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    Zeil

    Jeder Film ist eine Lagerfeuergeschichte

    Keine Berührungsangst: Bruno Schneyer überlegt sich, in seinem Kino die Netflix-Produktion "Roma" zu zeigen. Vor der Konkurrenz des Streaming-Anbieters ist ihm nicht bange: "Es gibt Streifen, die nur auf der großen Leinwand wirken", erklärt der Zeiler Kinochef.  Foto: Martin Sage

    Elf Uhr morgens an einem gewöhnlichen Werktag, kurz vor Weihnachten. Da stellt man sich gähnende Leere und Totenstille im Kino vor. Von wegen: Aus dem Vorführsaal dröhnt Musik. Klassik, der dritte Satz von Beethovens 9. Symphonie. "Wir machen gerade den großen Satellitentest", erklärt Kinobetreiber Bruno Schneyer, dessen Mitarbeiter im Raum bald hierhin, bald dorthin sausen. Soundcheck ist angesagt. Stimmen Subwoofer und Surround-Effekt? Hört man in jeder Reihe und jeder Ecke gut?

    "Wir sind keine Filmabspielstätte"

    "Wir übertragen das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker live", erläuterte Schneyer da dem Reporter, "da muss vorher sichergesellt sein, das alles passt." Deshalb testeten alle angeschlossenen Kinos im Land die Bild- und Tonübertragung aus der Bundeshauptstadt per Satellit gut zwei Wochen vor dem Jahreswechsel. 

    Die Besucher, die am letzten Tag des Jahres schließlich von den bequemen Sesseln des fast ausverkauften Zeiler Kinos aus dem Spitzenorchester unter Chefdirigent Daniel Bahrenboim lauschten, dürften kaum mitbekommen haben, welcher Schreck Schneyer in die Glieder fuhr, als bei einem Interview am Rande des Konzertes eine kurzfristige Tonstörung auftrat. Vor allem aber haben sie wohl nicht geahnt, welchen Aufwand die kleine Filmbühne im Vorfeld der Übertragung zu leisten hatte. Wie auch Otto Normalverbraucher wohl kaum einen Gedanken an die Anstrengungen verschwendet, die kleine Lichtspielhäuser heute betreiben müssen, um für ihr Publikum attraktiv zu bleiben. Wörter wie Kraftakt oder Verrenkungen nimmt Bruno Schneyer nicht in den Mund. Er spricht lieber von "Leidenschaft und Lebensaufgabe". Und von seiner Philosophie, die da lautet: "Wir sind keine Filmabspielstätte, sondern ein Ort kultureller Begegnungen und sozialpolitischer Diskussion."

    Als noch nicht in jedem Wohnzimmer TV-Geräte standen: Seit 1953 gibt es das Zeiler Kino in der Unteren Scheuerngasse 5.  Foto: Archiv Ludwig Leisentritt

    65 Jahre alt ist das Capitol Theater in Zeil kürzlich geworden. Und bald, im Februar, kann Bruno Schneyer ein weiteres Jubiläum feiern: Dann ist es 35 Jahre her, dass er das Lichtspielhaus von seinem Vater übernommen hat. Was hätte der 58-Jährige da nicht alles zu erzählen aus der cineastischen Vergangenheit. Doch viel Lust auf einen Blick zurück hat Schneyer im Gespräch mit dieser Redaktion nicht. Also die Augen nach vorne gerichtet und frei heraus gefragt: Wird es sein Kino auch noch in fünf oder zehn Jahren geben? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Klar, ich mache weiter bis 116". Hinter diesem Scherz verbirgt sich nicht nur die Kraft, die Schneyer aus der Freude an der eigenen Arbeit schöpft. Sondern auch die Überzeugung, "dass es schon schlechtere Zeiten für die Kinos gegeben hat".

    Die Magie des dunklen Saals

    Schon oft wurde hierzulande den kleinen und großen Filmpalästen das Ende vorausgesagt. Mehrmals gab es Wellen des Kinosterbens: Als in der Wirtschaftswunderzeit die Fernsehgeräte in die Haushalte einzogen, als in den Achtzigerjahren Videorecorder aufkamen und später DVDs und Bluray den Markt eroberten. Schon seit einer halben Ewigkeit ist das Zeiler Kino das einzige im Landkreis. Doch auch jetzt, da sich immer größere Bildschirme in den Wohnzimmern breitmachen, ist Schneyer überzeugt: Das Kino hat etwas zu bieten, was kein anderes Medium leisten wird, weswegen es den Lichtspielhäusern nie ganz an die Substanz gehen wird: "Die Magie des völlig dunklen Saals" und das sich in dieser Dunkelheit dann vollziehende "gemeinsame Erlebnis am Lagerfeuer". Kino heute sei vergleichbar mit der abendlichen Versammlung der Steinzeitmenschen um eine Feuerstelle, um Geschichten zu erzählen und Geschichten zu lauschen. Ein Bedürfnis also, ein Genuss gar, der in den Genen steckt.

    Diese Magie sieht Schneyer auch nicht durch den jüngsten Konkurrenten der Kinolandschaft bedroht: Unternehmen wie das US-amerikanische Netflix machen ihren Abonnenten Filme per Online-Streaming zugänglich. Weltweit holen sich inzwischen auf diese Weise gut 130 Millionen Netflix-User Blockbuster, Serien oder Dokus auf Fernseher, Tablet, Smartphone oder PC. "Aber es gibt Streifen, die gehören auf die große Leinwand, sonst wirken sie nicht", sagt Schneyer selbstbewusst. Und zeigt selbst keine Berührungsängste. Er selbst will in seinen heiligen Hallen den vielfach ausgezeichneten mexikanischen Film "Roma" vorführen. Das Drama hatte im August bei den Filmfestspielen in Venedig Weltpremiere und ist: eine Netflix-Produktion. Viele Kinochefs wollten den Streifen deshalb nicht zeigen, aber für Schneyer ist "Roma" viel zu schade nur für das "Telefonformat". 

    Kinodrama pur: Immer wieder bietet das Capitol Kino besondere Events, wie die Übertragung der Fußballweltmeisterschaft 2018. Nur Filmabspielort geht eben nicht. Foto: Peter Schmieder

    Fragt man Schneyer, welche Schwerpunkte sein Kino setzt, antwortet er, im Prinzip richte sich sein Angebot an alle Arten von Besuchern. "Grusel-Schocker, gewaltverherrlichende Filme und hirnlose Action, die will ich hier aber nicht", schränkt er dann ein. Es kristallisieren sich jedoch zwei Zielgruppen heraus. Kinder, die sich allein schon durch die geheimnisvolle Dunkelheit im Kinosaal begeistern lassen und die Schneyer als Kunden von morgen gewinnen will. Zweitens: Ein anspruchsvolleres Publikum, das Interesse an Kunst und Kultur hat oder aufgeschlossen für gesellschaftliche und politische Fragen ist. So bietet das Zeiler Kino einerseits Opern- und Konzertübertragungen, andererseits hat es immer wieder Dokumentarfilme im Programm. Wie zuletzt "Guardians of the Earth" über den Klimawandel oder "Der marktgerechte Patient" über die Kommerzialisierung im Gesundheitswesen.

    Informationen unabhängig der Mainstream-Medien

    Mehrfach hat der Kinobetreiber in Anschluss an die Dokus Podiumsdiskussionen mit Experten und Politikern organisiert, sei es zur Energiewende oder zur Neonazi-Szene bei Rockkonzerten. "Es ist wichtig, dass solche meist unabhängig von den Mainstream-Medien geschaffenen Inhalte wahrgenommen werden", meint der 58-Jährige. Es gehe ihm nicht darum, Menschen zu indoktrinieren, sondern darum, ihnen Informationen, Inspirationen und neue Perspektiven zu ermöglichen. Leider werde die Qualität der Arbeit seines Kinos in dieser Hinsicht im Landkreis "nicht so wahrgenommen, wie wir uns das wünschen würden", spielt Schneyer darauf an, dass sich Politik und Lokalpolitik den kritischen Veranstaltungen oft entziehen. Vielleicht ist das am 9. Februar anders: Dann legt er die Doku "Unser Saatgut - Wir ernten, was wir säen" ein und bittet anschließend Vertreter der Bauernschaft, des ökologischen Landbaus, Selbstvermarkter und Naturschützer um eine Auseinandersetzung zur Materie. Die Zeiler Filmbühne besetzt auch Nischen, ruft zum Seniorenkino, hat Angebote für Schulen, bringt sonntags gelegentlich Filme in russischer oder polnischer Sprache (jetzt am Samstag läuft die mit fünf Europäischen Filmpreisen ausgezeichnete Romanze "Cold War - der Breitengrad der Liebe" in original Polnisch mit deutschen Untertiteln) und vieles andere mehr jenseits des Mainstreams. 

    Ansonsten ist hier das "ganz normale Kinovergnügen" zu haben, die großen Filme, die die Kinowelt bewegen. Bruno Schneyers Tipp: Eine Tragikomödie, die es ganz nach oben schaffen könnte, ist "Green Book - Eine besondere Freundschaft", die am 31. Januar in den deutschen Kinos anläuft, und gerade erst Golden Globes abgeräumt hat. Gezeigt wird die auf wahren Tatsachen beruhende Reise des schwarzen Jazzpianisten Don Shirley in den Sechzigerjahren mit seinem weißen Fahrer Tony Lip von New York in die Südstaaten. "Das ist so eine Art Ziemlich-beste-Freunde-Geschichte", meint der Prinzipal in Anspielung auf den französischen Blockbuster von 2011. Eine Empfehlung von ihm ist zudem "Astrid", eine recht freie Interpretation der Jugend der weltberühmten Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Er selbst ist gespannt, welche Resonanz er am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, auf "Schindlers Liste" bekommt - der Film wird dann 25 Jahre alt sein. Kino spiegele immer auch das politische und historische Bewusstsein einer Gesellschaft wider, meint Schneyer, auch dann, wenn die Kinoreihen bei diesem Experiment leer bleiben sollten.

    Sie gingen vor über 60 Jahren aus den gleichen Gründen ins Kino wie ihre Kinder und Enkel heute: die Begeisterung für gute Filme. Da stecken, wenn man Bruno Schneyer glauben darf, noch immer das Lagerfeuer-Gen und die Lust an guten Geschichten im Menschen.  Foto: Archiv Ludwig Leisentritt

    Das Zeiler Kino übrigens ist auf dem neuesten Stand der Technik. Dank der Unterstützung von Bund und Land konnte Schneyer sein Heiligtum im Jahr 2011 auf Digitaltechnik umstellen, zusammen mit kleineren Umbaumaßnahmen war das eine Investitionssumme von 100 000 Euro. Wenn er von guten Streifen spricht, wird Bruno Schneyer aber auch mit 116 noch "ganz analog" schwärmen: "Jeder Film ist ein Angebot an eine Lagerfeuergeschichte." Da heißt es nur: sich hinsetzen und zuhören und zusehen. 

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