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    HASSFURT

    Kleinkind beim Baden stark verbrüht: Warum die Mutter freigesprochen wurde

    Wegen des Missbrauchs von Schutzbefohlenen musste sich am Montag eine 20-jährige Syrerin aus dem Landkreis am Amtsgericht Haßfurt verantworten. Laut Anklage hatte die dreifache Mutter am 30. April vergangenen Jahres ihre damals einjährige Tochter mit dem Gesäß in 75 Grad heißes Wasser getaucht. Das Kleinkind erlitt Verbrühungen zweiten Grades und musste in der Kinderklinik Nürnberg viermal operiert werden.

    Freispruch mangels Zeuge

    Obwohl Richter Martin Kober nach der Beweisaufnahme überzeugt war, dass das Kind vorsätzlich misshandelt wurde, sprach er die Angeklagte frei. Denn er könne der Mutter keine Täterschaft nachweisen, da zum Tatzeitpunkt auch der Vater des Kindes in der Wohnung war, der ebenfalls als Täter in Frage komme, sagte Kober in der Urteilsbegründung. Da außer dem damals dreijährigen Sohn kein Tatzeuge anwesend war, müsse die Angeklagte „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten) freigesprochen werden.

    Die Angeklagte bestritt über ihre Anwältin Vera Rosenzweig-Heyn den angeblichen Tathergang. Als sie ein Handtuch holen wollte, sei ihr dreijähriger Sohn ins Badezimmer gekommen und habe das heiße Wasser aufgedreht, um seine Schwester damit zu bespritzen, gab sie zu Protokoll. Doch dieser Version widersprach ein Rechtsmediziner der Universität Erlangen in seinem Gutachten.

    Das Schadensbild zeige genau abgegrenzte Verbrühungen im Gesäß- und Genitalbereich des Kindes. Diese Verletzungen könnten nur dadurch entstanden sein, dass das Kind in das heiße Wasser eingetaucht wurde, argumentierte der Mediziner. Bei einem Abduschen mit heißem Wasser wären auch andere Körperregionen betroffen gewesen, was hier jedoch nicht der Fall war. Verbrühungen der Haut würden ab einer Wassertemperatur von 70 Grad innerhalb von Sekunden auftreten. Aus dem Brauseschlauch sei sogar 85 Grad heißes Wasser geflossen, wie Techniker der Kripo Schweinfurt ermittelten.

    Das Kind wurde in eine Pflegefamilie gegeben

    Eine Ärztin der Kinderklinik Nürnberg sagte im Zeugenstand, dass die Verletzungen des Kindes für sie „schockierend“ gewesen seien. Die Haut habe Blasen geworfen und die Behandlung sei äußerst schwierig gewesen, so die Ärztin weiter.

    Das Kind habe zudem ungepflegt ausgesehen. Die Kleidung sei dreckig und die Haare ungepflegt gewesen. Das Mädchen wurde zwei Wochen nach der Aufnahme gesund und ohne Narben entlassen. Es kam in eine Pflegefamilie, wo es bis heute lebt.

    Nach Aussage der Jugendgerichtshelferin heiratete die Angeklagte in Syrien ihren Ehemann im Alter von 15 Jahren, was in Syrien nicht ungewöhnlich sei. Nach der Geburt ihres ersten Kindes Anfang 2015 flüchtete die Familie im März 2015 nach Deutschland.

    Die Tat fällt nicht unter das Jugendstrafrecht

    Die Angeklagte sei eine liebevolle Mutter. Die Familie sei intakt und leide unter der Wegnahme der Tochter. Da die Angeklagte zum Tatzeitpunkt erst 19 Jahre alt war, empfahl die Jugendgerichtshelferin die Anwendung von Jugendstrafrecht. Der Staatsanwalt folgte ihr in diesem Punkt nicht. Er konnte keine Reifedefizite bei der Angeklagten erkennen. Er sah die Tat – auch aufgrund der Angaben des Gutachters - als erwiesen an und forderte eine achtmonatige Bewährungsstrafe für die nicht vorbestrafte Angeklagte.

    Die Verteidigerin plädierte auf Freispruch, da sich der Tathergang letztlich nicht aufklären ließe. Selbst der Oberarzt in Nürnberg sei der Meinung gewesen, dass ein Hineinsetzen des Kindes in heißes Wasser nicht in Betracht komme. Ihre Mandantin sei eine gute Mutter, die wegen des Vorfalls fast ihr drittes Kind verloren hätte, sagte die Anwältin.

    Als der Vorsitzende den Freispruch verkündete, brach die junge Mutter in Tränen der Erleichterung aus. Ob die Staatsanwaltschaft in Berufung geht, steht offen.

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