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    KREIS HAßBERGE

    Eine Zeitreise zwischen den Welten

    Sucht einen neuen Wirkungskreis: Der einst im Haßbergkreis wirkende Künstler und Galerist Günter Rocznik. Foto: Günter Rocznik

    Der Name Günter Rocznik ist vielen Kunstinteressenten im Haßbergkreis ein Begriff. Er lebte und wirkte hier fast 20 Jahre und machte 1999 erstmals mit „Kunst im Amt“ in Ebelsbach von sich reden. Untermerzbach, Ebern und Pfarrweisach waren fortan seine Stationen, von denen aus sich der diplomierte Sozialpädagoge, Galerist und sozial engagierte Künstler zu Wort und zu Bild meldete. Heute weist er aus Eckental im Landkreis Erlangen-Höchstadt auf seine aktuelle und – wie er betont – letzte Ausstellung an diesem Ort hin. Ihr hat er den Titel „Zeitreise“ gegeben.

    Vor dreieinhalb Jahren verabschiedete sich Rocznik aus Pfarrweisach, seinem damaligen Lebensmittelpunkt. Danach gestaltete er eine Ausstellung unter dem Titel „Die Wirklichkeit des Unerwarteten“. Für dieses Projekt zog er in Richtung Nürnberg, nach Eckental. Er folgte dem Ruf des dortigen evangelischen Pfarrers.

    Galerie im Asylbewerberheim

    Eine Brücke zu Geflüchteten sollte errichtet werden, zu Menschen aus anderen Kulturen, die im Gebäude der Kirche auf deutsches Asyl warten. Rocznik stellte sich dem Ansinnen. Die Location seiner Galerien war fortan das zum Asylbewerberheim avancierte und von der Kirche erworbene ehemalige Seniorenheim.

    Er habe einer „etwaigen Ghettoisierung entgegenwirken und dabei ein Stück Normalität leben“ wollen, meint Rocznik heute. So wurde das Heim zwar zu einem authentischen Raum für Begegnungen, aber ein gewinnbringender Ort wurde es nicht.

    Sieben Ausstellungen, zwei Lesungen und ein temporäres Fotostudio fanden durch seine Initiative im Asylbewerberheim statt. Dass er sich nun aus Eckental wieder verabschieden will, hat unter anderem finanzielle Gründe. „Ich muss nun wieder ans Geldverdienen denken“, stellt er fest.

    Die Ausstellung „Zeitreise“ soll für seinen jetzigen Aufenthalt ein Schlusspunkt sein. Sie ist eine Werkschau, eine Reise zwischen den Welten, in der Roczniks Engagement im Asylbewerberheim zum Ausdruck kommt. Er lernte dort nicht nur die Sicht fremder Menschen auf deutsche Kunst und Kultur kennen. Der Künstler hat auch erfahren, was es für einige dieser Menschen bedeutet, einen gerade lieb gewonnenen Ort, so etwas wie eine neue Heimat, wieder verlassen zu müssen.

    In der Öffentlichkeit habe man sein Wirken wahrgenommen und moralisch honoriert. Nürnbergs Bürgermeister Ulrich Maly nannte Rocznik anlässlich einer Ausstellungseröffnung einen „künstlerisch tätigen Sozialarbeiter und sozial engagierten Künstler, dessen Tätigkeit einen starken Bezug auf unsere gesellschaftliche Lebenswirklichkeit aufweist“.

    „Nun denke ich ans Weggehen“, sagt Rocznik und erklärt: „Die Tätigkeit als Galerist war nicht leicht: Asylbewerberheim, 3. Stock, Außentreppe, Dorfrandlage.“ Er habe versucht, sein Bestes zu geben. Ab und zu hätte ein künstlerisches Highlight sein Dasein erhellt und ihm einen Bericht in der Presse eingebracht. „Aber Zustimmung und Ablehnung haben sich die Waage gehalten“, resümiert Rocznik, „auch Skepsis, Misstrauen und Angenommen sein, nicht nur von rechtskonservativen Bürgern.“

    Es gab immer eine Fortsetzung

    Anlässlich seines 60. Geburtstages im Jahr 2016 kündigte er in der „Galerie Kunst und Antik“ in Pfarrweisach seine (vorläufig) letzte Ausstellung an. Mit Arbeiten aus mehr als zwei Jahrzehnten, die er „Stationen“ genannt hatte und die seine 25 Jahre dauernde Arbeit als Galerist widerspiegelten, wollte er sich damals verabschieden. Doch es folgte die Ausstellung „Dialog im Kreuz“ in Hofheim im Rahmen des Landkreiskulturprojekts Kunststück sowie ein Jahr später in Königsberg die Galerie „Kreuze“.

    Wichtiges und Belangloses

    Jetzt verlässt Rocznik erneut seinen zeitweiligen Lebens- und Arbeitsort, um seinem Schaffen neue Horizonte zu setzen. Er sagt: „Menschen, die mir fremd waren, sind meine Nachbarn geworden. Auch wenn es Momente des Zweifelns gab, glaube ich an ein konstruktives und friedvolles Zusammenleben von unterschiedlichen Menschen in dieser zerrissenen Gesellschaft. Ich habe mit den Fremden Tür an Tür gelebt und bin ihnen nähergekommen.“. Er habe mit den auf Asyl hoffenden Menschen geredet, über Wichtiges ebenso wie über Belangloses.

    Ein Erlebnis lasse ihn nicht mehr los: „An einem warmen Frühlingstag des letzten Jahres setzte ich mich neben den armenischen Familienvater auf die Stufen am Hofeingang. Wir schwiegen und er legte seinen Arm um meine Schulter. Da fühlte ich mich, der Deutsche, im Haus für Asylbewerber angekommen. Wenige Tage später wurden der Armenier und seine Familie in einer nächtlichen Aktion abgeschoben.“

    Das Leben im Heim ginge nach solchen Aktionen weiter. In jedem Zimmer, auf jeder Etage spiegele sich das Schicksal der Bewohner in oft tragischer Weise wieder, meint Rocznik. Mittlerweile sei er derjenige, der die längste Zeit dort wohnt. Viele Bewohner seien weggezogen und in den deutschen Alltag integriert. Die Ausübung von Kunst und ihre Darbietung habe sich in diesen Räumen als problematisch erwiesen, aber das sei nur eine Seite seiner Erkenntnis. Andererseits ginge er mit neuem Optimismus von dort weg, denn „die Art und Weise des Zusammenlebens innerhalb der Asylbewerber-Bleibe verschafft mir eine tiefe Zufriedenheit.“

    Aus mehreren Zyklen

    Die Ausstellung „Zeitreise“ ist eine Werkschau des Künstlers und Galeristen Günter Rocznik aus seinen Schaffensjahren 2013 bis 2019. Sie bezieht sich auf die Orte Haßfurt, Salzburg, Eckental und Stuttgart als seine Lebens- und Arbeitsstationen. Gezeigt werden Arbeiten aus den Zyklen „Hinschauen – Wegschauen (Gemeinsam gegen Rechtsradikalismus)“, „Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer“, „Zeitreise“ sowie „Sehnsucht und Glaube“.

    Die Ausstellung in der Bismarckstraße 20 in Eckental ist noch bis 16. Januar mittwochs (außer in den Weihnachtsferien) von 16 bis 20 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Weitere Informationen finden sich unter www.rocznik-kunst.de.

    Mit dem Objekt „Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer“ nimmt der Künstler Bezug auf seine Nachbarn im Asylbewerberheim. Foto: Günter Rocznik

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