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    HAßFURT

    Staatsanwalt: Seit Jahren ohne Führerschein gefahren

    Ohne Fahrerlaubnis habe der Angeklagte (50) zwischen Mai 2017 und Februar 2019 mindestens 92-mal einen Pkw gesteuert, sagte der Staatsanwalt, als er die Anklage verlas. Die Nachbarn des gelernten Kfz-Mechanikers bestätigten im Zeugenstand übereinstimmend, dass der Mann seit vielen Jahren fast täglich in sein Fahrzeug steige. Da der Betroffene alles abstreitet und behauptet, in der fraglichen Zeit dauerhaft in Spanien gewohnt zu haben, wurde der Prozess erst mal abgebrochen. Das Gericht legte einen Fortsetzungstermin in zwei Wochen fest.

    Weil er metallisch klirrende Fußschellen trug, gelangte der Beschuldigte nur langsamen Schrittes in den Haßfurter Gerichtssaal. Zwei Justizbeamte begleiteten den bereits seit acht Monaten in der Justizvollzugsanstalt in Kronach sitzenden Schwarzfahrer. Weshalb er diese Freiheitsstrafe absitzen muss, wird die Öffentlichkeit erst beim Fortsetzungstermin erfahren, weil dann das Vorstrafenregister verlesen wird.

    Die jetzt verhandelte Anklage stützt sich vor allem auf die schriftlichen Aufzeichnungen von zwei älteren Nachbarn. Im Zeugenstand erklärten ein pensionierter Zollbeamter und dessen Frau, dass der Angeschuldigte im Sommer 2016 mit seiner Lebensgefährtin in das Nachbarhaus eingezogen sei. Das Anwesen liegt in einem kleinen Dorf im nördlichen Bereich der Haßberge. Von Anfang an sei mit dem Neuen nicht gut Kirschen essen gewesen, so der Zeuge. Ärger habe es vor allem mit dessen beiden riesigen, aggressiven Doggen gegeben. Die Hunde seien nicht ausgeführt worden und die Kinder, die ihre Großeltern besuchen wollten, hätten sich gefürchtet und seien nur über den Hintereingang gekommen.

    Als die Senioren dann beobachtet hätten, dass ihr neuer Nachbar des Öfteren die Nummernschilder von einem Auto abgeschraubt und an einem anderen befestigt habe, dämmerte ihnen, dass die ganze Sache nicht koscher sei. Von da an informierten sie die Polizei und führten Listen. Darin dokumentierten sie per Datum und Uhrzeit, wenn der Mann wegfuhr oder zurückkam. Seine Aufzeichnungen, betonte der ehemalige Beamte, seien „hieb- und stichfest“. Wenn er sich einmal nicht sicher gewesen sei, hätte er sein Opernglas genommen und sich Gewissheit verschafft.

    Der in dieser Angelegenheit ermittelnde Polizist gab zu Protokoll, dass dem Angeklagten bereits im April 2004 die Fahrerlaubnis endgültig entzogen worden sei. Als er einmal den Schwarzfahrer inflagranti erwischte, habe dieser ihm die Kopie eines peruanischen Führerscheins gezeigt und behauptet, dass sich seine deutsche Fahrerlaubnis beim Konsulat befindet, was sich als Lügenmärchen herausgestellt habe.

    Angesichts einer Flut von Briefpost des Angeklagten aus dem Gefängnis sprach Amtsrichterin Ilona Conver von „hanebüchenen Anträgen“. Selbst Rechtsanwalt Willy Marquardt gab an, dass in diesem Fall eine zielgerichtete Verteidigung nur schwer möglich sei. Er habe den Eindruck, dass bei seinem Mandanten die „Grenzen zwischen Realität und Wunschdenken mitunter verwischt“ seien. Trotzdem nahm er das von dem Angeklagten vorgebrachte Alibi ernst. Dieser behauptete, von Mai 2017 bis Juli 2018 dauerhaft in Spanien gewohnt zu haben. Er benannte auch zwei spanische Zeugen, die das angeblich bestätigen könnten.

    Der Vorsitzenden kamen die Angaben des Mannes aber spanisch vor und sie äußerte erhebliche Zweifel an dem Alibi. Insofern war sie nicht gewillt, Zeugen von der iberischen Halbinsel vorzuladen. Vielmehr will sie bei dem Fortsetzungstermin die Ex-Freundin und weitere Zeugen verhören. Vielleicht fällt dann das Alibi wie ein Kartenhaus in sich zusammen. (mwa)

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