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    HELLINGEN

    Vom Federvieh fasziniert

    Blanka Kettler und ihre Enkelkinder Maximilian, Patrizia und Antonia beim Vorbereiten der Eier. Noch ein paar Augenblicke und dann wandern die Eier verschiedener Geflügelrassen in den Brutautomaten. Foto: Alois Wohlfahrt

    „Tschüüüüss, bis 21 Tage“ – die Verabschiedung kommt unisono und es klingt richtig wehmütig. Maximilian, Patrizia und Antonia werfen noch einen letzten Blick auf die Ablage aus Metall. Auf der liegen Eier in allen Variationen. Dann schiebt Blanka Kettler die Ablage in den Brutautomaten. Und, obwohl sie dies schon so oft gemacht hat, ist der Bäuerin deutlich anzumerken, wie sehr es sie berührt, dass selbst Maximilian mit seinen vier Jahren mit Leib und Seele dabei ist. Sie freut es einfach, „wenn man sieht, wie sehr Kinder zu begeistern sind“. Und nicht nur ihre drei Enkel. Schon seit ein paar Jahren hat sie bei jungen Familien einen Trend ausgemacht: Sie wollen selbst ein paar Hühner halten, „weil sie sehen wollen, woher ihre Lebensmittel kommen“.

    Der Bauernhof als Klassenzimmer

    Dass die Hellinger Bäuerin diesen Eindruck gewonnen hat, kommt nicht von ungefähr. Seit rund zwei Jahrzehnten ist der Hof von Blanka und Rainer Kettler „Schulbauernhof“ – er gehört zu dem bayernweiten Projekt „Bauernhof als Klassenzimmer“.

    Rund 1200 Schülerinnen und Schüler, aber auch Kindergartenkinder führt sie jedes Jahr durch ihre Geflügelzucht. Fast drei Dutzend Rassen sind auf dem Hof der Kettlers zuhause – rund 200 Hühner, Gänse, Enten und Tauben können die Besucher bewundern.

    Und nicht nur auf dem Hof in Hellingen, sondern auch auf Ausstellungen. Mit etlichen Preisen wurde ihr Federvieh schon ausgezeichnet. Die Begeisterung für die Geflügelzucht hat sie aber auch weitergegeben – an ihre drei Töchter, berichtet die 51-Jährige. Auch bei der nächsten Generation sind inzwischen richtige Geflügelzucht-Begeisterte herangewachsen. Antonia hat mit ihren acht Jahren schon eine Bayerische Meisterschaft errungen. Und der kleine Maximilian ist ebenfalls schon Bayerischer Meister und Champion geworden.

    Den besonderen Augenblick miterleben

    Begeisterung bei den Besuchern für die Geflügelzucht wecken, das will aber auch gut vorbereitet sein. Im Mittelpunkt dabei: genau der Apparat, vor dem sich ihre drei Enkel von den Eiern verabschiedeten, der Brutautomat. „Ich lege die Eier immer so in den Automaten, dass die Küken schlüpfen, wenn dann auch Schulklassen kommen. Damit sie diesen besonderen Augenblick miterleben können“, berichtet Kettler.

    37,8 Grad Celsius herrschen im Automaten. Acht Tage lang lässt sie die Eier dort erst einmal ruhen. Dann streicht sie mit feuchten Händen zwei bis drei Mal am Tag über die Eier und wendet sie. 21 Tage dauert es bei Hühnern, bis dann der Nachwuchs aus dem Ei kommt. 28 bis 35 Tage bei den Enten, je nach Rasse, und 28 bis 30 Tage bei den Gänsen. „Die Brut im Automaten wird so nachvollzogen, wie es in der Natur die Henne macht“, beschreibt es Blanka Kettler ihren Enkeln. Dazu gehört auch, dass die Eier mitunter einmal ein wenig abkühlen dürfen, weil nun mal die Henne in der Natur auch von den Eiern geht, um etwas zu fressen.

    Besonderes Interesse junger Familien

    Hühner halten, das bedeutet auch, sich kümmern müssen. Und daran haben offenbar in den vergangenen Jahren gerade junge Familien Interesse gefunden, berichten Kettler und auch der Vorsitzende des Geflügelzuchtvereins Ibind und Umgebung, der Hofheimer Rupert Bockelt. Seit vielen Jahren ist Kettler Mitglied des Hofheimer Vereins, sie betreut auch die Vereinsjugend. „Junge Familien wollen wieder Hühner halten, um eigene Eier zu produzieren, sie wollen sehen, wo ihr Lebensmittel herkommt“, ist die Einschätzung von Bockelt.

    Viele junge Familien sind in den Verein eingetreten, berichtet Blanka Kettler, etwa 50 Prozent der neuen Mitglieder sind laut Bockelt junge Familien. Insgesamt hat der Verein rund 170 Mitglieder. Allein vergangenes Jahr traten fünf junge Familien bei, so Bockelt.

    Das Problem bei aller Euphorie für die Geflügelhaltung: Nicht jeder kann Hühner halten, wie er will und wo er will, so Bockelt. Zum einen nennt er es wichtig, sich vorher bei der jeweiligen Kommune zu erkundigen, ob dies im speziellen Fall auch möglich ist, zum anderen gilt es auch die Vorgaben des Veterinäramtes zu erfüllen. Und außerdem, um möglichen Ärger zu vermeiden: Auch mit den Nachbarn darüber reden. Bei der Auswahl und auch dann, wenn das Federvieh Einzug gehalten hat, leiste der Verein gerne Hilfestellung, so Bockelt.

    Eine spezielle Erlaubnis, um eine geringe Anzahl von Hühnern zu halten braucht es auf alle Fälle nicht – „bis zu 20 Kleintiere sind baurechtlich kein Problem“, sagt auf Anfrage Andreas Dellert von der Verwaltungsgemeinschaft Hofheim auf Anfrage der Redaktion. Dies gilt zumindest für „allgemeine Wohngebiete“, also in Gebieten, in denen etwa auch Läden und Handwerksbetriebe erlaubt sind.

    Genauer hinschauen müsse man allerdings in „reinen Wohngebieten“. Doch die sind etwa im Hofheimer Bereich eher die Ausnahme.

    Nur ein Formblatt und das war's

    Was zukünftige Hühnerhalter auf jeden Fall beachten müssen: es muss die Hühnerhaltung beim Veterinäramt und auch beim Amt für Landwirtschaft angezeigt werden, so Dr. Werner Hornung vom Veterinäramt in Haßfurt. Er nimmt allerdings die Angst davor: „Das ist nur ein Formblatt und das war's“. Also „keine große Verwaltungssache“. Auch Beiträge für die Tierseuchenkasse seien bei dieser geringen Hühnerzahl nicht fällig. Dennoch müssten auch die Halter von so kleinen Beständen die Vorgaben der Geflügelpestverordnung strikt einhalten.

    Wie sehr junge Familien Freude an den neuen, gefiederten Familienmitgliedern empfunden haben, das hat Blanka Kettler im vergangenen Jahr immer wieder erfahren. Sogar Bilder vom Nachwuchs auf den Hühnerhöfen wurden ihr gemailt. Und noch eine besondere Erfahrung hatten etliche Familien gemacht: die Kinder kamen von der Schule und das erste, was sie machten, war der Weg zum Federvieh, um sich um die Tiere zu kümmern.

    Was wird nun weiter aus den Eiern im Brutautomaten von Blanka Kettler? In den nächsten Wochen begleiten wir unter dem Motto „vom Ei zur Henne“ den gefiederten Nachwuchs auf dem Hof der Kettlers – in Bildern, wie auch mit kleinen Videos.

    Vielfalt in Ei-Form: zig Hühnerrassen haben auf dem Hof der Familie Kettler in Hellingen ein Zuhause. Und entsprechend vielfältig sind auch die Eier, die in den Brutautomaten wandern. Foto: Alois Wohlfahrt

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