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    KREIS HASSBERGE

    Jagd im Wandel: Schlechte Zeiten für Hase & Co.

    Auf der Theaterbühne im Goßmannsdorfer Sportheim dreht sich momentan alles um die Jagd. Ein betuchter Kölner Kaufmann ist im Jagdfieber und will in den Haßbergen den Sechzehnender „Rudi“ erlegen. Nein, in den Jagdrevieren der Hofheimer Jägervereinigung gibt es längst keine solch kapitalen Hirsche mehr. Und der Drang reicher Städter in die ländlichen Reviere hat erheblich nachgelassen. Die Jagdleidenschaft der Waidmänner allerdings ist ungebrochen. „Einem richtigen Jäger ist das Jagen ins Blut gelegt“, sagt Albert Schützwohl, Ehrenvorsitzender der Kreisgruppe Hofheim. Dabei stehe nicht das Totschießen im Vordergrund, „es geht darum, Beute zu machen.“ Das sei so, wie wenn jemand seltene Steine oder Pflanzen suche.

    Im Gespräch mit dieser Redaktion resümieren die Jäger Elmar Brückner, Albert Schützwohl und Josef Schmitt darüber, wie sich das Jagdwesen im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert hat. Die drei sind sich einig: Den wohl größten Einfluss auf alles, was mit der Jagd zusammenhängt, habe die Veränderung der Kulturlandschaft. Die früher kleinstrukturierte Landschaft, durchzogen von Hohlwegen, Feldrainen, Brachflächen und Streuobstbeständen, sei einer intensiven Bewirtschaftung gewichen.

    „Die Ernährungsgrundlage des Wildes hat sich dadurch komplett verändert“, erläutert Schützwohl. Besonders betroffen von der veränderten Feldflur seien hier die Rebhühner. „Weil ihnen Nahrung und Deckung fehlen, sind sie in manchen Revieren so gut wie ausgestorben“, bedauern die Jäger. Die Rebhuhn-Küken leben fast ausschließlich von tierischem Eiweiß. Doch Ameisen und andere Insekten sind rar geworden. Der Rebhuhnnachwuchs verhungert schlichtweg.

    Ein Leidensgenossene sei der Feldhase, kommen die Waidmänner zum nächsten Tier, das ums Überleben kämpft. Ihm fehle die Vielfalt an Kräutern, die er fürs Gedeihen brauche. Überlebe er den Einsatz der großen Erntemaschinen, werde er auf den abgeernteten Flächen zur leichten Beute von Fuchs & Co.

    „Eine dumme Sau gibt es nicht.“
    Josef Schmitt, Jäger der Gruppe Hofheim

    Wie sieht es bei den Rehen aus? Liest man von den nahezu täglichen Wildunfällen, könnte man meinen, die Population sei gewachsen. „Das täuscht“, sagt Brückner. Die Rehzahl sei in den vergangenen zehn bis 15 Jahren konstant geblieben. „Aber es gibt immer mehr Autos. Und die fahren rund um die Uhr.“ Hinzu komme, dass sich das Freizeitverhalten der Menschen grundlegend verändert habe. „Die Tiere werden häufig aufgeschreckt und flüchten kopflos – eben auch über Straßen.“ Auch der Verbiss im Wald komme nicht von ungefähr, sind die Jäger überzeugt. Während die Rehe früher außerhalb des Waldes mit Kräutern und Sträuchern artenreiche, faserige Nahrung fanden, suchen sie diese heute zwischen großen Mais- und Rapsfeldern vergeblich. Und nach der Ernte fällt innerhalb kürzester Zeit jede Deckungsmöglichkeit weg. „Das ist, als ob dein Haus abbrennt. Alles ist plötzlich weg“, schildert Elmar Brückner die Lage auf den Feldern. Die Folge: Die Rehe weichen in den Wald aus. „Verbiss“, sagt Josef Schmitt, „war bis zum Beginn der Flurbereinigung so nicht bekannt.“

    „Riesige Flächen mit Monokultur, große Maschinen, Agrarchemie – solange sich in der Landwirtschaft nichts ändert, wird es für die Tiere immer schlimmer“, ist Schützwohl überzeugt. Doch den Jägern liegt es fern, den Landwirten den Schwarzen Peter zuzuschieben. „Das muss über die Politik gesteuert werden. Beispielsweise mit finanzieller Unterstützung für Blühflächen.“

    Nicht alle Tiere leiden unter den Veränderungen in der Natur. Der Gewinner in der Kulturlandschaft ist das Wildschwein. Äußerst anpassungsfähig haben sich die schlauen Tiere explosionsartig vermehrt. „Eine dumme Sau gibt es nicht“, ist Schmitt überzeugt. Fressen im Überfluss, milde Winter und ausgezeichnete Verstecke in großen Maisfeldern – da fühlen sich die Tiere sauwohl und vermehren sich entsprechend. Die Schäden, die Wildschweinrotten anrichten, sind enorm. Meist übernehme der Jagdpächter vertraglich die Schäden. Eine teure Angelegenheit. Zumal mit erlegtem Wildbrett heute nichts mehr zu verdienen sei. „Früher meldeten die Leute schon im Mai an, was sie für Weihnachten haben wollten“, erinnert sich Schützwohl. Der Jäger lieferte das erlegte Tier, ob Hase oder Reh, beim Käufer ab, der es selbst abzog und zerlegte. „Jetzt muss alles bratfertig sein.“ Häufig hapere es auch schon an den Kenntnisse über die Zubereitung. Dabei gebe es kein besseres „Bio“ als Wildfleisch.

    „Die Tendenz zum Jagdschein ist stetig gestiegen.“
    Josef Schmitt, der Jungjäger ausbildet

    „Die Jagden waren ehemals kleine gesellschaftliche Ereignisse“, sagt Schützwohl. Der Haßgau sei eher ein Niederwildrevier gewesen. In kleinen Gruppen sei man mit Hunden auf Suchjagden gegangen und habe Hasen, Enten, Rebhühner und Rehe gejagt. Die Bezeichnungen Hoch- und Niederwild sind historisch entstanden. Hochwild war den Landesherren, dem hohen Adel, vorbehalten. Zum Hochwild zählt alles Schalenwild (Paarhufer) mit Ausnahme des Rehwildes. Das Niederwild, wie Reh, Fuchs und Hase, durften hingegen auch andere Personengruppen jagen.

    „Heute gibt es von vielen Seiten so viel Ärger“, sagen die drei Jäger. Die Jagd mache längst nicht mehr so viel Freude wie früher. Auch für viele gut situierte Jäger aus der Stadt, die noch in den 70er und 80er Jahren Reviere pachteten, sei die Jagd hier inzwischen uninteressant geworden.

    Trotz allen Widrigkeiten mangelt es den Jägern nicht an Nachwuchs; besonders Frauen dringen zunehmend in die einstige Männerdomäne vor. „Die Tendenz zum Jagdschein ist stetig gestiegen“, sagt Josef Schmitt, der angehende Jungjäger auf die Prüfung zum Jagdschein vorbereitet und auch prüft. In je 60 Stunden Theorie und Praxis geht es um viele rechtliche Belange, Wildtierkunde, Hundeführung, Naturschutz und Waffenwesen. Beim viel bemühten Begriff „grünes Abitur“ sieht Schmitt rot. „Wenn man betrachtet, wie lange man bis zum Abitur braucht und wie schnell man zum Jagdschein kommt, ist der Vergleich vollkommen unangemessen.“

    „Allerdings wollen die Jungen nicht die Verantwortung für ein ganzes Revier übernehmen, sondern nur ein- bis zweimal im Jahr jagen gehen“, sagt Brückner. Die Jägerschaft könne die Probleme unmöglich alleine lösen, so das Fazit der drei Waidmänner.

    Die ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Zusammenhänge sind komplex. Es liegt in der Verantwortung eines jeden Landnutzers, ob in der Land- oder Forstwirtschaft, in der Verkehrs- und Raumplanung, im Naturschutz und bei Freizeitaktivitäten, welcher Lebensraum den Wildtieren zugestanden wird.

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