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    Haßfurt

    Eine lange Reise: Kaffee kommt mit dem Rad nach Haßfurt

    Zweieinhalb Wochen waren die Neuntklässler der Haßfurter Waldorfschule unterwegs, um Segelkaffee aus Hamburg abzuholen. Groß war der Applaus bei ihrer Ankunft an der Schule in Haßfurt. Foto: Peter Schmieder

    Montagnachmittag an der Haßfurter Waldorfschule: Der Schulhof ist geschmückt mit Girlanden und bunten Bändern, Kinder und Erwachsene halten Schilder in der Hand mit Aufschriften wie "Wir sind stolz auf euch" oder "Herzlich Willkommen", außerdem steht einiges an Essen bereit. An Biertischen warten Lehrer, Eltern und Mitschüler gespannt auf die Ankunft der Neuntklässler, die insgesamt 18 Tage unterwegs waren. Mit dem Zug sind die Jugendlichen nach Hamburg gefahren, um dort "Segelkaffee" abzuholen und ihn dann mit Lastenfahrrädern in ihre Heimat zu bringen. So wollen die Schüler zusammen mit ihren Lehrern Michael Schlirf und Sonja Quitt einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

    Auch bei anderen Schülern der Haßfurter Waldorfschule stieß die Fahrt der "Kaffeeradler" auf große Bewunderung. Foto: Peter Schmieder

    Üblicherweise bringen mit Öl betankte Containerschiffe den Kaffee aus Übersee. Um eine umweltfreundliche Alternative dazu zu schaffen, lässt die Genossenschaft "Café Chavalo" fair gehandelten Bio-Kaffee aus Nicaragua mit dem Segelschiff "Avontuur" nach Hamburg bringen. Die 9. Klasse der Haßfurter Waldorfschule hat nun die Aufgabe übernommen, einige Säcke mit Kaffeebohnen dort abzuholen und mit Fahrrädern in ihre Heimat zu bringen, so dass auch der Weitertransport auf einem umweltfreundlichen Weg stattfindet.

    Begeisterung und Skepsis bei den Schülern

    "Als die Idee auf den Tisch kam, fand ich, dass das eine klasse Sache ist", sagt Kilian Klug, einer der beteiligten Schüler. Dann habe sich der 15-Jährige aber doch gefragt, ob sich das Projekt überhaupt realisieren lasse. "Es hat lange gedauert, einige zu überzeugen", sagt er über seine Mitschüler.

    Zu denen, die der Idee am Anfang skeptisch gegenüberstanden, gehört Luisa Deuber. Gerade bei den Mädchen in der Klasse sei die Sorge da gewesen: "Das schaffen wir nicht." Erst als die Klasse unterwegs war, legte sich diese Befürchtung. "Die Fahrt selber ging, wir sind alle angekommen", sagt die 15-Jährige und fügt mit etwas Schwarzem Humor hinzu: "Wir leben alle noch."

    Ihr ebenfalls 15-jähriger Mitschüler Max Faber berichtet dagegen, er sei "direkt überzeugt" gewesen. Als Highlight der Reise bezeichnet er die Schiffsentladung am 6. Juli in Hamburg. Einen Tag vorher waren die Schüler mit der Bahn angereist, um dann dabei sein zu können, wenn die Avontuur anlegt. Das "Löschen der Ladung", wie das Entladen eines Schiffs in der Seemannssprache heißt, fand im Hafenmuseum statt – einem Teil des Hamburger Hafens, in dem zu Demonstrationszwecken noch nach alten Methoden gearbeitet wird. "Jeder wollte, jeder war mit Energie dabei. Es hat sich gar nicht wie Arbeit angefühlt", berichtet Faber über die Schiffsentladung. Auch Lehrer Michael Schlirf spricht von einer tollen Stimmung: "Das muss man miterlebt haben, man kann es nicht beschreiben."

    Hilfe durch Spender und Sponsoren

    Um das Projekt mit allen seinen verschiedenen Aspekten in die Tat umzusetzen, teilte sich die Klasse in vier Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Aufgaben. Eine kümmerte sich um die Kaffeebeschaffung, eine weitere legte die Reiseroute fest, außerdem gab es eine Gruppe, die sich mit der Weiterverarbeitung beschäftigte. Und schließlich hatte eine Gruppe den Auftrag, sich um das Marketing der Aktion zu kümmern. Die Schüler, die hier aktiv waren, entwickelten unter anderem ein Logo für die Aktion und schrieben während der Reise einen Blog mit aktuellen Reiseberichten auf der Schulhomepage. "CafeOhne2fel" lautet das Motto der "Kaffeefahrt", dabei sind im Logo die Anfangsbuchstaben CO2 fett hervorgehoben.

    "Ohne Sponsoren hätten wir es nicht geschafft", betont Kilian Klug. So hatte ein Fahrradhersteller den Jugendlichen die speziellen Lasten-E-Bikes zur Verfügung gestellt, die sie für den Transport der Kaffeesäcke verwendeten, und auch die Trikots und Hosen wurden den Radlern von verschiedenen Unternehmen überlassen. Dazu kamen einige Geldspenden von Privatpersonen, überwiegend von den Eltern der beteiligten Schüler, von denen viele auch aus dem Bamberger und Schweinfurter Raum kommen.

    Wie fährt sich eigentlich so ein Lastenfahrrad? Viele Besucher wollten das beim Empfang der Radgruppe an der Schule einmal ausprobieren. Auch unser Reporter Peter Schmieder wagte einen Versuch. Foto: Kilian Klug

    Fünf Kaffeesäcke mit einem Gewicht von jeweils 70 Kilo haben die 16 Schüler und ihre beiden Lehrer in Hamburg abgeholt. Auf den Lastenrädern wechselten sie sich ab, zusätzlich hatten einige Schüler ihre eigenen Fahrräder dabei, so dass auch diejenigen, die gerade keine Lasten transportierten, schnell vorankamen. So ging es rund 700 Kilometer weit Richtung Süden, bis sie am Montag, 22. Juli, nach 13 Fahretappen in Haßfurt ankamen. Dreimal wurden zwischendurch Ruhetage eingelegt, "und die waren auch nötig", sagen die Jugendlichen über die anstrengende Reise. Michael Schlirf betont in diesem Zusammenhang, noch härter als die körperliche Anstrengung auf der Fahrt sei die Konzentration, die das Fahren in einer solchen Gruppe erfordert.

    "Ein halber Lkw bleibt nicht stehen"

    Ein Problem im Straßenverkehr sei unter anderem gewesen, dass viele Autofahrer nicht wissen, dass Gruppen von mehr als 15 Radfahrern, die gemeinsam unterwegs sind, einen sogenannten "geschlossenen Verband" bilden können. Das heißt, wenn sie klar als Gruppe erkennbar sind, dürfen sie zu zweit nebeneinander fahren und sich verhalten, als wäre die Gruppe ein einziges langes Fahrzeug. Wenn also beispielsweise die ersten aus der Gruppe über eine grüne Ampel gefahren sind, dürfen auch alle anderen ihnen nachfahren, selbst wenn die Ampel zwischenzeitlich auf rot umschaltet. "Ein halber Lkw bleibt ja auch nicht stehen", ergänzt Schüler Kilian Klug. Da jedoch viele Autofahrer diese Regelung nicht kennen, sei die Radlergruppe einige Male angehupt oder bedrängt worden.

    Trotz einiger kleiner Unfälle bis hin zu einem Sturz über einen Gartenzaun kamen am Montag alle unversehrt in Haßfurt an. "Wir sind unglaublich stolz auf die Gruppe", sagt Michael Schlirf, zumal die Schüler nicht gerade im "einfachsten Alter" seien. Dennoch sei die Reise recht harmonisch verlaufen, obwohl die Schüler zweieinhalb Wochen lang oft mehr Zeit miteinander verbrachten, als ihnen lieb war. Meist übernachtete die Gruppe in anderen Waldorfschulen oder in Turnhallen, auch dort konnten sich die Schüler nur bedingt gegenseitig aus dem Weg gehen.

    Aufbruch zum letzten Teil der Fahrt: Am Dienstag ging es zur Rösterei nach Schweinfurt. Foto: Peter Schmieder

    Nach der Ankunft in Haßfurt stand dann, nach der ersten Nacht im eigenem Bett seit langem, am Dienstag noch eine letzte Fahrt mit den Lastenrädern an, um die Kaffeesäcke zur Rösterei nach Schweinfurt zu bringen. Das persönliche Highlight der Tour waren für Kilian Klug übrigens die letzten Kilometer von Königsberg nach Haßfurt am Montag. Hier wurde ihm erst richtig bewusst, wie viel er und seine Klassenkameraden in den letzten Tagen geleistet hatten. Denn genau diese Strecke waren die Schüler auch in der 4. Klasse bei ihrer ersten Klassenfahrt mit dem Fahrrad gefahren. "Damals waren wir nach 25 Kilometern total fertig. Heute sind wir 60 am Tag gefahren."

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