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    Kreis Haßberge

    Sabine Dittmar zu Corona: Vorsicht, aber keine Panik

    Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD im Bundestag, Sabine Dittmar, äußert sich zu Vorsichtsmaßnahmen, Soforthilfen und Fehlern der Politik.
    Sabine Dittmar, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag, mahnt in der Corona-Krise zur Vorsicht, warnt aber auch vor Panikmache.
    Sabine Dittmar, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag, mahnt in der Corona-Krise zur Vorsicht, warnt aber auch vor Panikmache. Foto: Jochen Reitwiesner

    Panikmache oder echte Bedrohung? Während ein Teil der Bevölkerung Vorräte für eine mögliche Quarantäne hortet und Massen an Desinfektionsmittel und Schutzmasken kauft, sprechen andere von Panikmache, schimpfen darüber, dass durch abgesagte Veranstaltungen und geschlossene öffentliche Einrichtungen das öffentliche Leben in Deutschland zum Erliegen gekommen ist, und halten die ganze Welt für verrückt. Doch wie groß ist die Gefahr wirklich, die vom Coronavirus ausgeht? Wir haben Sabine Dittmar, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD im Bundestag, dazu gefragt.

    "Es ist kein Grund zur Panik, aber man sollte auch nicht leichtfertig damit umgehen", sagt Sabine Dittmar. Die studierte Medizinerin arbeitete als Ärztin, bevor sie diesen Beruf zu Gunsten der Politik aufgab. Seit 2013 sitzt sie für die SPD im Bundestag. Zudem ist die Politikerin aus dem Wahlkreis Bad Kissingen gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion; eine Aufgabe, wegen der sie gerade in den vergangenen Tagen häufiger auch in Fernsehinterviews zum Coronavirus zu sehen war.

    Hygiene sollte immer gelten

    "Man sollte die Hygiene-Richtlinien einhalten, die ja eigentlich immer gelten sollten", sagt sie im Gespräch mit dieser Redaktion. Händewaschen gehört dazu, und das entsprechend lang und gründlich. Experten empfehlen als Richtwert etwa die Zeit, die es dauert, einmal das Vaterunser zu beten oder zweimal "Happy Birthday" zu singen. Es sei sowieso immer wichtig, sich regelmäßig die Hände zu waschen, sagt Dittmar. Und in Zeiten einer solchen Pandemie noch etwas öfter.

    Denn im öffentlichen Raum gibt es zahlreiche Dinge, die ständig von verschiedenen Menschen angefasst werden, die darauf Krankheitserreger hinterlassen; von der Türklinke bis zur Tastatur eines Geld- oder Fahrkartenautomaten.

    Schilder mit der Aufschrift 'Achtung Bitte Hände desinfizieren'  finden sich derzeit allerorts. 
    Schilder mit der Aufschrift "Achtung Bitte Hände desinfizieren"  finden sich derzeit allerorts.  Foto: Sebastian Kahnert

    Außerdem empfiehlt Dittmar, in die Armbeuge zu niesen. Früher galt meist die Ansage: Hand vor den Mund! So sollten die Tröpfchen nicht in die Luft gelangen, wo sie von anderen Menschen eingeatmet werden. Doch das Niesen in die Hand hat einen entscheidenden Nachteil: Danach kleben die Erreger an den Händen, mit denen Menschen häufig Dinge anfassen, die später auch von anderen berührt werden. Deshalb empfehlen Mediziner mittlerweile, die Tröpfchen eher mit dem Arm aufzufangen als mit der Hand. "Aber auch das sollte eigentlich immer gelten", sagt Dittmar; nicht nur in Zeiten von Corona. Tatsächlich hat die Corona-Krise auch dazu beigetragen, dass dieses Verhalten immer häufiger zu beobachten ist.

    Zwei Meter Abstand

    Ein weiterer Rat: Abstand halten, besonders wenn man im öffentlichen Raum jemanden niesen hört. "Ab zwei Metern können die Tröpfchen nicht mehr viel ausrichten." Im Moment gehe es vor allem darum, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

    Manche Virologen gehen ohnehin davon aus, dass ein Großteil der Bevölkerung das Virus früher oder später bekommen wird. Aus Sicht dieser Experten kann das auch die Einschränkung von Sozialkontakten gar nicht mehr verhindern. Diese könne lediglich einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Ausbreitung zeitlich zu entzerren, so dass die Menschen eher nacheinander als zeitgleich erkranken. So lasse sich zumindest sicherstellen, dass genug Krankenhausbetten zur Verfügung stehen und sich die Ärzte auch um die Patienten kümmern können.

    Wer Niesen oder Husten muss, sollte das in die Armbeuge tun. So kann die  Verbreitung des Coronavirus über die Hand verhindert werden. 
    Wer Niesen oder Husten muss, sollte das in die Armbeuge tun. So kann die Verbreitung des Coronavirus über die Hand verhindert werden.  Foto: Patrick Pleul

    Sabine Dittmar erklärt, das Ziel sei nun vor allem, die Risikogruppen zu schützen. Wenn sich ein ansonsten gesunder Mensch mittleren Alters infiziert, sind die Gefahren für ihn selbst überschaubar, die Krankheit dürfte kaum schlimmer verlaufen als eine schwerere Erkältung. Problematisch ist allerdings, dass er die Erreger damit weiter verbreiten und andere Menschen anstecken kann – am Ende vielleicht auch ältere Menschen oder Leute mit Vorerkrankungen, für die das Coronavirus tatsächlich lebensbedrohlich ist.

    Was wird aus den Freiberuflern?

    Ganz andere Sorgen machen sich zur Zeit allerdings viele Freiberufler. Für so manchen Bühnenkünstler –vom Schauspieler über den Kabarettisten bis zum Musiker – brechen durch die Absage von Veranstaltungen für mehrere Wochen 100 Prozent der Einnahmen weg. Auch Busunternehmen, Einzelhandel, Friseurläden, Gastronomie, die gesamte Tourismusbranche und viele andere haben massive Verdienstausfälle zu beklagen. Nicht jeder hat die Rücklagen, um eine solche Zeitspanne zu überbrücken.

    Sabine Dittmar berichtet, in der Bundesregierung würden bereits Finanzminister Olaf Scholz, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Arbeitsminister Hubertus Heil eng zusammenarbeiten, um "schnelle Hilfen" anbieten zu können. "Das Geld ist da", sagt sie. Nun müsse geklärt werden, wie und nach welchen Kriterien es ausgeschüttet wird.

    Allerdings habe die Corona-Krise auch einige Defizite in den Regelungen zum Umgang mit solchen Krankheiten gezeigt. "Hier besteht Handlungsbedarf. Da müssen wir gesetzgeberisch tätig werden", sagt Dittmar. Ein Problem sieht die SPD-Politikerin vor allem in der Aufgabenverteilung. So ist das Infektionsschutzgesetz zwar Teil der Bundesgesetzgebung, umsetzen müssen es aber die Länder. So gut sie Föderalismus in anderen Bereichen finde: "Hier bräuchten wir Stellschrauben vom Bund."

    Mangelndes Verständnis bei Arbeitgebern

    Ein weiteres Defizit der deutschen Gesetzgebung, das die Corona-Krise aufgezeigt hat, betrifft den Umgang mit Arbeitnehmern, deren Kinder zuhause bleiben müssen und in einem Alter sind, in dem man sie nicht alleine lassen kann. Zwar sind Arbeitgeber verpflichtet, ihren Mitarbeitern frei zu geben, wenn deren Kinder krank sind. Doch wenn ein Kind sicherheitshalber in Quarantäne muss oder ein Kindergarten geschlossen bleibt, haben Eltern keinen Rechtsanspruch darauf, zuhause zu bleiben; sie müssen auf das Verständnis des Arbeitgebers hoffen.

    In den letzten Wochen berichteten zahlreiche verzweifelte Eltern in den sozialen Medien über "uneinsichtige Chefs". Dort bekamen sie zwar Zuspruch und Mitleid, die Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen bleibt dennoch. Nach Ansicht der Medizinerin Sabine Dittmar könne ein Arzt allerdings in einem solchen Fall durchaus einen Kinderkrankenschein ausstellen. "Ich hätte das mit meinem Ethos schon vereinbaren können."

    Gut sei in diesem Zusammenhang, dass mittlerweile vieles per Telefon erledigt werden kann, so beispielsweise auch die Bestätigung der Arbeitsunfähigkeit. Auch das ist eine Reaktion auf die aktuelle Situation, in der persönliche Kontakte so weit wie möglich vermieden werden sollen. Und so lautet auch der Rat, den Sabine Dittmar Menschen gibt, die bei sich selbst Corona-Symptome feststellen: "Gehen Sie nicht unmittelbar in eine Praxis oder ins Krankenhaus." Wichtig sei, erst anzurufen und die Anweisungen zu befolgen, um zu verhindern, dass Ärzte und Pfleger mit dem Virus infiziert werden.

    'Kinderbetreuung ab sofort' bietet eine Frau mit einem Aushang auf einem öffentlichen Platz an. Schulen und Betreuungseinrichtungen für Kinder sind in Zeiten des Coronavirus weitgehend geschlossen. 
    "Kinderbetreuung ab sofort" bietet eine Frau mit einem Aushang auf einem öffentlichen Platz an. Schulen und Betreuungseinrichtungen für Kinder sind in Zeiten des Coronavirus weitgehend geschlossen.  Foto: Frank Rumpenhorst
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