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    HAßFURT

    Eine Königin aus Holz und Metall für Königsberg

    Musik: Seit vielen Jahren wünschen sich die Gottesdienstbesucher der evangelischen Marienkirche in Königsberg eine neue Orgel. Bald wird das Instrument fertiggestellt sein. Die Erwartungen sind hoch.
    Seit Jahren wünschen sich die Gottesdienstbesucher der evangelischen Marienkirche in Königsberg eine neue Orgel. Bald ist das Instrument fertig. Die Erwartungen sind hoch.
    Ein Blick von oben auf die Pfeifen der neuen Königsberger Orgel lässt ahnen, dass Orgelbau eine Wissenschaft für sich ist. Der Orgelbauer gewährt mit diesem Foto den seltenen Einblick in das Innenleben des gewaltigen Instruments. Auf Bitte der Autorin machte er für den Bericht in dieser Zeitung vom Gehäusedach aus ein Foto oberhalb der Pfeifen, in 2,5 Meter Höhe über der Windlade. Foto: Hojung No/Unternehmen Mühleisen

    Seit vielen Jahrhunderten gibt es Orgeln und spätestens seit Johann Sebastian Bach sind sie aus den Kirchen nicht mehr wegzudenken. Sie sind sowohl in evangelischen als auch katholischen Gotteshäusern Bestandteil der Liturgie und befinden sich häufig „versteckt“ hinter einem kunstvoll in handwerklicher Arbeit gefertigten Meisterstück, dem Orgelprospekt. Ein derart wertvoller Prospekt ziert auch das Erscheinungsbild der Kirchenorgel in der evangelischen Marienkirche zu Königsberg. Hier verbirgt eine prächtige Arbeit aus dem Jahr 1660 von Matthias Tretscher aus Kulmbach das Instrument.

    Der Begriff Prospekt kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Anblick“. Er bezeichnet also das äußere Erscheinungsbild, die Fassade einer Orgel, die in der Marienkirche das barocke Kunstwerk eines alten Meisters und damit von historischer Bedeutung ist. Das Instrument dahinter war bis zum Sommer vergangenen Jahres eine zweimanualige Orgel mit romantischem Klangbild, gebaut im Jahr 1904 von Johannes Strebel. In den vergangenen Jahren litt das Instrument zunehmend hörbar an Altersschwäche. Im Mai 2019 erklang sie deshalb im Gottesdienst zum letzten Mal, ehe sie Platz für ein neues Modell machen musste.

    Eine bedeutende Orgel für eine bedeutende Kirche

    Die Marienkirche am historischen Königsberger Marktplatz gilt als größte und bedeutendste Kirche des evangelischen Dekanats Rügheim. Sie habe eine Orgel verdient, die ihrer Rolle gerecht werde, meinten die Mitglieder des 2014 gegründeten Orgelbauvereins. Unter der Leitung der Vorsitzenden Barbara May wurde aus dem Wunsch ein realistisches Projekt. May, die in Königsberg lebt, war vor ihrer Pensionierung Schulmusikerin in Erlangen. Mit ihrem Team, dem mittlerweile fast 50 Personen zählenden Verein, hatte sie nach Prüfung aller eingegangenen Angebote entschieden, den Auftrag zum Bau der neuen Orgel an die Werkstatt Mühleisen im Baden-Württembergischen Leonberg zu geben. Die Vorgaben an die Orgelbauer lauteten: „Mit guter Mechanik, solider Technik und neuen klanglichen Möglichkeiten soll das Instrument ausgestattet sein. Zudem ist der barocke, wertvolle Orgelprospekt unbedingt zu erhalten. Damit auch große Werke aus verschiedenen Epochen der Orgelliteratur gespielt werden können, muss die Orgel über verschiedenartige Register und vielfältige Klangfarben verfügen.“ 400 000 Euro kostet die neue Orgel, die diesen Forderungen gerecht werden soll. Mehr als zehn Jahre lang wurde deshalb gesammelt und zielgerichtet gespart. Über 395 000 Euro kamen bisher zusammen, eine beachtliche Leistung für die Kirchengemeinde einer kleinen Stadt mit weniger als 4000 Einwohnern. May ist zuversichtlich: „Jetzt fehlen noch knapp 5000 Euro, ich bin optimistisch, dass die Zielsumme erreicht wird.“

    Das Ergebnis aller Bemühungen ist in der Kirche sichtbar – und vor allem zu hören. „Mit unserer neuen Orgel können große Werke aus verschiedenen Epochen der Orgelliteratur gespielt werden“, verkündet der Orgelbauverein auf seiner Webseite. Die Mühleisen-Orgel in Verbindung mit dem außerordentlich guten Raumklang der Marienkirche soll namhafte Organisten nach Königsberg locken. Für die Orgellandschaft in den Haßbergen wird sie einen weiteren Glanzpunkt setzen und sich in das vielfältige Orgelbauschaffen einfügen.

    Eine Bereicherung für die Vielfalt in der Region

    Im Zusammenspiel mit anderen – wie etwa der 2011 überholten Schlimbach-Orgel der Haßfurter Ritterkapelle oder den Instrumenten des Bamberger Orgelbauers Eichfelder in Rügheim und Zeil – wird sie die virtuose Vielfalt der Region bereichern. Sie wird nicht nur den Besuchern der Kirche neue Klangerlebnisse bringen. Auch Organisten, die gern an verschiedenen Instrumenten musizieren, wird sie anlocken.

    Eine, die bereits Interesse signalisiert, ist Kata Szabo, eine junge Ungarin. Sie studierte an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest Orgelfach und war anschließend ab 2010 Studentin an der Musikhochschule in Würzburg. Während dieser Zeit musizierte sie beispielsweise an Orgeln in Ebern und Unterhohenried, aber auch an der Mühleisen-Orgel in der Bamberger Stephanskirche.

    Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr spielt bei der Weihe am 5. Juli

    Ulrich Knörr, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, wird jedenfalls als einer der ersten Organisten die neue Orgel anlässlich ihrer Weihe am 5. Juli dieses Jahres zum Klingen bringen. Von Dekanatskantor Matthias Göttemann gespielt, wird sie endlich wieder in den Gottesdiensten zu hören sein. Und schließlich werden sich wohl alle Orgelschüler freuen, an diesem modernen Instrument die hohe Kunst des Orgelspiels zu erlernen. Wie Barbara May mitteilt, hat Ingrid Kasper, Kantorin und Kirchenmusikdirektorin aus Bamberg, bereits Erfahrungen im Umgang mit der Mühleisen-Orgel der Stephanskirche an junge Königsberger Orgelspieler weitergegeben.

    Alle Orgeln bestehen aus vielen Teilen und sind einzigartige Meisterwerke ihrer Erbauer. Ein Orgelbauer führt quasi Tätigkeiten mehrerer Professionen aus, die eines Schreiners, Metallbearbeiters, Mechanikers, Schwachstromelektrikers und Pneumatikers. Unzählige Stunden Arbeit sind bis zur endgültigen Fertigstellung nötig. Dabei sieht der Betrachter in der Kirche (oder im Konzertsaal) lediglich die Vorderfront des imposanten Instruments. Wer hat schon die Möglichkeit, den Innenraum einer Orgel zu betreten oder gar von oben auf die Pfeifen zu schauen? Für den Orgelbauer Ho Jung Noh, Mitarbeiter des Unternehmens Mühleisen, befand sich „dort oben“ in der Marienkirche für einige Wochen der Arbeitsplatz.

    Auf die Frage, nach welchen Kriterien die Pfeifen angeordnet seien, erklärte er: „Bei dieser Orgel sind die Pfeifenreihen (Register) der Länge nach von vorn (Orgelprospekt) nach hinten (Stimmgang) angeordnet, damit der Orgelbauer zum Stimmen an alle Pfeifen gelangen kann.“ Eine Pfeifenreihe besteht aus so vielen Einzelpfeifen gleicher Bauart, wie Tasten auf der Klaviatur sind: Jede Taste führt zu je einer korrespondierenden Pfeife entsprechender Länge (Tonhöhe). Bei jedem Register im Hauptwerk sind die Orgelpfeifen links und rechts symmetrisch aufgestellt und stehen von außen (Bass) nach Innen (Diskant). Die längste Pfeife der neuen Königsberger Orgel hat laut Orgelbauer Noh eine Länge von 5,60 Metern. Die kleinste ist mit Fuß etwa 20 Zentimeter lang. Die Metallpfeifen bestehen aus Zinn und Blei-Legierung, die Holzpfeifen aus Fichte, Buche und Ahorn. Sozusagen Pfeife für Pfeife nahm das Instrument Form an, wurden Motor und Windanlage eingebaut. Orgelbauer Noh war maßgeblich an den Arbeiten beteiligt.

    Auch der Orgelbaumeister und Restaurator Christoph Dörr-Schneider war nach Königsberg gekommen. Für die renommierte Werkstatt, die unter anderem in der Bamberger Stephanskirche 2008 eine neue Orgel baute, sei es „ein besonderer Auftrag, hinter dem wertvollen historischen Prospekt eine neue Orgel bauen zu dürfen“. Im Gespräch mit dieser Redaktion betonte der Geschäftsführer aus Leonberg, Orgelbaumeister Karl-Martin Haap, dass die neue Orgel in der Marienkirche dem bestehenden, unter Denkmalschutz stehenden Gehäuse angepasst wurde.

    Nun geht der Wunsch der Königsberger tatsächlich in Erfüllung. Die neue Orgel wird über 23 Register und zwei Manuale verfügen. Noch ist sie nicht nicht fertig, kann aber gespielt werden. Ende Februar ist laut Orgelbauer Rainer Knittel von der Firma Mühleisen die endgültige Fertigstellung der Orgel geplant.

    Königsberger freuen sich auf das neue Instrument

    Es sei zu erwarten, dass sie den Kirchenraum akustisch und ästhetisch bereichern wird. Das wünscht sich auch der Königsberger Pfarrer Peter Hohlweg. „Das Projekt ,Eine neue Königin für Königsberg' ist seit Jahren ein Hauptschwerpunkt der Arbeit in der Gemeinde. Wir sind dankbar, dass wir das Projekt nun bis auf etwa 5000 Euro finanziert haben. Jetzt überwiegt die Freude, ein neues, großartiges Instrument zu bekommen, das sowohl für die Liturgie als auch den Konzertbetrieb bei uns in Königsberg neue Maßstäbe setzen wird“, sagt der Pfarrer.

    Die Orgel in der Marienkirche Königsberg

    Marienkirche Königsberg

    Die hochgotische Marienkirche am Marktplatz der mittelalterlichen Stadt Königsberg ist ein imposantes Gebäude aus dem Jahr 1432. Sie beherbergte eine „Strebel Orgel“ aus dem Jahr 1904. Gegenwärtig wird eine neue Orgel der Werkstatt Mühleisen installiert. In der Marienkirche finden regelmäßig kirchenmusikalische Konzerte mit Sängern und Musikern der Region Hassberge sowie Veranstaltungen mit professionellen Künstlern aus ganz Franken und darüber hinaus statt.

    Kirchen- und Konzertorgeln

    Aus dem griechischen Wort „organon“, das neben Instrument auch Werkzeug bedeutet, stammt die Bezeichnung dieser bemerkenswerten Tasteninstrumente. Durch einen Luftstrom angeblasene Pfeifen erzeugen stimmungsvolle Klänge, deren Lautstärke und Klangfarbe durch die Registrierung beeinflusst werden. Wer ein solches Instrument aus der Nähe sehen oder gar spielen möchte, muss in aller Regel ganz nach oben, auf die Empore steigen. Da thront der Organist, heutzutage nicht selten eine Frau, und lässt vom Spieltisch aus zur Freude von Gottesdienst- oder Konzertbesuchern quasi ein ganzes Orchester erschallen.

    Orgelweihe in der Marienkirche

    Die Weihe der neuen Orgel findet am Sonntag, den 5. Juli 2020, statt. Neben Pfarrer Peter Hohlweg als Liturgen wird Regionalbischöfin Dorothea Greiner als Festpredigerin erwartet. Außerdem werden der Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr an der Orgel, Dekanatskantor Matthias Göttemann mit dem Orchester Würzburg und der Kantorei Hassberge sowie der Königsberger Posaunenchor und der Kinderchor mitwirken.

    Orgelbauverein Königsberg

    Vorstand: Barbara May

    Kontakt per E-Mail: barbara.may@t-online.de

    Orgelbauer

    Werkstätte für Orgelbau Mühleisen GmbH

    Ostertagstraße 20, 71229 Leonberg

    www.orgelbau-muehleisen.de

    Zitate

    Barbara May, Vorstandsvorsitzende des Königsberger Orgelbauvereins: „Ich freue mich auf schöne Konzerte mit der neuen Orgel.“

    Peter Hohlweg, Pfarrer in Königsberg: „Da wir nächstes Jahr auch '100 Jahre Königsberg in Bayern' feiern, ist die Orgel sozusagen das Geburtstagsgeschenk an die Stadt.“

    Ingrid Kasper, Bamberg, Kirchenmusikdirektorin: „Früher habe ich andere Musiker beneidet, die ihre Instrumente einpacken und mitnehmen können. Schon lange sind diese Gedanken aus Kindertagen meiner Begeisterung für das majestätische Instrument gewichen.“

    Konrad Mühleisen, Leonberg, Orgelbaumeister, Seniorchef, Firmengründer 1986: „Der Klang einer guten Orgel gehört zu den erfreulichsten Leistungen unserer Kultur.“

    Karl-Martin Haap, Leonberg, Orgelbaumeister, Geschäftsführer: „Jede Orgel ist für uns besonders, da jedes Instrument klanglich individuell dem Raum angepasst wird.“

    Kata Szabo, Budapest (Ungarn), Organistin: „Die Spenden und der Zusammenhalt der Leute in Königsberg, die wechselvolle Geschichte der Orgel samt historischem Prospekt, das ist alles sehr beeindruckend für mich. Es wäre mir eine Ehre, dort ein Konzert zu spielen.“

    Das Intonieren der Orgel ist eine besondere Kunst. Orgelbauer HoJung Noh war dafür an der neuen Orgel in der Marienkirche Königsberg zuständig. Foto: Mühleisen
    Jede Orgel besteht aus vielen Teilen, unter denen die Pfeifen die Hauptrolle spielen. Foto: Sabine MEißner

    Fotos

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