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    HAßBERGKREIS

    Von der „Fabrikarbeit“ in die eigene Praxis

    Groß ist die Freude bei Landrat Wilhelm Schneider (2. von rechts) darüber, dass es mit Dr. Elena Popa (links) und Dr. Boris Bauer (rechts) nun wieder zwei Hautärzte im Landkreis Haßberge gibt. Unterstützung auf dem Weg in die Selbstständigkeit erhalten die Ärzte von der Kassenärztlichen Vereinigung, vertreten durch Dr. Gunther Carl (2. von links). Foto: Peter Schmieder

    Gut ein halbes Jahr lang mussten die Menschen im Landkreis Haßberge ohne einen Hautarzt vor Ort auskommen – wer ein dermatologisches Problem hatte, musste zu einem Arzt in einem der Nachbarlandkreise fahren. Diese Zeiten sind nun vorbei: Gleich zwei Hautarztpraxen eröffnen in diesem Jahr im Landkreis. Am Mittwoch stellten sich die beiden neuen Ärzte im Landratsamt offiziell vor. So wird Dr. Boris Bauer die Uniklinik Würzburg verlassen und eine Praxis in Haßfurt eröffnen, Dr. Elena Popa, die bis vor kurzem noch in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) arbeitete, behandelt seit dieser Woche – wie bereits berichtet – Patienten in ihren Praxisräumen in Eltmann.

    Im Dezember 2016 hatte Dr. Dieter Rosenzweig seine Praxis in Haßfurt geschlossen. Zuvor hatte er bereits lange erfolglos nach einem Nachfolger gesucht. Dabei war die Region bereits unterversorgt, bevor Rosenzweig in den Ruhestand ging. „Seit rund 29 Jahren bin ich der einzige Hautarzt im Umkreis für rund 100 000 Menschen“, hatte der Mediziner damals im Gespräch mit dem Haßfurter Tagblatt gesagt, denn auch aus benachbarten Regionen kamen Menschen in seine Praxis in Haßfurt. Eigentlich wären nach den Berechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) zweieinhalb Stellen nötig gewesen.

    Neben dem allgemeinen Unwillen junger Ärzte, eine Praxis auf dem Land zu eröffnen, könnten seinerzeit auch die Räumlichkeiten ein Grund dafür gewesen sein, dass Rosenzweig keinen Nachfolger fand: Seine Praxis befand sich im zweiten Stock eines Hauses in der Altstadt. Ein barrierefreier Zugang wäre also kaum zu realisieren gewesen. Gerade für eine Facharztpraxis, die auch viele ältere Patienten versorgen muss, hätte das ein Problem dargestellt.

    So war es auch Dr. Boris Bauer wichtig, dass seine neue Praxis in Haßfurt gut zugänglich ist. „Es war der erste Raum, den ich angeschaut habe, und er hat sofort gepasst“, sagt er. Seine Praxis wird am 1. Oktober in der Hofheimer Straße eröffnen – im gleichen Gebäude wie die Zahnarztpraxis Dr. Kalb.

    Der 41-jährige Dr. Bauer erzählt, nach dem Medizinstudium in Würzburg sei er zunächst dort „hängen geblieben“. Nach der Arbeit an der Uniklinik und in der medizinischen Forschung habe er jetzt den Wunsch nach einer eigenen Praxis, „in der mir niemand reinreden kann“. Eigentlich war die Eröffnung bereits für Anfang September geplant, doch bauliche Verzögerungen sorgten schließlich dafür, dass es erst einen Monat später losgehen kann.

    Dr. Bauer vermittelt den Eindruck, dass er von einer Aufgabe, die er interessant und schön fand, in eine andere wechselt. Etwas anders sieht es bei der 39-jährigen Dr. Elena Popa aus, die die eigene Praxis auch als Gelegenheit sieht, aus dem MVZ herauszukommen, denn dort habe es der Ärztin überhaupt nicht gefallen. Die Rumänin hatte nach ihrem Medizinstudium zunächst in ihrem Heimatland im Krankenhaus gearbeitet, später hatte sie dort eine eigene Praxis. Pläne, Rumänien zu verlassen, hatte sie nie. Die Idee, nach Deutschland zu kommen, kam von ihrem Mann. Als das erste Kind kam und die Ärztin ohnehin in Mutterschaftsurlaub ging, gab sie dem Neuanfang in einem anderen Land eine Chance.

    Damals konnte sie kein Wort Deutsch. So versuchte sie, die Sprache zu lernen, um möglichst bald in der neuen Heimat wieder als Ärztin arbeiten zu können. Anfangs gab es noch den Hintergedanken, wenn es mit dem Lernen der neuen Sprache nicht funktioniere, könne sie nach Rumänien zurückkehren und dort wieder als Medizinerin arbeiten. „Dann hat mein Kind angefangen zu sprechen und wollte nicht mehr zurück“, erzählt sie. Als sie wieder zu arbeiten begann, verschlug es sie in ein MVZ. „Das war eine Arbeit wie in einer Fabrik“, sagt sie. So habe sie viel zu wenig Zeit für die einzelnen Patienten gehabt, die sie „wie am Fließband“ abfertigen sollte. Für die Ärztin stand daher fest, dass sie eine eigene Praxis eröffnen wollte. Diese hat sie seit dieser Woche im „sogenannten Ärztehaus“ in der Zinkenstraße in Eltmann, in dem sich außerdem mehrere andere Arztpraxen und eine Apotheke befinden. Dr. Popa zeigt sich im Pressegespräch sehr froh darüber, dass sie sich nun wieder die nötige Zeit für ihre Patienten nehmen kann.

    Dass eine eigene Praxis immer mit gewissen Risiken verbunden ist, weiß auch die Kassenärztliche Vereinigung. „Wir lassen die Leute auf dem Weg in die Selbstständigkeit nicht allein“, beschreibt KVB-Berater Michael Heiligenthal ein Patenschaftssystem, mit dem Ärzte unterstützt werden.

    „Heute sind wir hauptsächlich da, um uns zu freuen, dass wir in Zukunft so gut versorgt sind“, versuchte Landrat Wilhelm Schneider bei dem Pressetermin im Landratsamt, die Gespräche wieder auf das eigentliche Thema zurückzuführen, zu dem die Medienvertreter eingeladen waren. Denn die Fragen der Journalisten drehten sich vor allem um die allgemeine Situation der Gesundheitsversorgung, als um die beiden neuen Ärzte.

    Schon seit einiger Zeit wird an vielen Stellen beklagt, dass es immer schwieriger wird, genug Mediziner zu finden, um die Arztpraxen in ländlicheren Gebieten zu erhalten. „Schwierig ist es vor allem im hausärztlichen Bereich“, sagte Heiligenthal. Aktuell gebe es um Haßfurt herum noch ganze vier solche Stellen zu besetzen. „Wir haben einen gesetzlichen Versorgungsauftrag, aber der Gesetzgeber hat vergessen, uns den Zauberstab mitzugeben“, fasste er das Problem zusammen.

    Derzeit laufen verschiedene Programme mit dem Ziel, mehr junge Ärzte für eine eigene Praxis auf dem Land zu begeistern. „In den Köpfen der jungen Ärzte muss wieder ein Umdenken stattfinden, dass die Wertschätzung für niedergelassene Ärzte da ist“, findet der regionale KVB-Vorstandsbeauftragte Gunther Carl. Benedikt Herrmann, der seit kurzem Geschäftsstellenleiter der Gesundheitsregion Plus ist, beschreibt zudem einige Ideen, wie der Landkreis auf dieses Ziel hinarbeiten möchte. Beispielsweise gibt es ab September ein Projekt, mit dem angehende Ärzte die Famulatur, ein zum Medizinstudium gehörendes Praktikum, im Landkreis Haßberge verbringen können. Die Hoffnung ist, auf diese Art den einen oder anderen von ihnen für die Region zu begeistern.

    Von unserem Redaktionsmitglied Peter Schmieder

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