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    AUGSFELD

    Lebenshilfe-Musicalgruppe: Heimliche Stars am Musical-Himmel

    Wir sind, wie wir sind!“ Es lässt niemanden kalt, wenn Elena und Maik das Lied aus dem Musical „Wir haben's kapiert“ singen. „Wir sind, wie wir sind. Was nützt es, wenn wir unzufrieden sind.“ Die beiden gehören zu einer elfköpfigen Gruppe junger Menschen mit Handicap. Mit absoluter Hingabe ist die Gruppe beim Musicalprojekt der Lebenshilfe Haßberge in Augsfeld dabei. Es ist herzerfrischend und berührt zutiefst, wenn sie von ihren Träumen und Wünschen singen und spielen. Darüber, was sie im Alltag bewegt und was ihnen Probleme bereitet.

    Seit dem Jahr 2007 gibt es im Bereich „Offene Hilfen“ der Lebenshilfe Haßberge e. V. die inklusive Musicalgruppe. Das Angebot steht Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit oder ohne Handicap nach der Schule oder der Arbeit jeden Dienstagnachmittag offen. Die musikalische Leitung des Inklusionsprojektes liegt in den Händen von Liedermacher Martin Scherer aus Unfinden. Fünf Musicals wurden im Laufe der Jahre unter seiner Federführung entwickelt und einstudiert. Alle acht Protagonisten der ersten Stunde sind noch heute mit Feuereifer dabei.

    Sogar das Fernsehen hatte Interesse

    Er starte das Projekt im Januar stets mit einem leeren Blatt Papier, sagt Martin Scherer. „Wir entwickeln in der Gruppe Ideen, besprechen gemeinsam Aussagen und Handlungen der Musicals“, beschreibt er, wie die Stücke entstehen. Aus Gesprächen über Lieblingsessen etwa, wie das erste Werk „Die Zauberpizza“. Oder, weil Theresa immer so begeistert von ihrem Bauernhof zu Hause erzählt und von der Kuh Lorena. Der muss man nur in die sanften Augen schauen, wenn man Kummer hat oder wütend ist. Und schon ist man froh, heißt es im Musical „Lorenas Augen“. „Ein Musical vom Zauber einer liebevollen Geisteshaltung aller Wesen zueinander“, lautet der Untertitel. Sogar bis ins Fernsehen, in den Kinderkanal, haben es „Lorenas Augen“ gebracht.

    Reichlich Erfahrung sammelte Martin Scherer schon vor seinem Einsatz bei der Lebenshilfe. Er musizierte mit Kindern und psychisch kranken Erwachsenen, entwickelte Kreativ-Projekte in sozialen Einrichtungen. „Die größte Herausforderung und zugleich die größte Freude ist es für mich, die Spezialbegabungen der Mitwirkenden zu entdecken und jedem seine Rolle und seine Lieder auf den Leib zu schneidern“, sagt der Liedermacher. Dann rockt Marcel die Bühne, verwandelt sich Lukas in den furchterregenden Drachen Gorgonaz, animiert Luisa zum flotten Zumba und Elena wird zur pfiffigen Detektivin. Für jeden schreibt Scherer eine Rolle, und wenn sie noch so klein ist. „Jeder, der nicht alleine singen kann oder will, wird vom Chor unterstützt“, erklärt Alexandra Sahlender, die als hauptamtliche Erzieherin in den „Offenen Hilfen“ die Gruppe betreut. Als ehrenamtliche Helferinnen stehen ihr Susanne Zweier und Jutta Geuppert zur Seite.

    Ganz wichtig sind Scherer die Liedtexte. „Das sind keine Primitivlieder ohne Sinn und Verstand“, stellt er klar. „Sie sagen etwas aus, und sie müssen von den Mitwirkenden verstanden werden.“ Dass dies der Fall ist, offenbart sich dem Zuschauer rasch. „Ich bin ein Mensch mit Herz und Sinn.“ Inbrünstiger lässt sich ein Lied wohl kaum singen.

    Die pure Lebensfreude bricht sich Bahn im Schlusslied des jüngsten Musicals „Unter der Sonne der Balearen“. Die Begeisterung der Sänger für Mallorca ist mitreißend. Am liebsten würde man aus ebenso vollem Halse wie die Musical-Stars einstimmen: „Hier bin ich so froh, ich weiß nicht wieso! Ich fühle mich frei, so frei, dass ich . . .“ Ungeduldig und mit unverhohlener Vorfreude wartet Maik auf sein Stichwort. Denn an dieser Stelle darf er seinen markerschütternden Schrei ausstoßen – was er stets mit ungebrochener Energie und sichtlichem Vergnügen macht.

    Zusätzliche Stimmen aus dem Projektchor

    Den jeweils zwei Aufführungen der Stücke fiebern die jungen Musical-Darsteller aufgeregt entgegen. Stimmlich verstärken immer wieder junge Damen aus Martin Scherers Projektchor die Truppe. Musikpädagogin Petra Schlosser begleitet die Vorstellungen am Klavier.

    Ein Riesenprojekt sei im Jahr 2016 das Musical „Morgen will ich König sein“ gewesen, blickt Martin Scherer zurück. In Kooperation mit dem P-Seminar am Haßfurter Gymnasium wurde die Frage nach den Träumen im Leben und der Realität musikalisch unter die Lupe genommen. 15 Schüler der Oberstufe brachten sich in das Inklusions-Projekt ein und begleiteten es auf und hinter der Bühne.

    „Für mich ist diese Arbeit mit behinderten Menschen großartig“, begeistert sich Martin Scherer. „Ich fühle mich damit privilegiert.“ Das Ergebnis verpuffe nicht, sondern wirke sich nachhaltig auf die Darsteller aus. Das bestätigt auch Bettina Surkamp, die Leiterin des Bereichs „Offene Hilfen“: „Es ist toll, zu sehen, wie sich die Darsteller von Mal zu Mal weiterentwickeln, selbstsicherer werden und auch immer freier mit dem Publikum kommunizieren.“

    Monika Vogel: „Das ist genial“

    Das neu gewonnene Selbstvertrauen wirke über die Musicalbühne hinaus in den Alltag. Begeistert und stolz auf die Leistungen der Darsteller sind auch deren Eltern. „Wie Martin Scherer die Ideen der Kinder in Lied und Text umsetzt und was aus den Kindern herausgeholt wird, das ist genial“, schwärmt Elenas Mutter Monika Vogel, Elena singe die Lieder mit einer solchen Freude. „Ich hoffe, dass das Projekt noch möglichst lange weiterläuft.“

    Doch nicht nur die Mitwirkenden profitieren von dem Musical-Projekt. „Die Auftritte bereichern auch die Menschen, die zuschauen“, weiß Bettina Surkamp aus zahlreichen Rückmeldungen. Die Spielfreude und die unverstellte Natürlichkeit der „Musical-Stars“ sind ansteckend, machen gute Laune und entlassen jeden mit einem Lächeln im Gesicht.

    Der nächste Auftritt

    Mit einem „Best of“ ihrer fünf Kreativ-Projekte „Die Zauberpizza“, „Lorenas Augen“, „Wir haben‘s kapiert“, „Morgen will ich König sein“ und „Unter der Sonne der Balearen“ tourt die Gruppe durch den Landkreis. „Wir möchten überall dort spielen, wo die Darsteller herkommen“, erklärt Bettina Surkamp, Leiterin der „Offenen Hilfen“. Nächste Station ist die Sport- und Kulturhalle in Sand am Freitag, 20. Juli. Beginn ist um 18 Uhr.

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