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    KREIS HAßBERGE

    Wenn nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt steht

    Im Zeiler Capitol-Theater diskutierten zum Tag der Pflege: (von links) Marietta Eder (Verdi), Wolfgang Bühl (SPD-Kreisvorsitzender), Clarissa Gehring (Altenpflegeschülerin), Norbert Jungkunz (Moderator), Emmi Zeulner (Bundestagsabgeordnete) und Stephan Kolck (Haßberg-Kliniken). Foto: Christian Licha

    Für viele deutsche Krankenhäuser stehen seit Einführung der Fallpauschale nicht mehr der Mensch im Vordergrund, sondern betriebswirtschaftliche Gedanken. Dies zeigte eindrucksvoll der Dokumentarfilm „Der marktgerechte Patient“, der bundesweit Aufmerksamkeit erregt und am Montag zum „Tag der Pflege“ im Zeiler Capitol-Theater lief. In einem anschließenden Filmgespräch wurde ausgiebig über dieses Thema mit prominenten Teilnehmern diskutiert.

    Eingeladen zu der Veranstaltung, die von KAB-Diözesansekretär Rudi Reinhart organisiert worden war, hatten die katholische Altenheimseelsorge, die Katholische Arbeitnehmerbewegung, die Betriebsseelsorge und die Gewerkschaft Verdi sowie der DGB. Die Moderation der Gesprächsrunde hatte der katholische Betriebsseelsorger Norbert Jungkunz aus Bamberg übernommen.

    Viele Behandlungen nicht lukrativ

    Auf einem Streifzug durch mehrere Kliniken der Republik zeigte der Film, wie Notfälle und Krankheiten einheitlich dotiert werden. Ganz im Sinne der Diagnosis Related Groups – kurz DRG's beziehungsweise Fallpauschalen genannt –, die es seit 2003 gibt. Viele Behandlungen seien für die Kliniken nicht lukrativ wie auch zum Beispiel Diabetes, eine Volkskrankheit. Es koste viel Zeit, einen Diabetes-Patienten richtig einzustellen und davor zu bewahren, dass sein Bein amputiert werden muss. Aber eine Amputation sei viel besser dotiert als eine chronische Wundbehandlung, erläuterte eine Ärztin in dem Film. Auch gebe es in einigen Kliniken ein sogenanntes Ampelsystem, das dem behandelnden Arzt anzeige, wann eine Entlassung des Patienten aus Kostengründen anstehe.

    Schockiert über dieses Ampelsystem zeigte sich Emmi Zeulner. Die Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Kulmbach, auch Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages, kommentierte: „So etwas würde ich mir als gelernte Krankenschwester nicht gefallen lassen.“

    Einiges wiedererkannt in dem Film hatte Stephan Kolck, der Vorstandsvorsitzende der Haßberg-Kliniken. Für ihn mit seinen 30 Jahren Berufserfahrung im Krankenhauswesen sei es eine schreckliche Vorstellung, dass der Patient wie eine Ware behandelt werde. Kolck betonte, dass er kein Betriebswirt, sondern Jurist sei und die Behandlung nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachte. Für ihn sei damals „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“ worden, als die Fallpauschalen eingeführt wurden.

    Seine Erfahrungen bestätigten, dass die Refinanzierung katastrophal sei, sah auch Wolfgang Bühl, SPD-Kreisvorsitzender, Kreisrat und Mitglied im Verwaltungsausschuss der Haßberg-Kliniken. „In der Pflege muss sich etwas tun“, zeigte sich der Kreispolitiker genauso überzeugt wie Verdi-Sekretärin Marietta Eder, die versicherte, dass sich ihre Gewerkschaft für Veränderung stark mache. Das Pflegepersonal sei in dem jetzigen System stark überlastet, so dass für das Eigentliche, wofür es den Beruf ergriffen habe, keine Zeit mehr sei. Dies bestätigte auch Altenpflegeschülerin Clarisse Gehring, die als Arbeitnehmervertreterin an der Diskussion teilnahm. So würde Personal aus dem Urlaub zurückgeholt, wenn zum Beispiel durch Krankheit oder Urlaub ein Engpass besteht. Diese Ausnahmefälle würden dann einfach hingenommen. Auch werde bei der MDK-Prüfung der Altenheime und Krankenhäuser in Sachen Personal weg gesehen, so Gehring. Abhilfe versprach Zeulner damit, dass die Finanzierung des Pflegebereiches zukünftig aus der Fallpauschale herausgenommen werden soll. Bis zum Jahr 2021 sei geplant, künftig einen Schlüssel von 2:1 auf Intensivstationen zu haben. Das heißt, ein Pfleger kümmere sich um zwei Patienten. Man sei auch dabei, den Tarifvertrag für die Altenpflege als allgemeinverbindlich zu erklären, was eine Verbesserung für alle Pflegeberufe bedeute.

    Auch unter den rund 50 Besuchern der Veranstaltung regten sich einige Stimmen. Ein Zuschauer mahnte an, dass es bereits in der Schule keine Lobby für Pflegeberufe gebe. Ein ehemaliger Altenpflegeschüler forderte mehr Schutz für Auszubildende, da diese oftmals genauso stark in die Arbeit mit eingebunden würden wie ausgelerntes Fachpersonal. Ebenso wurde gefragt, inwieweit sich die Fallpauschalen für Investitionen an den Kliniken auswirkten. Stephan Kolck sagte, das Beispiel Haßberg-Kliniken heranziehend, dass man hier keinen festen Prozentsatz nennen könne. So wurden beispielsweise für die Wachstation in Ebern 100 Prozent Zuschuss gegeben, während in Haßfurt nur der Anbau des Bettenhauses genauso subventioniert, aber die Sanierung nicht anerkannt wurde.

    „Zeit für mehr Menschlichkeit“, das wünschte sich Marietta Eder für die Zukunft und rief das Pflegepersonal dazu auf, gemeinsam mit der Gewerkschaft dafür zu kämpfen. Mehr Zeit für die Pflege, das eigentliche Berufsziel zu haben, davon handelte auch das Lied „Im Traum gesehen“, das einige Altenpflegerschülerinnen vortrugen. In dem selbstgeschriebenen Text träumten sie von einem perfekten Pflegeheim, in dem es schön ist, in Würde seinen Lebensabend verbringen zu können.

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