    2010 hat er eine Biogasanlage gebaut und 2011 kam im Oktober der große Brand. Ein Schock für die ganze Familie. Die Schweine sind weitgehend im Feuer umgekommen und 60 Kühe musste er verkaufen. Damit begann die große Umstellung und vor allem das Umdenken, erinnert sich Schuler. Heute hat er 22 Kühe und das dazugehörige Jungvieh. Er baut aber gerade einen Stall für 60 Kühe und Kälber. Eigentlich sollte der schon lange stehen, aber die Genehmigung zog sich sehr in die Länge, schildert Schuler verärgert. Ein Gutes hätte es gehabt: Hätte er den Stall früher bauen können, müsste er heute schon wieder umbauen, um die Richtlinien erfüllen zu können, die seither aufgestellt wurden. Schweine haben die Schulers keine mehr.

    Um die Menschen nur mit Bioprodukten zu ernähren, müsse ein grundsätzliches Umdenken stattfinden, sagt Schuler – auch beim Konsumenten, weg von der Wegwerfmentalität. Es müsse sorgsamer mit Ressourcen umgegangen werden und mit Lebensmitteln. Für ihn und seine Familie – seine Eltern Wolfgang und Elisabeth, seine Frau Nadja und die Töchter Johanna, Sofie und Frieda – war es tiefe Überzeugung: „Wir können so nicht weitermachen. Wo können wir beitragen, damit den kommenden Generationen die Lebensgrundlage nicht entzogen wird?“

    Vom Leitgedanken, „wachsen oder weichen“, der auch in der Ausbildung vermittelt wurde, müsse man wegkommen. Die Schulers setzen auf Vielfalt und ein geschlossenes System. Auf 170 Hektar Grünland und Ackerfläche baut er auch Kartoffeln und Zwiebeln an. Zudem hat er eine Milchtankstelle und einen Automaten für regionale Produkte, wie Käse, Wurst, Eier, Honig, die er teils von Betrieben in der Region bezieht. Dank der Biogasanlage kann er Getreide trocknen und eventuelle Missernten noch nutzen. Und er versorgt neun Haushalte mit Wärme. Wie Eirich kann er Verladungen durchführen und hat entsprechende Einrichtungen und eine Waage.

    Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft ging viel Wissen verloren. „Früher war es normal, auf einem Drittel der Fläche Tierfutter anzubauen“, sagt er. Manchmal wäre ein Schritt zurück gleichbedeutend mit mehr Nachhaltigkeit. Vielfalt hält er für sehr wichtig in der biologischen Bewirtschaftung. Man muss ausreichend Standbeine haben, um Misserfolg bei einem Produkt anderswo abzufedern. Für verheerend hält Schuler die Subventionspolitik. Faire Marktbedingungen wären ihm wesentlich lieber.

     

    bra

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