• aktualisiert:

    HOFHEIM

    Blutiges Weihnachtsfest im Altenheim: 77-Jähriger schlug schlafende Mitbewohner

    Der Weihnachtsfrieden endete in einer Wohngruppe für Demenzkranke in einem Hofheimer Pflegeheim am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags vergangenen Jahres im wahrsten Sinn des Wortes schlagartig: Ein 77-jähriger dementer Heimbewohner ging zwischen 2 und 4.20 Uhr morgens in die nicht verschlossenen Zimmer von drei Mitbewohnern und schlug mit seiner rechten Faust in die Gesichter der schlafenden Senioren.

    Eine Frau schlug er zweimal, eine weitere mindestens dreimal. Sie erlitten blutende Wunden, die in einem Krankenhaus stationär behandelt werden mussten. Am schlimmsten erwischte es einen Senioren, den der 77-Jährige mindestens sechsmal mit der Faust traktierte. Der Geschädigte erlitt einen doppelten Nasenbeinbruch und blutete stark. Er musste auf der Intensivstation versorgt werden.

    Glücklicherweise hatten die Opfer nicht unter Spätfolgen der Taten zu leiden. Nach seinem Gewaltausbruch setzte sich der Täter in den Gemeinschaftsraum der Hausgemeinschaft, wo die beiden diensthabenden Pflegekräfte ihn mit blutverschmierten Händen entdeckten und Polizei und Krankenwagen bestellten.

    Nachtschwester unter Schock

    Am Donnerstag musste sich der bislang unbescholtene Rentner am Landgericht verantworten, das die Unterbringung in das psychiatrische Krankenhaus Werneck anordnete, in dem sich der 77-Jährige bereits seit der Tat befindet. Eine der beiden damals diensthabenden Nachtschwestern sagte vor Gericht, dass die Opfer nicht die Glocke betätigt hätten. Die Geschädigten hätten in ihren Betten auf dem Rücken blutüberströmt gelegen.

    Sie und ihre Kollegin seien unter Schock gestanden. Die Tat sei nicht vorhersehbar gewesen. Der 77-Jährige sei höflich und hilfsbereit gewesen, habe beispielsweise die Spülmaschine eingeräumt oder das Essen verteilt. Die Zimmer dürften nicht abgesperrt werden. Nur die Haustür sei abgesperrt. Sie selbst habe sich nach der Tat selbst Vorwürfe gemacht und mit dem Gedanken gespielt, ihren Beruf aufzugeben. Gespräche mit einem Psychiater hätten ihr geholfen.

    Ihre Kollegin sagte im Zeugenstand, dass die Opfer „schlimm ausgesehen“ hätten. Der Täter sei nach der Tat „da gesessen, als sei nichts passiert“. „Ich habe nichts gemacht“ habe er gesagt.

    Schon zuhause gewalttätig

    Die Heimleiterin sagte vor Gericht, dass die Ehefrau des Täters bei dessen Aufnahme ins Heim im Mai 2018 verschwiegen habe, dass ihr Mann schon zuhause ihr gegenüber gewalttätig gewesen und mit dem Messer auf sie losgegangen sei. Bis zur Tat habe er sich aber vorbildlich verhalten und beispielsweise andere Senioren beim Gehen unterstützt.

    Die 66-jährige Ehefrau des Beschuldigten sagte vor Gericht, dass sich die Demenz ihres Mannes erstmals im September 2017 deutlich gezeigt habe. Er sei damals mit dem Auto nach Bad Neustadt gefahren. Dort habe er das geparkte Auto nicht mehr gefunden und sei herumgeirrt. Als sie ihm daraufhin den Autoschlüssel wegnahm, sei er immer wieder aggressiv geworden, habe auch zugeschlagen und Flaschen geworfen.

    „Er geisterte nachts herum. Ich hatte Angst“ gab sie zu Protokoll. Im Februar 2018 wurde der 77-Jährige erstmals nach Werneck eingeliefert. Die zweite Einlieferung erfolgte nach Ostern 2018, nachdem er gedroht hatte: „ich bring Euch alle um“.

    Die Sozialstation in Werneck habe anschließend die Unterbringung in die Wohngemeinschaft St. Anna in Hofheim eingeleitet. Die 66-Jährige sagte, sie habe der Heimleitung erzählt, dass ihr Mann mit dem Messer auf sie los gegangen sei.

    „Hier war er auch“

    Belastend war die Tat nicht nur für die Nachtschwestern, sondern auch für den ersten Beamten der Polizeiinspektion Haßfurt, der damals vor Ort war. Er sagte vor Gericht, dass er zusammen mit den beiden Pflegerinnen die Zimmer durchsucht habe. Der gellende Schrei einer der Schwestern („Hier war er auch!“) sei ihm bis heute in Erinnerung geblieben.

    Der Beschuldigte selbst machte vor Gericht keine Angaben. Er konnte die Frage des Vorsitzenden, wo er denn gerade sei, nicht beantworten. Professor Hans-Peter Volz vom Bezirkskrankenhaus Werneck bescheinigte ihm eine gemischte Form der Demenz, nämlich eine Alzheimerdemenz und eine vaskuläre Demenz. Die Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten sei aufgehoben. Daher sei er schuldunfähig.

    Sowohl Staatsanwalt Markus Herold als auch Verteidiger Thomas Gärtner plädierten daher auf eine Unterbringung, der sich das Gericht anschloss.

    Richter Manfred Schmidt betonte, dass der Täter aufgrund seiner Schuldunfähigkeit ein Beschuldigter und kein Angeklagter sei. Die Demenzerkrankung könne jeden treffen. Da von dem Beschuldigten nach Ansicht von Professor Volz weiterhin Gefahr ausgeht, mache zur Sicherung der Öffentlichkeit eine Unterbringung erforderlich.

    Als Verurteilter muss der 77-Jährige die Kosten des Verfahrens tragen. Die Angehörigen der Opfer beziehungsweise deren Betreuer haben keine Strafanträge gestellt.

    Fotos

      Kommentare (3)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!