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    Haßfurt

    Patienten fürchten wegen Corona den Gang zum Therapeuten

    Schwerbehinderte leiden unter Corona besonders. Sie gehören ohnehin zu einer Hochrisikogruppe und fürchten deshalb den Kontakt bei dringend benötigten Behandlungen.
    Die Logopädin Iris Höfener versucht, ihren sprachlich stark beeinträchtigten Patienten über Laptop zu behandeln, was sich nicht immer einfach gestaltet.
    Die Logopädin Iris Höfener versucht, ihren sprachlich stark beeinträchtigten Patienten über Laptop zu behandeln, was sich nicht immer einfach gestaltet. Foto: Wolfgang Sandler

    Betreiber von Praxen für sogenannte Heilberufe (Logo-, Ergo-, Physiotherapie) beklagen starke Einbrüche bei den Patientenzahlen wegen der Corona-Krise. Die Praxen zählen zu den systemrelevanten Berufen, wurden also nicht geschlossen. Die Patienten aber bleiben aus – viele von ihnen fürchten, dass sie sich mit dem Coronavirus (SARS-CoV-2) anstecken könnten. Logopädin Iris Höfener aus Bamberg, die zahlreiche schwer beeinträchtigte - den Begriff Behinderte verwenden Therapeuten nicht, wie Iris Höfener uns gleich zu Beginn des Gesprächs korrigiert - Patienten im Landkreis Haßberge betreut, versucht dieses Problem mit dem Einsatz von modernen Kommunikationsmitteln zumindest etwas abzufedern.

    Vor Corona empfing Iris Höfener die Patienten in ihrer Praxis oder besuchte sie zu Hause. "Ich betreue unterschiedliche Patienten, die schlecht sprechen können, sei es nach einer Tumor-Operation, einer degenerativen Erkrankung wie Parkinson oder nach einem Schlaganfall. Durch die Behandlung wird nicht nur die Sprache der Betroffenen, sondern vor allem auch ihr Sprachverständnis deutlich besser." Jeder Therapeut hat seine eigene Strategie, erklärt die Logopädin im Gespräch mit dieser Redaktion. "Ich arbeite häufig mit Texten", in denen Stellen für Begriffe freigelassen sind, die von den Patienten während des gemeinsamen Lesens mit der Therapeutin ergänzt werden müssen.

    "So bekommen die Patienten ein Stück ihrer Würde zurück."
    Iris Höfener, Logopädin

    "So bekommen die Patienten ein Stück ihrer Würde zurück", erklärt die Logopädin, die in den Methoden vieler Kliniken mit Bildchen das Risiko sieht, dass die Patienten bald die Lust an der Behandlung verlieren. "So etwas kann ich ganz am Anfang machen", aber dann müsse "die Herangehensweise erwachsenengemäß sein". Natürlich verstehen die Patienten die Texte nicht in Gänze. "Man muss sich das so vorstellen, wie wenn jemand Englisch spricht, aber nur ein bisschen. Er kann eine Unterhaltung führen, wenn er zumindest Schlüsselbegriffe erkennt und selbst verwenden kann." Iris Höfener arbeitet gerne mit Texten aus dem alltäglichen Leben, wenn die Patienten dazu bereit und in der Lage sind. Deshalb konnte es nicht ausbleiben, dass sich derzeit viele Texte mit dem Coronavirus beschäftigen.

    Ein schwer beeinträchtigter Patient versucht nach Anweisungen der Logopädin, die er über den Bildschirm eines Laptops erhält, ein Blatt mit vorgefertigten Übungstexten auszufüllen.
    Ein schwer beeinträchtigter Patient versucht nach Anweisungen der Logopädin, die er über den Bildschirm eines Laptops erhält, ein Blatt mit vorgefertigten Übungstexten auszufüllen. Foto: Wolfgang Sandler

    Die Logopädin verwendet bei solchen dem Zeitgeschehen aufgeschlossenen Patienten auch Texte aus der Zeitung. "Wenn ein Patient die Zeitung allein lesen wollte, würde er sich schwer tun. Genauso geht es ihm beim Fernsehen. Da gibt es oft zu schnell zu viele Informationen." Dadurch, dass der Patient in den Texten der Logopädin die gesuchten Begriffe selbst schreiben muss, "bleibt mehr hängen", sagt Iris Höfener. Aber auch hier bremst Corona. Viele ihrer Patienten sind nach ihrer Erkrankung halbseitig gelähmt, meist ist davon die rechte Körperhälfte betroffen. Das bedeutet, dass die ursprünglichen Rechtshänder erschwerend zu ihrer Behinderung mit links schreiben müssen. Eigentlich sollten sie den Text aber mit dem Finger beim Lesen gleichzeitig auf der Vorlage nachfahren. Alles zusammen ist für einen Patienten aber oft unmöglich. Und hier wird das Defizit der multimedialen Therapie ersichtlich. "Wenn ich persönlich bei meinem Patienten bin, dann kann ich sein Lesen mit meinem Finger begleiten."

    Schutzkleidung dringend benötigt

    Einer der Gründe, warum Iris Höfener nicht bei ihren Schützlingen sein kann, ist vor allem deren Panik vor einer drohenden Ansteckung. Fast alle Patienten gehören zu sogenannten Hochrisikogruppen und sind durch das Virus deutlich stärker gefährdet als große Teile der Bevölkerung. Sie scheuen deshalb noch mehr als die meisten ihrer Mitmenschen Besuche von außen oder gehen gar nicht außer Haus. Hier könnte die geeignete Schutzkleidung helfen, sagt Iris Höfener. Sie wäre dazu bereit, diese schweißtreibende "Rüstung" anzulegen, obwohl, wie sie aus eigener Erfahrung aus einer Hochrisiko-WG im Kreis Haßberge weiß, dass das  Tragen schnell  zur Tortur wird. Aber Logopäden gehören nicht zu den privilegierten Berufsgruppen und stehen bei der Bewilligung der nur schwer erhältlichen Schutzbekleidung nicht in der ersten Reihe.

    Webcams ausverkauft

    Also bleibt fast ausschließlich die Therapie über den Computer. Und hier lauert das nächste Problem. Es sind derzeit kaum Kameras zum Aufstecken auf die Monitore zu bekommen. Da die Bürger ja coronabedingt zu Hause bleiben müssen, wählen viele den Weg über Skype und ähnliche Kommunikationstools, um mit ihren Lieben weltweit in Kontakt bleiben zu können. Das heißt, Webcams teilen das Schicksal von Klopapier und sind weitgehend ausverkauft oder nur zu Wucherpreisen erhältlich. Da hilft nur noch ein Laptop, der über eine eingebaute Kamera verfügt. Dann muss der Bildschirm entweder so weit nach unten geklappt werden, dass die Therapeutin das Blatt und die Schreibversuche des Patienten verfolgen kann. Oder der Bildschirm muss so ausgerichtet sein, dass der Patient den Mund der Logopädin genau sehen kann. "Das kommt auf den einzelnen Patienten an", erklärt Iris Höfener.

    Tücken der Technik

    Dummerweise ist nicht jede der Therapieplattformen, die ihr zur Verfügung stehen und die auch den Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) entsprechen, "mit den Computern bei allen Patienten kompatibel". Die sind oftmals auch schon ein bisschen älter und "die lieben Enkel, die sonst gerne mal dem Opa in Sachen Computer unter die Arme greifen, fallen ja ebenfalls unter das Besuchsverbot", klagt die Logopädin. Deshalb könne es durchaus mal vorkommen, dass ein Patient "schon geschafft ist", bevor alles am Laptop rund läuft.

    "Die Patienten leiden emotional."
    Iris Höfener, Logopädin

    Die erfahrene Logopädin widerspricht auch entschieden den Verlautbarungen mancher Ärzte, dass ein Schlaganfallpatient nur in den ersten beiden Jahren nach dem Vorfall therapierbar sei. Ihr "treuester" Patient aus dem Landkreis Haßberge, den sie seit 16 Jahren betreut, habe erst nach einigen Jahren deutliche Verbesserungen gezeigt. Alleine schon deshalb, weil es eine gewisse Zeit dauere, bis der Betroffene seine neue Situation, sein neues Leben auch annimmt. In diesem Zusammenhang tut es Iris Höfener weh, wenn sie sieht, dass aufgrund der Einschränkungen durch Corona bei vielen Patienten ein Rückschritt festgestellt werden müsse. "Die Patienten leiden emotional."

    Ergänzung – kein Ersatz

    Nach Einschätzung der Therapeutin könnten vielleicht 20 Prozent der Behandlungen - das auch als Anregung für die Zeit nach Corona - ersatzweise über den Computer durchgeführt werden. Aber den Großteil der persönlichen Therapie kann der Bildschirm nur ergänzen, nicht ersetzen. Da die virusbedingten Beschränkungen nach den jüngsten Verlautbarungen der führenden Politiker noch eine Zeitlang andauern dürften, empfiehlt Iris Höfener Patienten, die eine logopädische Therapie brauchen, sich in den Praxen zu erkundigen, wo während der Coronakrise eine Videotherapie möglich ist. 

    Appell an die Politik

    Abschließend lässt aber Iris Höfener keinen Zweifel in ihrem Appell an die Politik: "Wenn wir die nötige Schutzkleidung hätten, könnten wir viel mehr für die Menschen tun, die es am dringendsten brauchen."

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