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    BAMBERG

    Ein Gedenkbuch für die Opfer des Holocaust

    Ihr Werk ist vollbracht: Lehrerin Christa Horn und Schülerinnen und Schüler blättern in dem druckfrischen Gedenkbuch. Foto: Marion Krüger-Hundrup

    Fünfzehn Schülerinnen und Schüler des Bamberger Kaiser-Heinrich-Gymnasiums – jetzt allesamt Abiturienten – haben zwei Jahre lang tiefe, schmerzvolle Wunden ihrer Heimat aufgespürt – und zwar nicht geheilt, aber erträglicher gemacht. In akribischer Forschungsarbeit gelang es ihnen mit ihrer Geschichtslehrerin Christa Horn, Menschen dem Vergessen zu entreißen. Der sichtbare Lohn der Mühe wurde jetzt öffentlich vorgestellt: nämlich das „Gedenkbuch für die jüdische Bevölkerung in den ehemaligen Gemeinden Trabelsdorf und Lisberg“. Für jüdische Mitbürger, die Opfer des Naziterrors wurden, der auch diese kleinen Orte nahe Bamberg erreicht hatte.

    „Es hat sich gelohnt“

    Bei der Präsentation des druckfrischen, 348 Seiten umfassenden Werkes in der Alten Schule in Trabelsdorf lobte Lehrerin Horn die anwesenden Schüler: „Es gibt leichtere Projekt-Seminare, aber es hat sich gelohnt. Ihr habt viel bewegt: Ich bin stolz auf Euch!“ Christa Horn dankte den vielen Menschen, ohne deren Unterstützung das Gedenkbuch nicht hätte verwirklicht werden können: den Zeitzeugen, die in Gesprächen ihre Erinnerungen mitteilten. Den Nachkommen der jüdischen Familien für die Bereitstellung von persönlichen Dokumenten und Fotos. Den Mitarbeitern der verschiedenen Archive wie zum Beispiel des Staatsarchivs oder Stadtarchivs Bamberg sowie dem Bürgermeister der Gemeinde Lisberg, Michael Bergrab, der das Projekt von Beginn an engagiert begleitete. Und dem Gemeinderat, der nach einstimmigem Beschluss die Finanzierung des Gedenkbuches ermöglichte.

    Ein Buch, zwei Kapitel

    Die Fußnoten, das Quellen- und Literaturverzeichnis belegen allein schon, dass dieses großformatige Buch auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Es ist in zwei jeweils untergliederte Kapitel geteilt. Im ersten Kapitel „Die jüdische Gemeinde Trabelsdorf“ werden die politischen Aspekte der Jahre 1933 bis zu den Deportationen in die Todeslager 1942 beleuchtet. Bemerkenswert ist die folgende umfassende Schilderung religiösen Brauchtums im Judentum unter Berücksichtigung der regionalen Gegebenheiten.

    Von Jüdin zur Ordensschwester

    Das zweite Kapitel, das eigentliche „Gedenkbuch“, widmet sich den 1933 in Trabelsdorf und Lisberg lebenden jüdischen Personen. Den Schülern des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums ist es gelungen, die Biografien der Personen nachzuzeichnen, die seit dem Bestehen der Standesämter in Trabelsdorf und Lisberg im Jahre 1876 dort geboren wurden: „Aus den ursprünglich zehn Deportierten im Jahre 1942 waren nun über 90 jüdische Schicksale geworden“, erklärte Christa Horn. Darunter das ungewöhnliche Schicksal von Luise Loewenfels, die aus einer jüdischen Trabelsdorfer Familie stammte, später zum katholischen Glauben konvertierte und Ordensschwester wurde. Für die Nationalsozialisten blieb sie dennoch Jüdin. Am 9. August 1942 wurde sie im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

    Bürgermeister Bergrab erinnerte bei der Buchvorstellung daran, was den Anstoß für dieses Projekt des Bamberger Gymnasiums gegeben hat: „Es war die gemeinsame Initiative der katholischen und evangelischen Kirchen, für Luise Loewenfels einen Stolperstein zu verlegen.“ Dieser erste Stolperstein zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus auf dem Gemeindegebiet wurde am 3. November 2016 von dem Künstler Gunter Demnig in der Steigerwaldstraße in Trabelsdorf verlegt. Weitere Stolpersteine folgten 2017 für fünf Angehörige der Familie Liffgens, 2018 für vier der Familie Reichmannsdorfer. „Mit den Stolpersteinen und dem Gedenkbuch setzen wir ein Zeichen als politische Gemeinde bei Umtrieben, bei denen man nicht weiß, wo sie hinführen“, betonte der Bürgermeister. Die Zeit der Zeitzeugen gehe vorbei, ein kritisches biologisches Zeitfenster sei erreicht. Daher „ist es umso wichtiger, mit dem Gedenkbuch ein Stück Geschichte für die Nachwelt zu tradieren“, so Bergrab.

    Das traurigste Lied

    An diesem Abend in der Alten Schule gab es aber auch eine Art musikalische Gedenktafel für die Trabelsdorfer Juden: „Das traurigste Lied, das ich jemals geschrieben habe“, wie Komponist und Texter Wolfgang Buck sagte. Der fränkische Liedermacher und frühere evangelischer Pfarrer von Trabelsdorf hatte „11 Norma“ in den 1990er Jahren verfasst, als noch nichts an die einstigen jüdischen Mitbürger erinnerte. Atemlose Stille herrschte im Saal, als Wolfgang Buck die elf Namen der Deportierten sang. Auch der Refrain ging unter die Haut: „G?lebt hams in einem Dorf in Oberfranken. Wer is traurig, wer hat was g?sehn, wer an sie g?denkt, wer a Träne verlorn? Vergast oder erschossn, für Experimente hergenommen oder erschlagn…“.

    Und dennoch: „Wir leben ewig!“ setzte der Wohnzimmer-Chor Priesendorf ein jüddisches Lied aus dem Ghetto Riga entgegen. Ein passendes Pendant zu dem Gedenkbuch, das ein Weiterleben über Zeit und Raum hinaus dokumentiert. (MKH)

    Das Buch kostet 20 Euro und ist bei der Gemeinde Lisberg sowie in den Pfarrämtern der dortigen Kirchen erhältlich.

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