• aktualisiert:

    ERMERSHAUSEN

    Aus Freundschaft soll Partnerschaft werden

    Genau 368 Kilometer liegen zwischen Ermershausen und Unterammergau. Eine stattliche Anzahl von Kilometern, die nunmehr seit 40 Jahren von Ermershäusern zurückgelegt wird, um die Freunde in Unterammergau zu besuchen. Eine außergewöhnliche Freundschaft zwischen zwei Dörfern, die seit vier Jahrzehnten besteht. Eine Freundschaft die über 40 Jahre gewachsen ist, die gelebt wird und die auch intensiv innerhalb von Familien, inzwischen schon in der dritten Generation, gepflegt wird. Und eine Freundschaft, die nach den Aussagen der beiden Bürgermeister, mit einer offiziellen Gemeindepartnerschaft besiegelt werden soll.

    Kampf um Selbstständigkeit

    Es war ab dem Jahr 1978 der gemeinsame Kampf gegen die Gemeindegebietsreform, das Ringen um den Erhalt der Selbstständigkeit, was damals die Katholische Landjugend von Unterammergau und die Evangelische Landjugend von Ermershausen zusammengeschweißt hat. Während allerdings Unterammergau bereits zum 1. Januar 1980 sein Ziel erreicht hatte und eine Eingemeindung nach Oberammergau verhindern konnte, musste Ermershausen bis zum Jahr 1994 warten, ehe es die Wiedererlangung seiner Selbstständigkeit feiern konnte.

    Der Kontakt riss nie ab

    Obwohl beide Gemeinden ihr großes Ziel erreicht hatten, riss der Kontakt zwischen den Unterfranken und den Oberbayern nie ab.

    Zum 40-jährigen Bestehen der Freundschaft hatten nun die Unterammergauer eingeladen. Und so machten sich am Wochenende 90 Ermershäuser (von knapp 600 Einwohnern) auf, um sich in Unterammergau mit ihren Freunden zu treffen und den Anlass zu feiern. Die Unterbringung dort – eine logistische Meisterleistung – wurde problemlos bewältigt.

    Bei der Ankunft am Freitagabend wurden die Gäste herzlich begrüßt, unter anderen von Anton Speer, dem einstigen Mitbegründer der Freundschaft und heutigem Landrat des Landkreises Garmisch-Partenkirchen. Erstmals mit angereist auch Bürgermeister Günter Pfeiffer und Landrat Wilhelm Schneider, der ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem oberbayerischen Landratskollegen pflegt. Ein gemütlicher Abend in der Steckenberg-Alm diente dem Austausch von Erinnerungen und der Auffrischung der Freundschaft.

    Am Samstag nahm man an einer Führung durch die Schleifmühlklamm teil, bei der die Wetzsteinmacherei, der einstige Broterwerb der Einheimischen, vorgestellt wurde. Ein schweißtreibender Anstieg auf den Kolben schloss sich an.

    Zum offiziellen Teil traf man sich in der Wetzstoa-Stubn, die neben den Ermershäusern mit zahlreichen Einheimischen voll besetzt war.

    Gelebte Freundschaft

    Ludwig Hutter, ebenfalls an der Entstehung der Verbindung beteiligt, moderierte den Abend, hielt Rückblick, erinnerte mit einem Filmausschnitt an den Ermershäuser Kampf um die Erlangung der Selbstständigkeit und beschrieb die Freundschaft zwischen den Dörfern als gelebt und nicht aufgesetzt.

    Der Garmischer Landrat Anton Speer erinnerte ebenfalls an das „Zusammenkommen“ aufgrund des gemeinsamen Widerstandes. Bei seinem ersten Besuch in Ermershausen 1978 habe er sich herzlich willkommen gefühlt und es habe „gleich gefunkt“.

    Eine gewachsene Freundschaft

    Auch er bezeichnete die Freundschaft als nichts Künstliches, sondern als etwas Gewachsenes, das weiter bestehen wird und von der Jugend erhalten werden müsse. „Die Chemie stimmt“, so bezeichnete er das Verhältnis zu Bürgermeister Günter Pfeiffer. Und Landrat Wilhelm Schneider begrüßte er als Freund, den er mit einem Trachtenhut aus dem Werdenfelser Land beschenkte.

    Landrat Wilhelm Schneider, seinerzeit als Gemeinderat in Maroldsweisach Gegner des Ermershäuser Freiheitskampfes, gratulierte zum 40-jährigen Bestehen der Freundschaft und stellte fest, dass die Staatspolitik aus dem Geschehen um die Gemeindegebietsreform gelernt habe und dass man dem Bürger nichts aufzwingen könne. In seiner Funktion als späterer Bürgermeister von Maroldsweisach konnte er das Verhältnis zwischen den Gemeinden Maroldsweisach und Ermershausen entschärfen und auf eine freundschaftliche Basis stellen, wie der Ermershäuser Bürgermeister Günter Pfeiffer in seiner späteren Ansprache feststellte. So wurde Wilhelm Schneider bei der Landratswahl im Jahr 2014 sogar von 97 Prozent der Ermershäuser gewählt, wie der Landrat stolz berichtete.

    Beide Landräte überreichten, nachdem sie den Besuchern jeweils ihre Landkreise vorgestellt hatten, Gastgeschenke. Besonderer Dank ging dabei, wie auch von allen Rednern, an das Organisations- und Vorbereitungsteam rund um Michaela Gansler und Benjamin Lutz.

    Als Gastgeschenk hatte Bürgermeister Günter Pfeiffer Setzlinge der „zertifizierten Ermeshäuser Weißfichte“ im Gepäck, deren Eigenschaften – wie beispielsweise die Widerstandsfähigkeit – sich mit denen der Ermershäuser Bürger deckten. Die große Abordnung aus Ermershausen deutete Pfeiffer als „Wertschätzung einer Freundschaft, die nicht in einen Vertrag gezimmert ist“.

    Dazu verkündete er, wie auch sein Amtskollege Alfred Schärfl, der zweite Bürgermeister von Unterammergau bestätigte, dass diese Freundschaft in absehbarer Zeit in eine offizielle Gemeindepartnerschaft übergeführt werden soll.

    „Dreibein der Freundschaft“

    Der Höhepunkt des Abends war wohl das Gastgeschenk der Ermershäuser: In einer Plane verhüllt, verstärkte es während der Ansprachen zunehmend die Neugierde der Besucher. „Das Dreibein der Freundschaft“, nachgebaut in Anlehnung an das Dreibein mit der sogenannten Freiheitsglocke, das von 1978 bis 1994 auf dem Rathausplatz in Ermershausen stand, soll nun seinen festen Platz im Kurgarten in Unterammergau finden.

    Die an dem Geschenk befestigte kleine Glocke bezeichnete Leon Eiring, der Vorsitzende der ELJ, als Teil der Ermershäuser Identität, die die Ermershäuser aufgrund der nun 40 Jahre andauernden intensiven Freundschaft mit Unterammergau teilen möchten.

    An dem Dreibein sind Sitzgelegenheiten integriert, die Wappen der Dörfer sowie das Jubiläumswappen sind angebracht. Dazu gehört außerdem ein „Buch der Freundschaft“, in das sicher jeder eintragen kann, dem die Freundschaft zwischen den beiden Dörfern am Herzen liegt.

    Der erste Beitrag darin wurde vorab von Robert Höhn verfasst, dem 1978 amtierenden Vorsitzenden der ELJ und Mit-Initiator des Zusammenkommens der beiden Dörfer. Der gemütliche Teil schloss sich an.

    Am Sonntag wurden die Ermershäuser am Sportplatz zum Weißwurstfrühstück eingeladen. Für die Unterammergauer hatte Landrat Wilhelm Schneider fränkische Bratwürste im Gepäck, für die er selbst am Grill stand und die er höchstpersönlich an den Mann beziehungsweise an die Frau brachte.

    Einen würdigen Abschluss fand das Jubiläum mit dem Gewinn eines Fußballspieles. Die Freunde des WSV Unterammergau konnten sich mit 3:1 im Relegationsspiel gegen den FC Oberau, auch dank der Unterstützung der Ermershäuser Freunde, durchsetzen und damit den Aufstieg in die Kreisklasse sichern.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)


      Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de?
      Dann jetzt gleich hier registrieren.