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    SAND

    Das Handwerk muss mit der Zeit gehen

    Am Sonntag steht in Sand der alljährliche Korb- und Weinmarkt an. Dabei dreht sich alles um zwei Produkte, die in der Maintalgemeinde eine lange Tradition haben. Die Entwicklung zeigt allerdings: Während es in Sand auch weiterhin zahlreiche Weinbauern gibt, hat die Zahl der Korbflechter in den vergangenen Jahren stark abgenommen. Einer der letzten ist Stefan Rippstein.

    „Es gibt von früher noch viele Ältere, die es können“, sagt Rippstein. „Aber die machen es nicht mehr beruflich.“ Der 48-Jährige gilt als der letzte hauptberufliche Korbmacher von Sand. „Ich bin damit aufgewachsen“, sagt er auf die Frage, wie er zu dieser Tätigkeit gekommen ist. Auch sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater waren Korbflechter. Stefan Rippstein berichtet, als er selbst etwa 15 oder 16 Jahre alt war und nach einem passenden Beruf suchte, habe sein Vater zu ihm gesagt: „Probier's halt mal, vielleicht gefällte es dir.“

    Biegsam und zäh

    Seine Ausbildung machte Stefan Rippstein an der Berufsfachschule in Lichtenfels – „die Region schlechthin“, wenn es ums Korbflechten geht, wie der Sander erklärt. Dass seine eigene Heimatgemeinde ebenfalls einen Ruf als Korbmachergemeinde genießt, führt er vor allem auf die Lage in den Mainauen zurück. Denn die Weiden, die das von allen einheimischen Pflanzen am besten zum Flechten geeignete Holz liefern, wachsen hier besonders gut. Nur wenige andere Gewächse bringen die dafür nötigen Eigenschaften mit: Die Weidenzweige sind sowohl zäh genug, um einiges auszuhalten, als auch biegsam genug, um sich flechten zu lassen. Ebenfalls gut geeignete Hölzer wären Rattan und Bambus, die jedoch importiert werden müssen.

    „Fast in jeder Familie ist geflochten worden“, sagt Rippstein über die Geschichte des für Sand so typischen Handwerks. Bauern hätten ohnehin für den Eigenbedarf Körbe geflochten, daraus entwickelte sich dann die Idee, Körbe in größeren Mengen herzustellen und zu verkaufen. Viel mehr als heute waren damals auch Verkäufe an der Haustür üblich. Die Handelsreisenden zogen von Haus zu Haus und fragten, ob jemand ihre Produkte kaufen wolle. Im Fall der Sander Korbhändler werden sie als „Sander Raser“ bezeichnet.

     

     

    Zumindest in Sand selbst kommt es heute noch vor, dass Korbhändler ihre Waren auf diese Art an den Mann bringen. „Das muss man können“, meint Rippstein zu diesen Haustürgeschäften. Er selbst habe es mal probiert, „aber es lohnt sich nicht“.

    Flexibel und kreativ

    Er verkauft seine Körbe vor allem auf Märkten. „Ich versuche schon, regional zu bleiben“, sagt er – einerseits, weil er nicht so viele weite Strecken fahren möcht, andererseits auch der Umwelt zuliebe. Dennoch gibt es auch Handwerkermärkte in Hessen und im Saarland, bei denen er regelmäßig zu Gast ist. „Dort habe ich Stammkunden. Leute, die schon drauf warten, dass ich komme“, erzählt er.

    Vieles habe sich am Beruf eines Korbmachers gewandelt, berichtet Rippstein über Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. „Vor 30 Jahren hat ein Korbmacher drei verschiedene Körbe gemacht“, sagt er. Heute dagegen müsse er viel mehr auf die Wünsche seiner Kunden eingehen, flexibel sein und eine viel größere Auswahl an verschiedenen Produkten im Sortiment haben. „Man muss das machen, was die Leute wollen“, meint er. Auch die Ausbildung zum Korbflechter hat sich dementsprechend verändert.

    „Früher haben Leute noch mehr gewusst, was ein guter Korb wert ist“, sagt der Korbflechter. Heute dagegen gebe es viele billige Produkte und auch die Konkurrenz aus Plastik. Die heimischen Handwerker beschränken sich daher heute nicht mehr nur auf Körbe: Beim Besuch unseres Reporters in seiner Werkstatt arbeitet Stefan Rippstein gerade an aus Weiden geflochtenen Dekoartikeln, die in einem Garten aufgestellt werden können. Um seinen Produkten eine größere Vielfalt zu verleihen, arbeitet Rippstein unter anderem mit verschiedenen Flechtmustern oder mit Holz in unterschiedlichen Farben, was er unter anderem dadurch erreicht, dass manche Äste geschält sind und andere nicht.

    Ein gewisses Bedauern darüber, dass die Wertschätzung für gute Körbe in den letzten Jahrzehnten nachgelassen habe, schwingt in dem mit, was Stefan Rippstein erzählt. Dabei habe gerade die Erfindung des Korbflechtens entscheidend dazu beigetragen, dass die Menschen sesshaft werden konnten: Eine wichtige Voraussetzung dafür war die Möglichkeit, Lebensmittel zu lagern.

    Ein „schönes Handwerk“

    „Es ist schon ein schönes Handwerk“, sagt der Korbflechter. Unter anderem schätzt er die Möglichkeit, zuhause zu arbeiten. Seine Werkstatt befindet sich in dem Haus am Sander Ortsrand, in dem er mit seiner Familie wohnt. Gleich hinter dem Haus ist das Weidenfeld, das ihm den Rohstoff für seine Arbeit liefert.

    „Man braucht keine Maschinen“, freut sich Rippstein über die Ruhe, die er bei der Arbeit hat. Gleichzeitig sei es schön, durch die Märkte gelegentlich rauszukommen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen. „So war es auch früher: Der Markt war das soziale Leben.“ Zudem schätze er die Verbindung aus traditionellem Handwerk und der Möglichkeit, etwas Neues zu gestalten und seine Kreativität spielen zu lassen.

    ONLINE-TIPP

    Ein Video von Stefan Rippstein bei der Arbeit unter www.mainpost.de

    Bearbeitet von Peter Schmieder

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