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    HAßFURT

    Haßbergkreis: Freie Entfaltung an der CNC-Fräse

    Serie „Was würdest Du tun?“: Christoph Schulze arbeitet als Zerspanungsmechaniker und verdient 2900 Euro brutto. Er genießt es, sich auf seiner Arbeit frei entfalten zu können.
    Lehrlingsausbildung       -  In unserer Serie „Was würdest du tun?“ stellen wir Menschen aus der Region und ihre Berufe vor. Heute berichtet ein Zerspanungsmechaniker über seinen Job.
    In unserer Serie „Was würdest du tun?“ stellen wir Menschen aus der Region und ihre Berufe vor. Heute berichtet ein Zerspanungsmechaniker über seinen Job. Foto: SymbolJan Woitas/DPA

    In unserer Serie „Was würdest du tun?“ stellen wir Menschen aus dem Landkreis Haßberge vor, die erzählen, wie sie arbeiten, was sie verdienen und was sie tun würden, wenn sie nicht arbeiten müssten. Heute berichtet der 25-jährige Christoph Schulze.

    Mein Job

    Beruf: Ich arbeite als Zerspanungsmechaniker im Maschinenbau. Mein Betrieb stellt Einzelteile und komplette Anlagen her. Diese Anlagen kommen beispielsweise für die Montage von Stoßdämpfern zum Einsatz. Ich beginne um 6 Uhr und schalte die Maschinen ein. Es dauert etwa eine Viertelstunde, bis diese warmgelaufen sind. Wenn der Kunde eine Bestellung aufgibt, wird eine technische Zeichnung des angeforderten Produkts erstellt. Auf dieser Basis programmiere ich die Anweisungen für die Maschine, welche die Arbeiten automatisiert ausführt.

    Bezüglich der Fertigung spielen CNC-Fräsen (Computerized-Numerical-Control-Fräsen) eine sehr wichtige Rolle. Das sind programmierbare und computergestützte Werkzeugmaschinen, die mit hoher Präzision anspruchsvolle Arbeiten automatisiert erledigen können. Generell lässt sich meine Arbeit in vier große Schritte gliedern: Das (Um-)Rüsten der Maschinen, das Programmieren, die Überwachung des Fertigungsprozesses und am Ende die Qualitätsprüfung. Das Rüsten und das Programmieren nehmen dabei die meiste Zeit in Anspruch.

    Ältere Bezeichnungen für meinen Beruf sind Dreher und Fräser, da früher mehr mit den eigenen Händen gearbeitet wurde. Im Zuge der Digitalisierung gewinnen Computer und vernetzte Maschinen an Zulauf, womit der einzelne Arbeiter grundlegende IT-Kenntnisse benötigt. Die reine Arbeit vor dem Bildschirm macht circa 20 Prozent meiner Tätigkeit aus, ungefähr 30 Prozent entfallen auf das Rüsten. Für die Fertigung wende ich knapp die Hälfte meiner Arbeitszeit auf.

    Der Beruf ist sowohl geistig als auch handwerklich sehr anspruchsvoll, was mir sehr viel Spaß macht. Ich komme regelmäßig an meine Grenzen, weil besonders die Programmierung komplexer Fertigungsteile mich extrem fordert. Ich habe immer wieder neue Herausforderungen, es gibt aber auch Produkte, die unsere Kunden regelmäßig bestellen. In meinem Tätigkeitsfeld bin ich sehr frei. Klar muss ich Abgabetermine einhalten, aber davon abgesehen kann ich meine Arbeit weitestgehend selbstständig einteilen und strukturieren. Den Großteil meiner Arbeit könnte ich auch verrichten, wenn ich allein wäre.

    Leistungsdruck und Stress halten sich in Grenzen, hängen aber sehr stark von den Konjunkturphasen ab. Während im Wirtschaftsboom mehr Arbeit ansteht, kommt es in meinem Betrieb in einer Wirtschaftskrise oft zu Kurzarbeit. Als mittelständisches Unternehmen trifft uns eine Rezession besonders schwer.

    Ich bin jedoch froh, nicht in der Großindustrie zu arbeiten. Im Vergleich zu Arbeitern in der Großindustrie teilt sich meine Tätigkeit in kleinteiligere Schritte auf, was dazu führt, dass ich den Fertigungsprozess vom Anfang bis zum Ende nachvollziehen kann. Damit habe ich in meinen Augen einen größeren Bezug zu dem, was ich tue. Das ist unheimlich sinnstiftend. Darüber hinaus ist die Arbeit vielseitiger, weil Standardisierung und Automatisierung in kleineren Betrieben nicht so stark ausgeprägt sind – je höher die Stückzahl, desto wirtschaftlich sinnvoller ist Automatisierung. Bei uns wird 95 Prozent der mechanischen Arbeit von der Maschine verrichtet, daher wird das Organisieren und Programmieren für mich immer wichtiger.

    Das Einzige, was mich wirklich sehr nervt, ist der Schichtbetrieb. Wir wechseln jede dritte Woche. Einige Kollegen finden es super, in bis zu drei Schichten zu arbeiten, damit sie mehr Geld verdienen. Ich hingegen bevorzuge Freizeit. Eine geregelte Freizeitplanung ist aus meiner Sicht durch die Schichtarbeit nur schwer möglich.

    Berufsentscheidung: Ich habe damals in der Mittelschule viele Praktika absolviert. Unter anderem habe ich in den Beruf eines Schreiners, Erziehers und Metallbauers hineingeschnuppert. In der Zerspanung bin ich nach dem Schulabschluss hängen geblieben. Ich bin der Meinung, dass ein Schulabschluss nur wenig über die Leistungsfähigkeit eines Menschen aussagt. Unabhängig vom Schulabschluss würde ich Leute einstellen, die sich mal in die Praxis getraut und vielleicht schon ein Praktikum absolviert haben. Ich bin froh, die Mittelschule besucht zu haben. Dass dort viel Wert auf Praxis gelegt wurde, hat mir Orientierung gegeben.

    Ausbildung: Meine Ausbildung dauerte dreieinhalb Jahre, es gab Blockunterricht. Ich war einfach froh, aus der Schule 'raus zu sein und Geld zu verdienen. Die Ausbildung habe ich genossen. Auch wenn das Umfeld etwas rauer war, waren alle meine Kollegen sehr umgänglich. Ich habe immer versucht, möglichst viel aufzunehmen und mich in allen Bereichen zu verbessern.

    Tipps: Als Jugendlicher sollte man sich ausprobieren und weiterentwickeln. Viele wissen nach der Schule nicht, was sie können und was sie wollen. Aber das ist genau das, worauf es meiner Meinung nach ankommt. Viele denken, sie seien ohne Abitur nichts mehr wert und entscheiden sich für eine Laufbahn, die nicht ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht. Das halte ich für eine sehr problematische Entwicklung in unserer Gesellschaft.

    Wöchentliche Arbeitszeit: Ich arbeite 40 Stunden pro Woche im Zwei-Schicht-Betrieb. Alle drei Wochen findet ein Wechsel statt.

    Bedingungsloses Grundeinkommen: Ich würde weiter in meinem Betrieb arbeiten, vielleicht würde ich am Morgen eine Stunde später anfangen. Grundsätzlich würde ich nichts an meiner Arbeitszeit ändern. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir die acht Stunden Arbeit Lebenszeit rauben. Ich spüre tagtäglich, dass mich meine Arbeit bereichert. Ich habe alles, was ich mir vorgenommen habe, angepackt. Was die Struktur und den Inhalt meines Lebens angeht, bin ich super glücklich. Im Großen und Ganzen will ich nichts ändern.

    Meine Einnahmen

    Bruttoeinkommen: Zuletzt habe ich brutto 2900 Euro verdient. Hinzu kommen 130 Euro monatlich als Urlaubsgeld.

    Weil ich keine Schichtarbeit mehr haben möchte und ich mich weiterentwickeln will, habe ich vor neun Monaten meinen Meister begonnen. Nun bin ich fast fertig, im Herbst kommt noch die mündliche Prüfung auf mich zu. Dass ich bereits eine feste Zusage für eine Meisterstelle in meinen Betrieb bekommen, ist einfach genial. Ende des Jahres werde ich als Ausbilder tätig sein. Dafür wurde mir ein Bruttolohn in Höhe von 3360 Euro ohne Schichtzuschlag in Aussicht gestellt.

    Für den Meister habe ich 12 000 Euro angespart. Neun Monate lang habe ich nicht gearbeitet und mich voll auf die Schule konzentriert. Im Juni habe ich wieder mit dem Arbeiten begonnen.

    Bis Mai 2019 habe ich monatlich 290 Euro Aufstiegsbafög erhalten. Durch einen zinsfreien KfW-Kredit beziehe 420 Euro monatlich. Später muss ich nur 60 Prozent zurückzahlen, als Prämie erhalte 1000 Euro beim Bestehen meiner Prüfung. Zudem überweisen mir meine Eltern das Kindergeld in Höhe von 250 Euro. Nach den neun Monaten Meisterschule sind von meinen 12 000 Euro Ersparnis 6000 Euro auf dem Konto übrig geblieben.

    Nettoeinkommen: Im Moment verdiene ich wieder 2000 Euro netto pro Monat. Als Ausbilder werden es circa 2100 Euro sein.

    Meine Ausgaben

    Wohnkosten: Meine Miete warm beträgt 450 Euro für 85 Quadratmeter. Vor einem Monat bin ich umgezogen. Damals zahlte ich 350 Euro für knapp 75 Quadratmeter.

    Lebensmittel: Hier gebe ich 100 Euro pro Monat aus. Generell schaue ich beim Lebensmitteleinkauf kaum aufs Geld. Beim Essen sollte man aus meiner Sicht nicht sparen. Ich versuche regional und nachhaltig zu kaufen, nur gelegentlich sind auch mal Fertigprodukte dabei. Meistens koche ich eine große Portion und teile mir diese mir über mehrere Tage auf.

    Handy: Auf meinen Handy- und Internetvertrag entfallen 35 Euro pro Monat.

    Mobilität: Für Reparaturen und Sprit gebe ich im Moment circa 100 Euro im Monat aus. Dazu kommen für die Steuer und die Versicherung 50 Euro noch hinzu.

    Versicherungen: Die Kosten für meine Rechtsschutz- und Haftpflichtversicherung belaufen sich auf 61 Euro pro Monat.

    Kleidung und Körperpflege: Ich kaufe kaum neue Klamotten und versuche, meine Sachen so lange wie möglich zu tragen. Durchschnittlich kommen für Kleidung und Körperpflege im Monat 20 Euro zusammen.

    Freizeit: Ich gehe gerne in Restaurants und in Biergärten. Am Wochenende gehe oft Feiern, im Sommer besuche ich ein paar Festivals. Insgesamt entstehen so Ausgaben von über 200 Euro pro Monat.

    So viel bleibt am Ende übrig: Jetzt, wo ich nach dem Meisterlehrgang wieder normal arbeite, bleiben 902 Euro am Ende des Monats übrig.

    „Was würdest Du tun?“

    In unserer kleinen Sommerserie befragt Felix Schwarz Menschen aus dem Landkreis Haßberge, für welches Geld und unter welchen Umständen sie arbeiten und was sie tun würden, wenn sie nicht auf diese Art des Broterwerbs angewiesen wären.

    Die Befragten bleiben auf Wunsch anonym, der Redaktion liegen aber die Namen und Adressen vor. In Teil eins unserer Serie kam eine Augenoptikerin zu Wort, in Teil zwei hat sich unser Reporter mit einer Ergotherapeutin unterhalten, zuletzt war die Leiterin eines Kindergartens an der Reihe.

    Im vierten Teil hat sich Felix Schwarz mit einem Zerspanungsmechaniker getroffen.

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    Von Felix Schwarz

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