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    HAßFURT

    Verblüffte Zeugen: Misshandelte Frau schützt ihren Peiniger

    Ein 37-jähriger Hilfsarbeiter stritt sich mit seiner Freundin, schlug ihr dabei mehrmals ins Gesicht und zog an ihren Haaren – am helllichten Tag auf offener Straße. Unbeteiligte Zeugen holten daraufhin die Polizei.

    Ungewöhnlich ist in diesem Fall, dass das Opfer, eine 40-jährige Frührentnerin, ihren Peiniger nach Kräften in Schutz nahm und alles abstritt und verharmloste. Die vorsätzliche Körperverletzung führte zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe, die – trotz Bedenken der Strafrichterin Ilona Conver – zur Bewährung ausgesetzt wurde.

    Der unrühmliche Vorfall ereignete sich am 1. Dezember letzten Jahres. Der Angeklagte war kurz vor Mittag mit seiner Lebensgefährtin in einer Kleinstadt im Maintal unterwegs. Worüber sich die beiden damals stritten, daran konnte sich vor Gericht niemand mehr erinnern. Erwiesen ist aber, dass der Arbeitslose bereits um diese Tageszeit einen Alkoholwert von rund 3,5 Promille hatte.

    Abenteuerliche Geschichte

    Der Beschuldigte präsentierte eine abenteuerliche Version von dem, was an diesem Dezembertag abgelaufen sei, und stellte sich als Unschuldslamm dar. Er behauptete, „im Reflex“ zugeschlagen zu haben, weil sich in den Haaren seiner Freundin eine Wespe verfangen hatte. Gleich darauf habe er sich entschuldigt. „Es war ein einziges Missverständnis“, erklärte er. Und er fügte hinzu: „Ich liebe diese Frau über alles!“

    Die Geschlagene versuchte im Zeugenstand, den Mann nach Kräften zu entlasten. Es habe zwar eine Meinungsverschiedenheit gegeben und ihr Partner habe ihr eine Ohrfeige verpassen wollen. „Er hat mich aber nicht richtig erwischt, sondern nur gestreift“, meinte sie lapidar.

    In einem vorbeifahrenden Auto befanden sich drei Frauen, die ihren Augen nicht trauten, als sie die Szenen sahen. Aufgeregt diskutierten sie miteinander, was sie angesichts der unglaublichen Übergriffe des Beschuldigten tun sollten. Eine von den drei Frauen war dermaßen fix und fertig, dass sie nur noch losheulen konnte.

    Fahrerin zeigt Zivilcourage

    Schließlich zeigte die 31-jährige Fahrerin eine gehörige Portion Zivilcourage. Sie stoppte, kurbelte die Autoscheibe runter und forderte den Täter auf, sofort aufzuhören. „Andernfalls rufe ich die Polizei!“, warnte sie ihn. Der Angesprochene reagierte darauf nur mit wüsten Beschimpfungen.

    Unwirsch und mit drohendem Ton unterbrach der Angeklagte im Gerichtssaal die Frauen und versuchte sie lautstark einzuschüchtern: „Erzähl keinen Scheiß – Alles erstunken und erlogen!“, fuhr er einer Zeugin über den Mund. Daraufhin platzte der Vorsitzenden der Kragen und sie verhängte ein Ordnungsgeld von 100 Euro gegen den Angeklagten. Für den Fall, dass er nicht zahlt, muss er ersatzweise drei Tage in Ordnungshaft.

    Elf Vorstrafen

    Als die elf Vorstrafen des Hilfsarbeiters verlesen wurden, erhielt man einen tiefen Einblick in dessen kriminelle Vergangenheit. Anfangs waren es hauptsächlich Diebstähle, aber mit der Zeit kam es zu zahlreichen Körperverletzungen und einmal überfiel er sogar eine Tankstelle. Der „schwere Junge“, der unter einem massiven Alkoholproblem leidet, sammelte ausgiebig Knasterfahrungen, letztmals saß er 2014 hinter Gittern.

    Für die nun verhandelte Gewalttätigkeit beantragte der Staatsanwalt eine dreimonatige Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Die Vorsitzende billigte dem Angeklagten die Bewährung jedoch schweren Herzens zu, weil sie „minimale Hoffnungsschimmer“ sah und das Opfer keinerlei Interesse an einer Strafverfolgung ihres Peinigers zeigte. Zusätzlich muss sich der Verurteilte bei einem Bewährungshelfer melden und vier Termine bei der Suchtberatung der Caritas vereinbaren.

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