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    HOFHEIM

    Die wahre Geschichte vom Hofheimer Weihnachtsengel

    Zwei Hofheimer Buben kaufen ihrer Mutter 1922 ein teures Weihnachtsgeschenk. 1992 spricht einer der beiden auf Band, was aus diesem besonderen Geschenk geworden ist.
    Der Hofheimer Weihnachtsengel
    Der Hofheimer Weihnachtsengel Foto: Werner Mock

    Weihnachten ist auch eine Zeit, an der man gerne schöne Geschichten erzählt oder ihnen lauscht, gerne dürfen es Märchen sein. Das was der damals 81-jährige Hofheimer Hans Hempfling 1992 unserem Reporter Werner Mock erzählte, ist aber ebenso wahr wie berührend: Es ist die Geschichte eines Engels aus Papier, eines Geschenkes an die Mutter, das eines Tages verschwunden war und doch wieder auftauchte. Aber vernehmen wir nun den Bericht von Werner Mock:

    Hans Hempfling war aufgrund seines Wesens äußerst beliebt und als Malermeister, Sportler, Sänger und Jäger weit über die Grenzen der Stadt Hofheim bekannt. Er hatte eine künstlerische Ader, malte wunderschöne Bilder und besaß die Gabe einer ausdrucksstarken, detailgetreuen, fesselnden Erzählweise. So saßen wir gemeinsam in der warmen Stube und ich lauschte seinen Worten, die mich in den Bann zogen.

    Die Wege von Hans Hempfling führten oft zum Friedhof. Hier stand er vor den Gräbern und kommunizierte gedanklich in liebevoller Erinnerung mit denen, die ihm voraus gegangen waren. Einer davon war Pfarrer Schlabeck, ein Pfälzer. „Bei Pfarrer Schlabeck, waren mein Bruder Anton und ich Ministranten“, so Hempfling. Es war das Jahr 1922, Inflationszeit, kurz vor Weihnachten. Das Geschwisterpaar hatte das ganze Jahr über ministriert. „Ihr Bube wartet ?mal, ich muss euch was gebe, ihr sollt a? Freud hab?, es is? net viel“, so stoppte der Priester die zwei, die gerade wieder im Begriff waren, davon zu stürmen. Er schlug sein Brevier auf und reichte den beiden 5000 Reichsmark. Beide Kinder hatten bis dahin keine Ahnung vom Geld und nie welches in die Finger bekommen. Was notwendig war, das kauften die Eltern.

    Beratend saßen nun der Zehn- und der Elfjährige auf den Kirchenstufen, denn es ging um die Frage: Was machen wir mit dem vielen Geld? Schnell waren sich beide einig, dass sie der Mutter ein Weihnachtsgeschenk kaufen. Doch zuvor wollten sie sich selbst zwei Brötchen gönnen. So steuerten sie die Bäckerei „Rügheimer“ in der „Grünen Marktstraße“ an und drückten auf den Klingelknopf. Kurz darauf öffnete sich das Schiebefenster. Im Hintergrund waren ein paar Laib Brot im Regal und Brötchen im Korb zu erkennen, sonst nichts.

    Die beiden Brüder Anton (links) und Hans Hempfling. Vorne sitzend ihre Mutter Anna. Repro: Werner Mock

    „Na ihr zwei, was wollt ihr?“ kam?s durch die Öffnung. „Wir woll?n zwei Weck“, so die Antwort der Buben. „Macht sechstausend Mark“ und schon legte Frau Rügheimer die Brötchen in greifbare Nähe. Hans und Anton waren erstarrt. „Ich dachte, mich trifft der Schlag“, so Hans Hempfling. Wir schauten uns an und lehnten entschlossen das Angebot, die zwei Brötchen für „nur“ fünftausend Mark zu erwerben, ab. Daraufhin schüttelte Frau Rügheimer verständnislos den Kopf und schloss wieder das Schiebefenster.

    „Herr Gott, jetzt haben wir das ganze Jahr über ministriert und bekommen für unsere fünftausend Mark nicht einmal zwei Wecken“, murmelte Hans enttäuscht beim Weitergehen seinem Bruder zu.

    Ihr neues Ziel war das Schreibwarengeschäft Hans Leonhardt, wo Postkarten, Briefmarken und Sonstiges zu erwerben war. Beide erzählten Herrn Leonhardt von ihrem Plan, der Mutter eine Weihnachtsfreude zu machen. Doch egal, was die zwei in Erwägung zogen, es war nicht zu bezahlen. Plötzlich entdeckten sie einen Engel aus Pappmaschee, der einen weißen Blütenkranz auf dem Kopf trug und ihnen freundlich zulächelte. Der reguläre Preis lag bei siebentausend Mark. Als Herr Leonhardt hörte, dass die zwei Buben nur fünftausend Mark besaßen und dafür ein Jahr lang ministriert hatten, war er gerührt und sie erhielten für ihr Geld den Engel.

    Wer erinnert sich noch? Das Geschäft von Hans Leonhardt und seiner Frau (beide im Bild), in dem die beiden Brüder vor nunmehr fast 100 Jahren den heute noch erhaltenen Papier-Engel gekauft hatten.Repro: Werner Mock

    Dann kam das Weihnachtsfest. Voller Erwartung überreichten die Buben ihr Geschenk an die Mutter. Diese schaute beide fragend an: „Woher habt ihr das Geld?“ Beim Schildern des Erlebten flossen der Mutter die Augen über und sie nahm ihre geliebten Kinder in den Arm.

    Ab diesem Jahr hatte der schöne Engel mit dem weißen Blütenkranz immer seinen Stammplatz im Weihnachtsbaum. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden die zwei jungen Männer eingezogen. Aber sie überlebten die schrecklichen Jahre und kamen nach der Kriegsgefangenschaft 1948 wieder nach Hause.

    Die erste Nachkriegsweihnacht für die gesamte Familie stand an und es galt den Baum zu schmücken. Die Mutter wurde gefragt: „Sag, wo hast du deinen Engel?“ Doch der Engel war, trotz intensiver Suche nicht mehr da. Laut der Mutter waren zwischenzeitlich Flüchtlinge und fremde Leute im Haus und es wurde umgeräumt, um Platz zu schaffen. Voller Dankbarkeit, ihre Kinder wieder bei sich zu haben, hatte sie für sich eine eigene Erklärung: „Bestimmt ist er hinausgeflogen um auf euch aufzupassen, damit ihr heil wieder zurück kommt“. „Sicher Mutter, sicher war es so“, nickten die Söhne zustimmend.

    Viele Jahre vergingen, Hans und Anton heirateten, bekamen selbst Kinder und auch diese wurden groß. Eines Tages besuchte Hans seine Mutter, die ihn schon freudvoll erwartete: „Ich muss dir etwas zeigen“, dabei hielt sie einen Gegenstand hinter ihrem Rücken versteckt. Ich hab' im Dachboden gekramt und schau, was ich gefunden habe. Kennst du das noch?“

    Der Erzähler Hans Hempfling, etwa in der Zeit des Interviews Anfang der 1990-er Jahre. Foto: Werner Mock

    Da war er, der Jahrzehnte vermisste Weihnachtsengel in den Händen der geliebten Mutter. Zurückblickend sprach sie: „An diesem Engel hängt so viel Erinnerung, den nimmst du mit nach Hause und hängst ihn in den Christbaum“. Und Hans nahm den Weihnachtsengel behutsam entgegen, mit dem Versprechen, gut auf ihn aufzupassen.

    Nach einer kurzen Pause setzte der Erzähler Hans Hempfling die von ihm erlebte Geschichte vom Engel fort:

    „Ich war 1946 in Kriegsgefangenschaft in Jugoslawien, wir lagen größtenteils auf der blanken Erde. Es war der Heilige Abend und die Bewacher ließen uns das erste Mal in eine Kirche, anders ausgedrückt, sie haben uns hineingetrieben. Dort war ein sehr guter Chor und wir haben ,Nabucco' und ,Stille Nacht' gesungen. Beim Verlassen der Kirche standen eine Menge Menschen vor dem Gotteshaus, die uns heimlich etwas zusteckten. Als unsere Bewacher dies merkten, haben sie auf uns Gefangene und auf die gütigen Menschen eingeschlagen und uns ins Lager zurückgedrängt. Dort habe ich mich auf meinen Papiersack gelegt und beim Einschlafen von dem Weihnachtsengel mit dem Blütenkranz geträumt, der daheim im Christbaum hängt.“


    Seit fast 30 Jahren ist der Hofheimer Werner Mock immer wieder mit seinem Aufnahmegerät unterwegs zu alten Menschen. Der Grund: Er will ihre Gedanken und Erlebnisse als wichtige Zeugnisse der Zeitgeschichte für die Nachwelt erhalten. Dabei habe er viel gelernt, indem er einfach nur zuhörte, was seine Gesprächspartner zu erzählen wussten.
    „Ich staunte über ihre Lebensweisheiten, ihren Humor, ihre Philosophie, ihre Ruhe und Sicherheit und den Frieden in ihren Herzen“, beschreibt Werner Mock seine Begegnungen. Er ist der Überzeugung: „In vielen alten Menschen schlummern Schätze.“ Die älteren Menschen seien in einer immer gefühlsärmeren Gesellschaft Wegweiser zu den wahren Lebenswerten.

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