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    ZEIL

    Streiflicht: Wenn ein falscher Neffe anruft

    Kommentar: Was vereint Haßfurt, Theres und Königsberg?
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    Oma Sabine meldet sich am Telefon. Es hat geklingelt. Logisch, sonst bräuchte sie ja nicht ranzugehen. Die rüstige Rentnerin freut sich. Ihr Neffe Fabian ruft an. Der hat sich ja schon lange nicht mehr gemeldet. Das ist aber schön. Der war ja nicht mal bei ihrer Goldenen Hochzeit da, erst recht nicht bei ihrem 80. Geburtstag oder dem vom Opa. Und was noch schöner ist, Fabian will sie in Zeil besuchen kommen.

    „Ich kann was backen“, sagt Oma Sabine, denn der Neffe verspricht, zum Kaffee vorbeizukommen. Aber Fabian wehrt ab. Natürlich bringt er den Kuchen mit, das sei doch selbstverständlich, wo er sich ja so lange nicht hat sehen lassen. „Ich kann auch Deine Cousine Kerstin dazu einladen“, schlägt Oma Sabine vor. „Die hat Dich ja auch schon lange nicht mehr gesehen.“ Dieser Vorschlag stößt aber auf keine große Gegenliebe. Am liebsten möchte Fabian vielleicht doch mit Oma Sabine alleine feiern, Opa Hermann vielleicht noch dazu, das reicht.

    Die Freude der Oma bekommt aber einen herben Dämpfer, als Fabian ihr eröffnet, dass er momentan ein paar Probleme hat. Eine kleine Finanzspritze der Oma, also seiner Tante, würde ihm da sehr weiterhelfen. Oma Sabine ist eine hilfsbereite Frau, die keinen Bedürftigen von der Türe weisen würde, aber sie ist deshalb nicht verblendet. Ausgerechnet Fabian bittet sie um Geld? Davon hat der doch selber genug, er ist ein Unternehmer mit einer sehr gut gehenden Firma. Der braucht ihr Bisschen Rente bestimmt nicht. Sollte hier gar etwas nicht mit rechten Dingen zugehen?

    Also teilt sie ihm kurzerhand mit, dass sie sich freuen würde, ihn zum Kaffee in Zeil begrüßen zu können. Aber mit einem Darlehen wird's nichts. Kuchen: ja – Kohle: nein!

    Es muss an dieser Stelle wohl nicht eigens erklärt werden, dass der vermeintliche Fabian ab diesem Moment nun doch keine rechte Lust mehr auf ein Wiedersehen hatte. Und er wird wohl auch kein Gebäck mitbringen.

    Oma Sabine hat richtig reagiert und auch eine gesunde Portion Glück gehabt. Wer weiß, wie der Anrufer auf den Namen des Neffen Fabian kam? Vielleicht hatte er es seinem vermeintlichen Opfer durch geschickte Gesprächsführung selbst entlockt. Dumm gelaufen für ihn, dass er sich dabei ausgerechnet den Verwandten der Oma ausgesucht hat, der am wenigsten Geld benötigen würde.

    Spinnen wir den Fall einmal weiter. Wenn Oma Sabine voller Freude, einem in Not geratenen Verwandten helfen zu können, zugestimmt hätte, dann würde sie doch den Betrüger erkannt beziehungsweise eben nicht erkannt haben, möchte man meinen. Demzufolge wäre dann ein anderer Mann in Zeil aufgetaucht und hätte irgendeine Räuberpistole zum Besten gegeben. Etwa Neffe Fabian hatte einen Unfall, kann nicht selbst kommen, da er auf der Intensivstation liegt, und er braucht das Geld nun dringender als je zuvor.

    Also hätte die Oma dem hilfsbereiten Kurier bereitwillig die Scheine für den guten Zweck ausgehändigt und schon hätte der Enkeltrick wieder einmal funktioniert und ein Rentnerehepaar um die sauer verdienten Ersparnisse betrogen. Dass es in Zeil dieser Tage nicht so weit kommen konnte, ist der Hartnäckigkeit von Oma Sabine und einem glücklichen Zufall zu verdanken. Der daraufhin kontaktierte echte Neffe Fabian hat übrigens inzwischen zugesagt, seine Tante endlich wieder einmal zu besuchen. Und er will Kuchen mitbringen...

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