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    HAßFURT

    Gedenktag in Haßfurt: Mit einem Kerzenmeer gegen den Hass

    250 Bürger aus dem gesamten Landkreis waren zur Kundgebung „Aufstehen – Standhaft sein!“ des Freundeskreises Asyl Hofheim gegen Rassismus, Antisemitismus und rechtsextremes Denken am Samstagnachmittag in der Kreisstadt gekommen und zogen in einem Lichtermarsch vom Marktplatz zur ehemaligen Synagoge bis zum Denkmal für die ausgelöschte jüdische Gemeinde von Haßfurt in der Promenade. Foto: Ulrike Langer

    Es gibt sie: Menschen, die zum Wachsen von Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus in Deutschland nicht schweigen, die aufstehen und ein Zeichen im öffentlichen Raum setzen. So nahmen immerhin 250 Familien mit Kindern, Jugendliche und Erwachsene jeden Alters an der Kundgebung „Aufstehen – Standhaft sein!“ des Freundeskreises Asyl Hofheim am späten Samstagnachmittag in der Kreisstadt teil.

    Pfarrer Stephan Eschenbacher (links) verlas am Denkmal für die ausgelöschte jüdische Gemeinde von Haßfurt unter anderem das Gebet der Vereinten Nationen. Foto: Ulrike Langer

    Auf dem Marktplatz kamen sie zusammen, wo Katharina Schmidt vom Vorstand des Freundeskreises an den schleichenden Beginn des nationalistischen Regimes und an die Reichspogromnacht vor 81 Jahren erinnerte. Was der Freundeskreis jedoch besonders gefährlich findet, sind die Morde des nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die Anschläge in Mölln, Solingen, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, in Halle und Kassel.

    Gefährliche Entwicklung

    „Es reicht. Wir, die wir diese Entwicklung gefährlich finden, müssen uns Gehör schaffen“, sagte Schmidt. „Denn Angst und Desinteresse sind die Verbündeten derer, die unsere Freiheit, unsere Demokratie, unsere Form des friedlichen, vertrauensvollen Zusammenlebens zerstören wollen.“ Die Entwicklung sei bereits gefährlich vorangeschritten. „Wir nehmen Angriffe auf Flüchtlingsheime, auf ausländisch aussehende Menschen, Muslime, homosexuelle Menschen oder Juden im öffentlichen Raum hin. Wir gewöhnen uns schon daran. Unser moralischer Kompass hat sich schon gedreht“, warnte Katharina Schmidt.

    Viele Menschen legten am Fenster der ehemaligen Synagoge von Haßfurt und am Denkmal für die ausgelöschte jüdische Gemeinde von Haßfurt Rosen nieder. Foto: Ulrike Langer

    „Nun geht es darum, wie wir zusammen leben wollen. Überlassen wir den neuen Faschisten die Definition dessen, was unsere Heimat ausmacht, auf welches Deutschland wir stolz sein können und wollen?“ Es dürfe keine Toleranz für diejenigen geben, die Intoleranz predigten. Meinungsfreiheit bedeute nicht, alles sagen zu dürfen. Demokratie lebe aber vom Umgang mit verschiedenen Meinungen, vom Aushandeln von Kompromissen, vom Aushalten des anderen – auf dem Boden demokratischer Werte. „Lasst uns aufmerksam sein, im Kleinen anfangen, im Gespräch, beim Mittagessen unter Kollegen. Lasst uns den Mund aufmachen und aufstehen gegen Hass und Hetze, Fremdenfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit, menschenverachtenden Extremismus von jeder Seite, Antisemitismus, Rassismus und jede Form der Ausgrenzung“, sagte Schmidt unter dem Applaus der Anwesenden, die den Marktplatz mit Kerzen erhellten.

    Wie wichtig es ist, Position zu beziehen, verdeutlichte die Vorsitzende des Freundeskreises Asyl, Christina Bendig, mit einem Gedicht von Simon Pearce. Darin heißt es: „Bei Hitlers brennt noch Licht. Vernunft, wo bist du? Wo? Komm raus und hilf und schalt‘ es aus, sonst brennt es lichterloh.“

    Pfarrerin Doris Otminghaus vom Freundeskreis Asyl Knetzgau betonte im Hinblick auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: „Es geht nicht darum, wer ist mein Nächster, sondern: Wem werde ich zum Nächsten? Dies ist eine Frage des genauen Hinsehens, des achtsamen Blicks und des sich berühren Lassens. Werden wir also zum Nächsten und handeln!“

    Thorarollen brannten in Haßfurt

    Der Lichtermarsch führte zur ehemaligen Synagoge in der Schlesinger Straße, wo Joe Heinrich Balling daran erinnerte, wie in Haßfurt eine aufgebrachte Menge in die Synagoge eindrang, alles zerstörte und Thorarollen, Gebetbücher und Ritualien auf dem Patz davor entzündete, wie Geschäfte und Wohnungen der Juden demoliert wurden, Gemeindemitglieder misshandelt und alle jüdischen Männer verhaftet wurden. Balling gedachte auch der jüdischen Bürger aus dem Landkreis, die 1942 deportiert und im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurden.

    Der Freundeskreis Asyl Hofheim erinnerte am Samstag bei einer Kundgebung daran, dass vor 81 Jahren in Haßfurt jüdische Bürger gejagt wurden, die Synagoge geplündert und Menschen weiter in Angst und Schrecken versetzt wurden: Das Vorspiel zu den Morden in Sobibor, Treblinka und Auschwitz. Im Bild (von rechts) die Vorsitzende Christina Bendig und Vorstandsmitglied Katharina Schmidt. Foto: Ulrike Langer

    Nachdem viele Teilnehmer Blumen am Fenster der ehemaligen Synagoge abgelegt hatten, führte der Marsch zum Denkmal in der Promenade. Dieses hatte die aus Haßfurt stammende und den Holocaust überlebende israelische Künstlerin Chana Pines zum Gedenken an die ausgelöschte jüdische Gemeinde von Haßfurt geschaffen.

    Es ist wie eine Welle gearbeitet und für Pfarrer Stephan Eschenbacher „schwappt ähnlich wie zur Zeit der Nazis wieder eine Welle des Hasses, der Ausgrenzung und des Antisemitismus“ über das Land. „Aber wir wollen uns nicht davon runterziehen lassen, wir wollen aufstehen und dazu brauchen wir die Welle der Sympathie und Solidarität mit allen Ausgegrenzten und besonders mit unseren jüdischen Mitbürgern“, sagte Eschenbacher. Daran wolle das Denkmal erinnern. Zudem dürfe sich jeder Gläubige bewusst sein, dass jeder Mensch einen göttlichen Funken in sich trage und dass einem in jedem Menschen Gott entgegen komme. „Deswegen habe ich kein Recht, irgendeinen Menschen zu beurteilen oder gar zu verurteilen“, sagte er.

    Eine Welle des Miteinanders

    Musikalisch gestaltet wurde die Kundgebung von Dr. Heinrich Goschenhofer, der ein Klezmer-Lied an der Geige anstimmte, sowie durch Klaus Neubert, der die Titelmelodie aus dem bekannten Kinofilm „Schindlers Liste“ auf der Gitarre spielte und „Imagine“ von John Lennon sang. „Stellen Sie sich eine Welle des Miteinanders vor“, sagte Katharina Schmidt in Anspielung auf dieses Lied. „Wir sind überwältigt, dass Sie in so großer Zahl erschienen sind. Seien Sie mutig und machen Sie den Mund auf!“

    Zu den Rednern der Kundgebung des Freundeskreises Asyl Hofheim in Haßfurt zählten unter anderem (von links) das Vorstandsmitglied Katharina Schmidt, Pfarrerin Doris Otminghaus und die Vorsitzende Christina Bendig. Foto: Ulrike Langer

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