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    HAßFURT

    Job in der Ausländerbehörde: „Ich muss Mitgefühl verbergen“

    In unserer Serie „Was würdest du tun?“ stellen wir Menschen aus der Region und ihre Berufe vor. Heute berichtet ein Verwaltungsbeamter in der Ausländerbehörde über seinen Job. Foto: SymbolAnand Anders

    In unserer Serie „Was würdest Du tun?“ stellen wir regelmäßig Menschen aus der Region vor, die erzählen, wie sie arbeiten, was sie verdienen und was sie tun würden, wenn sie nicht arbeiten müssten. Heute berichtet der 23-jährige Johannes Fuchs.

    Mein Job

    Beruf: Ich bin Beamter in der Ausländerbehörde eines Landratsratsamts. In erster Linie diene ich als Ansprechpartner für Asylbewerber und betreue deren Asylverfahren. Unter anderem erteile ich die Arbeitserlaubnis und stelle Aufenthaltsgenehmigungen oder Verlängerungen aus. Jeder Sachbearbeiter bekommt rund 500 Fälle pro Jahr.

    Ein Großteil meiner Arbeit besteht zudem darin, Asylbewerber über eine freiwillige Ausreise zu informieren und zu beraten. Zwischen 20 und 25 Prozent meiner Fälle kommen dafür in Frage. Bei freiwilliger Ausreise unterstützt der Staat die Betroffenen, indem er den Flug zahlt und eine Zeit lang die dortigen Wohnkosten übernimmt. Jeder Asylbewerber, der ausreisepflichtig ist, erhält eine Beratung – eine freiwillige Ausreise ist natürlich viel günstiger als eine Abschiebung. Die Gespräche dauern ein bis zwei Stunden, so dass ich meistens zwei Beratungen pro Tag abhalte. Bei den Gesprächen ist oft ein Dolmetscher dabei, manchmal führe ich die Gespräche auch auf Englisch.

    Asylbewerber werden nie gezwungen, mit uns zu reden. Doch die allermeisten, die ich berate, sind kaum an einer freiwilligen Ausreise interessiert. Es ist allerdings gesetzlich vorgeschrieben, dass auf Verlangen eines Asylbewerbers ein Beratungsgespräch stattfinden muss. Viele meiner Gesprächspartner stellen sich quer, allerdings sehen die meisten nach einer gewissen Zeit ein, dass sie in Deutschland schlechte Bleibechancen haben.

    Zu Beginn meiner Tätigkeit war es für mich schwierig, mit den Geschichten der Leute zurechtzukommen, so dass ich nach der Arbeit noch über die Fälle nachgedacht habe. Mittlerweile bin ich routinierter und lasse das nicht mehr so stark an mich heran. Leider gibt es auch Fälle, bei denen die Abschiebung aus meiner Sicht unverantwortlich ist. Gerade wenn die Betroffenen körperlich und oder psychisch krank sind, fällt es mir schwer, Abschiebungen gut zu heißen. Familien mit kleinen Kindern, die eigentlich abgeschoben werden sollen, tun mir sehr leid.

    Abschiebungen von straffälligen Asylbewerbern finde ich absolut legitim. Bei Ausreisepflicht haben die meisten 30 Tage Zeit, sich freiwillig zu melden. In der darauffolgenden Zeit wird die Rückführung erzwungen.

    Vereinzelt kommt es vor, dass mir Asylbewerber ins Gesicht lügen. Hierbei widersprechen die Angaben der Asylbewerber den Fakten in deren Akten. Von meinen 500 Fällen sind das etwa 50 Leute. Es geht bei den Geflüchteten um viel, ich kann nachvollziehen, dass die Betroffenen alles tun, um hier zu bleiben.

    Während Migranten einen Visumsantrag stellen, um in Deutschland arbeiten zu können, stellen Geflüchtete einen Antrag auf Asyl. Das Prozedere läuft stark vereinfacht folgendermaßen ab: Ein Ausländer meldet sich bei einer Behörde oder die Polizei greift ihn auf. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge kümmert sich um die Erstanträge. Die Bearbeitungsdauer fiel 2015 sehr lange aus und lag in den krassesten Fällen bei drei Jahren – das ist allerdings sehr fallabhängig. Mittlerweile läuft das Prozedere viel schneller.

    Nach der Registrierung erfolgt die Erstverteilung auf die Bundesländer nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel. Hier kommen Asylbewerber in einer Erstaufnahmeeinrichtung unter, wo auch die Registrierungen und Gesundheitsuntersuchungen stattfinden. In der Regel werden die Betroffenen nach drei Monaten zu Sammelunterkünften in die Kommunen weitergeleitet. Asylbewerber aus sicheren Herkunftsländern bleiben grundsätzlich bis zur Entscheidung ihres Antrags in der Erstaufnahmeeinrichtung. Es bestehen allerdings Ausnahmen, zum Beispiel, wenn die Betroffenen ein hohes Einkommen beziehen.

    Ob Asylbewerber arbeiten dürfen, hängt unter anderem von dem Status ihrer Identität, dem Ort des Arbeitsplatzes und ihren Bleibechancen ab. Solange sich die Menschen in einer Erstaufnahmeeinrichtung aufhalten, dürfen sie nicht arbeiten.

    Wenn sich die Asylbewerber in der Sammelunterkunft aufhalten, besteht die Möglichkeit, dass sie daraufhin eine Wohnung beziehen. Das hängt unter anderem davon ab, wie viel sie verdienen und in welchem Gesundheitszustand sie sich befinden.

    Nach der persönlichen Beratung und der Überprüfung von Dokumenten und Beweismitteln entscheidet das Bundesamt für Migration über den Asylantrag. Angenommene Asylbewerber fallen unter eine der vier Schutzformen: Asylberechtigung, Flüchtlingsschutz, subsidiärer Schutz oder Abschiebungsverbot.

    Der Begriff Flüchtling wird oftmals mehrdeutig verwendet. Im Verständnis des Asylrechts umfasst er jedoch ausschließlich anerkannte Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention. Das sind Personen, die nach Abschluss eines Asylverfahrens den Flüchtlingsschutz erhalten.

    „Es gab Phasen, in denen Asylbewerber in unser Außenstelle schlafen mussten“
    Johannes Fuchs, Verwaltungsbeamter

    Seit 2016 bin ich mit meiner Ausbildung fertig. Die Situation war damals sehr stressig, weshalb ich viele Überstunden einlegen musste. Ich hatte das Gefühl, nie wirklich zum Ende zu kommen. Mittlerweile ist ein wenig Normalität eingekehrt.

    Mit solch einer Zahl von Asylbewerbern in so kurzer Zeit fertig zu werden, war unheimlich fordernd. Es gab Phasen, in denen Asylbewerber in unser Außenstelle schlafen mussten, weil in den Erstaufnahmeeinrichtungen kein Platz mehr war. Doch im Vergleich zu früher läuft es nun viel besser, die Organisation hat damals einfach gefehlt.

    Mir macht die Arbeit Spaß, weil ich auch sehe, dass es etwas bringt. Durch meine Beratung fühlen sich viele Betroffene besser informiert und sicherer. Im Moment habe ich keinen gewaltigen Stress, aber es besteht trotzdem ein hoher Arbeitsaufwand. Aktuell hole ich zudem mein Abitur nach. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich in der Verwaltung bleibe und den gehobenen Dienst anstreben will oder ob ich nochmal komplett etwas anderes mache. Durch das Abitur will ich mir einfach alle Möglichkeiten offenhalten.

    Berufsentscheidung: Ich wollte nach meinem Realabschluss unbedingt arbeiten und nicht weiter zur Schule gehen. Viele haben mir aber aufgrund meiner guten Noten dazu geraten, das Abitur nachzuholen. In der Verwaltung, dachte ich mir, könnte ich kommunal etwas bewegen. Die Sicherheit und die flexiblen Arbeitszeiten waren ebenfalls entscheidend für mich.

    Ausbildung: Die Ausbildung dauerte zwei Jahre und ging im Blockunterricht vonstatten. Leider nahm die Theorie einen großen Anteil ein, aber mit der Zeit bin ich ganz gut reingekommen. Die Arbeit gefällt mir nach der Ausbildung viel besser, weil ich jetzt weiß, wo ich arbeite und wer meine festen Kollegen sind.

    Tipps: Man braucht definitiv ein Gespür für das Recht und Selbstbewusstsein. Darüber hinaus sollte man frei reden können, organisiert sein und gute Englischkenntnisse mitbringen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Mitgefühl verbergen zu können. Als Sachbearbeiter muss man einfach über den Fällen stehen und die Probleme der Asylbewerber nicht an sich herankommen lassen.

    Wöchentliche Arbeitszeit: Ich arbeite 40 Stunden in der Woche.

    Bedingungsloses Grundeinkommen: Wenn ich ohne Voraussetzungen 1500 Euro netto pro Monat erhalten würde, würde ich mir mehr Zeit für Freunde und Familie oder für mich selbst nehmen. Zudem würde ich gerne mehr von der Welt sehen. Mein Job ist nicht schlecht, aber ich würde versuchen, eine Tätigkeit mit mehr Sinn zu finden.

    Ich würde meine Stunden reduzieren, um mein Abitur nachzuholen. Es wäre mir aber auch wichtig, herauszufinden, was ich wirklich will. Ich bin geübt im Umgang Menschen, organisiert und kann gut mit Zahlen. Ich weiß, was ich kann, aber noch nicht, was ich wirklich will.

    Meine Einnahmen

    Bruttoeinkommen: Ich verdiene 2620 Euro brutto monatlich.

    Nettoeinkommen: Netto springen 2230 Euro für mich heraus.

    Meine Ausgaben

    Wohnkosten: Da ich daheim wohne, fallen keine Wohnkosten an.

    Lebensmittel: Für Lebensmittel wende ich monatlich 150 Euro auf.

    Handy und Internet: Auf meinen Handyvertrag entfallen 40 Euro pro Monat.

    Mobilität: Auf mich kommen monatliche Spritkosten von circa 55 zu. 1016 Euro zahle ich im Jahr für meine Autoversicherung. Auf die Kfz-Steuer entfallen 300 Euro.

    Versicherungen: Ich gebe 36 Euro pro Jahr für eine Haftpflichtversicherung aus. Zusätzlich investiere ich 150 Euro monatlich in Aktienfonds und 50 Euro in einen Bausparvertrag.

    Kleidung und Körperpflege: Dafür zahle ich 100 Euro monatlich.

    Freizeit: Für meinen Urlaub wende ich jährlich circa 3000 Euro auf. Zum Feiern benötige ich etwa 70 Euro im Monat. Zudem gebe ich 100 Euro jährlich für Fußballzubehör aus. 40 Euro pro Monat kommen für meinen Fitnessstudio-Vertrag zusammen. Jeweils vier Euro pro Monat zahle ich für Netflix und Sportify.

    So viel bleibt am Ende übrig: Circa 1092 Euro bleiben am Ende des Monats übrig.

    „Was würdest Du tun?“

    In unserer kleinen Serie befragt Felix Schwarz Menschen aus der Region, für welches Geld und unter welchen Umständen sie arbeiten und was sie tun würden, wenn sie nicht auf diese Art des Broterwerbs angewiesen wären.

    Die Befragten bleiben auf Wunsch anonym, der Redaktion liegen aber die Namen und Adressen vor. In Teil eins unserer Serie kam eine Augenoptikerin zu Wort, in Teil zwei hat sich unser Reporter mit einer Ergotherapeutin unterhalten. Dieser folgten die Leiterin eines Kindergartens und ein Zerspanungsmechaniker sowie ein Polizist.

    Im sechsten Teil hat sich Felix Schwarz mit einem Verwaltungsbeamten, der in der Ausländerbehörde beschäftigt ist,

    getroffen.

    Von Felix Schwarz

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