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    Kreis Haßberge

    Pflegekräfte: "Wir sind die Familie für die Bewohner"

    Pflegerin Victoria Meißner misst den Blutdruck einer Heimbewohnerin im Caritas-Altenservicezentrum St. Martin in Hofheim. Foto: Peter Schmieder

    Viel zu wenige junge Menschen wollen in der Altenpflege arbeiten. Der "Pflegenotstand", also der Personalmangel in diesen Berufen, ist mittlerweile zum Schlagwort geworden. Im Gespräch mit dieser Redaktion erzählen Auszubildende und frisch ausgelernte Pflegekräfte, wie sie ihren Beruf wahrnehmen und was sich ihrer Meinung nach ändern müsste. In einem sind sie sich einig: Die Gesellschaft hat ein ganz falsches Bild von ihrer Arbeit.

    "Wir sind nicht nur Arschabwischer", sagt Victoria Meißner. Die 36-Jährige hat vor einem halben Jahr ihre Ausbildung zur Fachkraft in der Pflege abgeschlossen und arbeitet nun im Caritas-Altenheim St. Martin in Hofheim. Ihr Interesse an einer Arbeit in der Altenpflege entstand bereits, als sie 17 Jahre alt war. Damals machte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Einrichtung in Bad Kissingen und hatte bereits Interesse an einer entsprechenden Ausbildung. Doch ihr damaliger Freund redete ihr das wieder aus. Als sie mit 21 Jahren Mutter wurde, war an eine Ausbildung erst einmal nicht zu denken, zumal sie lange Zeit alleinerziehend war, bis sie ihren jetzigen Mann kennenlernte. Einige Jahre arbeitete sie als Zimmermädchen, dann kam vom Arbeitsamt wieder das Angebot zu einer Pflegeausbildung. "Ich hab sofort ja gesagt", sagt Meißner.

    "Nonstop klingelt das Telefon"

    Zunächst wurde sie Pflegehelferin, gleich im Anschluss machte sie die Ausbildung zur Fachkraft. In ihrem Beruf muss sie sich um die Bewohner des Pflegeheims kümmern, ihnen das Essen bringen, Medikamente austeilen, mit Ärzten sprechen, die kommen, um die alten Menschen zu untersuchen - "und nonstop klingelt das Telefon", beschreibt sie, wie stressig die Arbeit manchmal sein kann. Grundsätzlich fielen ihr all diese unterschiedlichen Tätigkeiten leicht. Nur mit einem müsse sie noch lernen, richtig umzugehen: "Ich bin noch sehr aufgeregt in Notfall-Situationen", sagt die frisch ausgelernte Fachkraft; dabei geht es beispielsweise um Momente, in denen ein älterer Mensch stürzt oder die Gefahr besteht, dass jemand beim Essen ersticken könnte.

    Zwar ist auch die Körperpflege bei den Bewohnern ein Teil ihrer Arbeit, sie ist es aber leid, dass Pflegeberufe in der öffentlichen Wahrnehmung darauf reduziert werden. Ähnlich geht es Lena Hammerschmit. "Man wird oft so hingestellt, als würde man das machen, was keiner machen will, weil man es eben machen muss", sagt die 16-Jährige, die gerade ihre Ausbildung zur Altenpflegefachkraft im AWO-Seniorenzentrum in Knetzgau macht. Sie ist im ersten von drei Lehrjahren, im September hat sie mit der Ausbildung angefangen und ist mit großer Begeisterung dabei; gerade deshalb nervt es sie, wenn Leute glauben, sie würde in der Pflege arbeiten, weil sie keine andere Wahl gehabt hätte. Auch sie musste sich schon die Bezeichnung "Arschabwischerin" anhören, ebenso wie den häufigen Satz: "Oh, das könnte ich aber nicht." Sie selbst betont: "Ich mach's gern. Wenn's andere nicht gern machen, sollen sie's lassen." Hammerschmit sagt, Pflegeberufe sollten in der Gesellschaft positiver angesehen werden, als es momentan der Fall ist.

    Gesamtbild muss sich ändern

    Das sehen auch Theresa Bayer (20) und Katja Pfaff (44) so. Beide sind im dritten Lehrjahr im Hans-Weinberger-Haus, das die AWO in Zeil betreibt. "Viele reduzieren das auf die Körperpflege", sagt Pfaff, und Bayer meint: "Das Gesamtbild müsste verändert werden." Was dabei oft übersehen wird, ist eine wichtige Aufgabe der Pflegekräfte, die alle Befragten ansprechen: Sie sind die wichtigsten Ansprechpartner und Bezugspersonen für die Bewohner. "Wir sind für die Leute da. Wir sind alles, was sie haben. Wir sind die, die Sachen mit ihnen durchstehen", sagt Theresa Bayer. Die Zuneigung, die dabei entstehen kann, ist keine Einbahnstraße. So wird in den Gesprächen klar, dass auch manche Pfleger eine enge emotionale Bindung zu den Heimbewohnern aufbauen können. "Das hätte ich anfangs auch nicht gedacht", gibt Lena Hammerschmit zu. So sagt sie auch über Sterbefälle: "Man muss erst einmal kopftechnisch damit klarkommen." Victoria Meißner berichtet: "Wir sind die Familie für die Bewohner. Und wir bauen auch Beziehungen zu ihnen auf." So fließe bei ihr auch mal eine Träne, wenn ein Heimbewohner stirbt, den sie besonders gern hatte.

    Katja Pfaff übt in diesem Zusammenhang auch Kritik an zahlreichen Angehörigen. Sie ist der Meinung, viele ältere Menschen würden in die Heime "abgeschoben" und dann kaum noch besucht. Ganz anders sieht das dagegen Victoria Meißner: "Ich möchte keinem Angehörigen etwas unterstellen. Es gibt immer Gründe, warum man jemanden ins Heim gibt." So äußert sie durchaus Verständnis dafür, dass Menschen sich auch um sich selbst und ihre eigene Familie kümmern müssen. Sie ist überzeugt: "Viele würden auch öfter kommen, wenn sie könnten." Aber oft ließen das eben die Lebensumstände und die Arbeit nicht zu - und gerade die Arbeit sei ja oft auch wichtig, um überhaupt den Heimplatz finanzieren zu können.

    Dankbarkeit für die Hilfe

    Etwas, das alle Befragten gemeinsam haben, ist, dass sie sich in ihrem Beruf wohlfühlen - sowohl weil er ihnen Spaß macht, als auch, weil sie das Gefühl haben, etwas Sinnvolles zu tun. So berichtet Lena Hammerschmit, dass zwar der Schulstoff, den sie lernen muss, schwerer sei, als sie ursprünglich gedacht hatte, die Arbeit selbst habe sie aber stressiger erwartet. "Es ist eine Arbeit, bei der man Spaß hat, sich unterhalten kann und nicht vor Maschinen sitzt", sagt sie. Sie selbst habe sich für diesen Beruf entschieden, weil sie Menschen helfen wolle. Gerade deshalb sei sie zu den älteren Menschen gekommen, "die die Hilfe meistens auch dankbar annehmen".

    Sowohl bei ihr als auch bei Theresa Bayer hatte der Weg in die Pflegeausbildung mit einem Praktikum angefangen, wodurch beide sofort überzeugt waren, den richtigen Beruf gefunden zu haben. Katja Pfaff betont zudem, dass es ihr wichtig war, die komplette Pflege übernehmen zu können. "Pflegehelferin hätte mir nicht gereicht", betont sie.

    Keine Arbeit mit Maschinen

    Und was sagen die vier zum vielzitierten Pflegenotstand und seinen Ursachen? "Man kann mit dem Gehalt anfangen; dass es für diese Arbeit etwas mehr sein darf", sagt Lena Hammerschmit. Den Hauptgrund dafür, dass es schwierig ist, Nachwuchs für die Pflegeberufe zu finden, sehen die vier Frauen aber offenbar nicht in der Bezahlung. Victoria Meißner sagt sogar: "Viele reiten auf dem Gehalt rum, aber ich bin eigentlich zufrieden." Das liege auch daran, dass sie zuvor in einem wesentlich schlechter bezahlten Job gearbeitet hatte. Ihrer Meinung nach müsste vor allem der Pflegeschlüssel geändert werden, so dass die Mitarbeiter mehr Zeit für die alten Menschen haben. Es breche ihr das Herz, wenn ihr die Bewohner sagen, dass sie sich mehr Zuwendung wünschen. "Wir arbeiten mit Menschen und nicht mit Maschinen. Das müsste die Politik einsehen."

    So sehen beispielsweise Theresa Bayer und Katja Pfaff ein Problem in der aus ihrer Sicht übertriebenen Dokumentationspflicht. Es gehe durch die Pflicht zu genauen Aufzeichnungen oft zu viel Zeit verloren, die eher benötigt werde, um sich um die Bewohner zu kümmern.

    Ein Umdenken müsse es aber nicht nur in der Politik geben, sondern auch in den Schulen, findet Victoria Meißner. "Man muss nicht jeden durch die Ausbildung ziehen", meint sie und berichtet, sie habe in der Einrichtung schon Praktikanten erlebt, von denen sie selbst sicher nicht gepflegt werden wolle. "Man muss mit dem Herz dabei sein, sonst ist man an der falschen Stelle in dem Beruf."

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