• aktualisiert:

    KREIS HASSBERGE

    „Hitzefrei“ auf dem Bau ein Fremdwort

    Langanhaltende Temperaturen weit jenseits der 30-Grad-Grenze lassen die anfängliche Begeisterung von Sonnenanbetern schnell in gequälte Resignation umschlagen. Berufstätige in geschlossenen Räumen klagen darüber, dass sie sich nicht mehr richtig konzentrieren können, körperlich schnell erschöpft sind. Was aber ist zum Beispiel mit den drei bis fünf Millionen Erwerbstätigen in Deutschland, die im Freien arbeiten? Bauarbeiter sind im Sommer großer Hitze ausgesetzt. Dabei drohen schnell Kreislaufkollaps, Sonnenstich oder auch Übelkeit. Doch müssen Arbeiter auf der Baustelle wirklich stundenlang in der Sonne braten – oder gibt es für sie hitzefrei?

    Reinhold Heilmann, Bauleiter bei der Firma Newo-Bau in Horhausen,kann sich nicht erinnern, schon einmal eine ähnliche Situation erlebt zu haben, „und ich bin seit über 50 Jahren auf dem Bau“, so der Steinsfelder. „Einzelne Tage, ja, aber zusammenhängend so lange wie jetzt, nein.“ Heilmann weist dabei darauf hin, dass die Temperaturen auf den Baustellen oftmals noch deutlich höher gemessen werden als in der Umgebung. „Beim Tiefbau, wenn zum Beispiel Rohrleitungen verlegt werden, kann sich die Sonne in einen ausgehobenen, tiefen Graben richtig reinlegen. Da können die Temperaturen, wenn sie sonst bei Mitte 30 Grad liegen, schon auf 45 Grad steigen.“

    Heilmann sieht in erster Linie die Gefahr durch den drohenden Flüssigkeitsverlust. Ein Arbeiter auf dem Bau verliert pro Tag bis zu fünf Liter Flüssigkeit, die sollten dem Körper weitgehend wieder zugeführt werden. Aus dem Grund legt die Geschäftsführung der Firma Newo-Bau, so Heilmann, großen Wert darauf, dass genügend Getränke bereitgestellt werden.

    Bei körperlich schwerer Arbeit treten besondere Belastungen und Gesundheitsgefahren auf: Symptome wie Schwindel, Übelkeit oder Störungen des Bewusstseins können auf einen drohenden Hitzschlag hinweisen. Ein Mittel, dem etwas entgegenzuwirken, ist die Vorverlegung des Arbeitsbeginns. Bei vielen Baufirmen wird derzeit deshalb bereits um sechs Uhr begonnen und um 15 Uhr Feierabend gemacht. Besonders schwere Arbeiten können so in die etwas kühleren Morgenstunden verlegt werden. Bei steigenden Temperaturen sind zudem pro Stunde fünf bis zehn Minuten Pause sinnvoll.

    Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft rät genau zu diesen Maßnahmen und gibt darüber hinaus die Empfehlung, Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 30 zu verwenden, luftdurchlässige Kleidung zu tragen, die den Körper bedeckt, und als Kopfschutz einen Helm oder Kopfbedeckungen mit Rand und Schirm.

    Und wie sieht es generell mit „hitzefrei“ aus auf Baustellen in Deutschland? „Ich habe in meiner Zeit auf dem Bau noch kein hitzefrei erlebt“, erzählt Reinhold Heilmann. Wohl auch, weil Baufirmen im Sommer bemüht sind, ihre Baustellen voranzubringen, da sie ihre Termine einhalten wollen, um etwaige Strafzahlungen zu vermeiden. Die Baustellenverordnung als Ergänzung des Arbeitsschutzgesetzes sagt, hitzefrei auf der Baustelle ist in Deutschland möglich – sowohl für den ganzen Tag als auch stundenweise. Allerdings gibt es keine bestimmte Temperatur, ab der Arbeitgeber verpflichtet sind, ihre Bauarbeiter freizustellen. Der Chef muss jedoch dafür sorgen, dass seine Mitarbeiter durch die Hitze keine gesundheitlichen Schäden davontragen. „Es gibt leider keine Grenze“, bestätigt Hans Beer, Regionalleiter der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt in Franken.

    Während die Arbeiter auf den Baustellen also gewaltig leiden, kann das Material da deutlich mehr einstecken. Die Baufirmen hätten, so Heilmann, den stetig steigenden Temperaturen bereits Rechnung getragen, indem moderne Baumaschinen zumeist mit Klimaanlagen ausgestattet sind. Schwierigkeiten beim Material sieht Heilmann in erster Linie beim Betonieren, da der Beton bei zu hohen Temperaturen zu schnell trocknet und reißt. „Den muss man eben feucht halten – und bei extremer Hitze betoniert man einfach nicht“, resümiert Heilmann, der die Wetterextreme immer schlimmer empfindet. Er kennt aber auch das Gegenteil der momentanen Hitze: „Im vergangenen November hat es extrem lange geregnet. Die Leute standen bis zu den Knien im Schlamm.“ Eine Situation, die man sich derzeit nur schwer vorstellen kann...

    Hitzefrei auf dem Bau?

    Bevor der Chef seinen Mitarbeitern hitzefrei auf dem Bau gewähren muss, gibt es gewisse Maßnahmen, die er ergreifen kann, um den Arbeitsschutz sicherzustellen:

    • Anpassung der Arbeits- und Pausenzeiten (Arbeiten können am frühen Morgen oder späten Abend verrichtet werden; es müssen mehrere kürzere Pausen gemacht werden)

    • Vorkehrungen zum Sonnenschutz (Sonnensegel spannen, Sonnenbrillen, Kopfbedeckungen sowie Sonnencreme anbieten)

    • Bereitstellung von kostenlosem Wasser

    • Keine Forderung von Überstunden

    Der Arbeitgeber kann auch nur einige Stunden hitzefrei auf dem Bau gewähren.

    • Begrenzung von schweren Arbeiten auf ein Minimum

    • Regelmäßige Kontrolle und Information der Beschäftigten (Arbeitnehmer sollten auch untereinander auf Anzeichen von Hitzeerkrankungen wie Schwindel, Kopfschmerzen oder Übelkeit achten).

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!