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    NASSACH

    Geschmackserlebnis statt Massengemüse

    Sie sind rot, rund – und häufig fade. Als Cocktail- und Rispentomaten sind sie uns allen aus dem Supermarkt wohlbekannt. Es geht aber auch anders: Auf dem Gemüsefeld von Elke Fella in Nassach herrscht Vielfalt statt Einfalt. Das Farbspektrum reicht von rot, orange, grün, gelb, violett bis hin zu gestreift. Von erbsengroß bis kilogrammschwer hängen die Früchte in Kugel-, Birnen-, Flaschen-, Eier-, Herz- oder Zylinderform am Strauch. Doch was wäre der ganze Augenschmaus ohne die entsprechenden Gaumenfreuden? Dass es an diesen nicht mangelt, merkt man rasch, sobald die ersten Tomaten im Mund zerflossen sind. Mal süß und fruchtig, mal eher vollmundig und würzig, mal mit mehr oder weniger Säure – mit diesem Geschmackserlebnis kann das Massengemüse aus dem Supermarkt nicht mithalten.

    Wenig Kalorien, viele Vitamine

    Von Süd- und Mittelamerika gelangte die Tomate im 15. Jahrhundert nach Europa, wo sie zunächst als Zierpflanze diente. In Deutschland wurde sie erst um 1900 als Lebensmittel bekannt, angebaut und geerntet. Inzwischen haben sich die an Kalorien armen, aber an Vitaminen reichen Tomaten zum Lieblingsgemüse der Deutschen gemausert. Rund 25 Kilogramm verbraucht laut dem Bundeszentrum für Ernährung jeder Deutsche jährlich im Schnitt. Etwa ein Drittel entfällt auf frische Tomaten und zwei Drittel auf verarbeitete Produkte.

    Aus aller Herren Länder stammen die 33 Sorten, die unter dem grünen Daumen der Tomatenliebhaberin Elke Fella in Nassach prächtig gedeihen. Stark vertreten ist natürlich Italien, wo die Pomodori Hauptbestandteil der Küche sind. Die gerippte Fleischtomate „Costoluto Genovese“ darf hier ebenso wenig fehlen wie die Flaschentomate „San Marzano“ oder die kleinen süßen Cocktailtomaten „Fiaschetto“ und „Crovarese“, die man vom Stock weg wie Pralinen naschen kann.

    „Tamina“ und „Mexi Toni“

    Aus dem Nachbarland Frankreich stammen die fleischigen Schwergewichte „Marmande“ und „Coeur de Boeuf“. „Muchamiel“, die Verwandte aus Spanien, wuchert ebenfalls mit ihren Pfunden. Aus dem fernen Osten punkten die Sorten „Orange russian“, „Morado“, „Siberian“, „Smaragdapfel“ und „Black russian“ mit ungewöhnlichen Formen und leuchtenden Farben. Farblich ungeschlagen sind allerdings die herrlichen Farbspiele der Sorten „Indigo blue“, „Green zebra“ und „Feuerwerk“, die in blau-violett, grün-gelb und rot-orange gekleidet um den Platz der Schönsten buhlen. „Die Blätter der ,Tamina' sehen aus wie Kartoffelkraut“, streicht Elke Fella fast liebevoll über das Laub der mit leuchtend roten Früchten prallvoll behangenen Pflanzen.

    „Diese hier habe ich ,Mexi Toni' genannt“, stellt sie eine Tomatenpflanze vor, deren Samen eine Bekannte aus dem Urlaub in Mexico mitbrachte. Die leidenschaftliche Gärtnerin kennt jede der 130 Tomatenstauden und weiß, an welcher sie reife Früchte ernten kann. Kein Wunder, hat sie doch jede Pflanze vom Samen bis zur tragreifen Staude mit viel Mühe liebevoll großgezogen.

    „Ich freue mich schon den ganzen Winter darauf, wenn's endlich los geht“, kann die 68-jährige es kaum erwarten, Mitte März die Samen in die Schalen mit Anzuchterde zu bringen. Kommt nach den Keimblättern das erste Tomatenblatt, geht es ans Pikieren. Die Töpfe für die 600 Pflänzchen hat Elke Fella schon im Winter beschriftet. Schließlich müssen die Hobbygärtner, die in Nassach ihre Tomatenpflanzen kaufen, wissen, was künftig bei ihnen wächst und gedeiht.

    Stammkunden haben ein Abo

    Nicht nur in die Gärten von umliegenden Ortschaften wandern die Nassacher Pflänzchen. Bis nach Schweinfurt, Würzburg und gar Mönchengladbach geht die Reise. Jede Menge Tipps rund um die Pflege der Tomatenpflanzen gibt es für die langjährigen Kunden bei Tee und Kuchen auf der Terrasse des idyllisch gelegenen Holzhauses der Fellas gratis dazu. „Viele meiner Stammkunden haben ein Abo mit ganz bestimmten Sorten“, führt Elke Fella akribisch Buch über jede verkaufte Pflanze.

    Bis sie sich nach etwa sieben Wochen vom Nachwuchs verabschiedet, achtet sie täglich auf dessen Wohlergehen. Bei drohendem Frost schützen Kerzen die zarten Pflänzchen. „Sie sind wie meine Kinder“, lacht Elke Fella. „Ich will auf keinen Fall, dass eine Reihe im Gewächshaus erfriert.“ Für 160 der Pflanzen ist es nach den Wochen im Gewächshaus an der Zeit, auf das große Gemüsefeld in Nassach umzuziehen. Beim Einpflanzen kommt die im Winter gesammelte Holzasche zum Einsatz. Ruthard Fella hat bereits die Holzstecken neu angespitzt, die mit einem Meter Abstand mit einem schweren Fäustel in acht Reihen eingeschlagen werden. Jedes Pflänzchen wird sorgfältig mit einem Band festgebunden. „Die waschen wir und verwenden sie jedes Jahr wieder.“ Dieses Jahr seien 32 Pflänzchen von Hasen und Rehen abgefressen worden, bedauert Elke Fella. „Bei Kraut und Rüben ist das nicht so schlimm. Aber bei den Tomaten blutet mir schon das Herz.“

    Bodenständig durch Gartenarbeit

    Seit 24 Jahren bewirtschaften Elke und Ruthard Fella den 1500 Quadratmeter großen Gemüsegarten. „Wir bauen alles an, was wir essen wollen - Kartoffeln, Lauch, Bohnen, Kürbisse“, zählen die beiden auf. „Wir arbeiten beide richtig gern im Garten.“ In der Erde wühlen, säen, pflanzen und ernten – „das erdet uns, macht uns bodenständig und glücklich.“

    Wenn sie früh morgens zum ersten Mal aufwacht, schwingt sich Elke Fella aus dem Bett, anstatt sich noch einmal umzudrehen. Dann führt ihr Weg oft schon um vier Uhr zu den Tomaten. Vor allem in den ersten paar Wochen rückt die Nassacherin den Seitentrieben konsequent zu Leibe. Ausgeizen, anbinden, braune Blätter abschneiden und immer wieder hacken. „Nach zwei Stunden ruft mich meist mein Mann zum Frühstücken.“

    Um ihren Garten mit Wasser versorgen zu können, ließen die Fellas auf dem Grundstück einen Brunnen bohren. Mit einem Stromaggregat, das in einem benachbarten Anwesen untergestellt ist, wird die Tauchpumpe in Gang gesetzt. Mit dem Schlauchwagen geht es von Pflanze zu Pflanze - ein mühsames Geschäft. Zum Glück seien Tomaten keine Wasserpflanzen. „Die muss man nicht jeden Tag gießen.“

    Visitenkarten für die Tomat'n Fraa

    „Wir hatten auch schon 240 Pflanzen und über 50 Sorten hier stehen“, erinnert sich Elke Fella. Wer den Regen nicht abkonnte und auf dem Keuper nicht gedieh, flog raus. „Da hat es bei uns noch geregnet“, scherzt Ruthard Fella. Für die Tomaten sei das ein toller Sommer, schwärmt seine Frau. „Bei der Trockenheit bleiben sie lange gesund.“ Wenn das Wetter mitspiele, könne man noch zwei Monate ernten.

    Für genügend Abnehmer der reichlichen Ernte sorgt die Mundpropaganda. Ihr Mann kreierte für die „Tomat'n Fraa“ eine Visitenkarte mit leuchtend roten Tomaten - damit die Kunden die Telefonnummer künftig schnell zur Hand haben. Was nicht verkauft wird, wandert in die Gefriertruhe oder den Kochtopf. 50 Gläser leckere Tomatensoße füllen bereits das Vorratsregal. Die fruchtige Soße aus den sonnengereiften Früchten holt im Winter den Sommer zurück.

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