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    HAßFURT

    Wer zirpt denn da im Haßbergkreis? Das Weinhähnchen!

    Das Weinhähnchen ist in den Haßbergen aufgetaucht. Die in Südeuropa beheimatete, wärmeliebende Langfühlerschrecke scheint sich nun auch bei uns wohl zu fühlen. Foto: JOsline Griese

    Die meisten von uns reagieren auf laute nächtliche Geräusche verärgert. Wiederholt sich die Ruhestörung Nacht für Nacht, ist die Geduld schnell am Ende. Nicht so bei Jürgen Thein. Der Biologe ging dem Lärm vor seinem Schlafzimmerfenster in Haßfurt mit Neugierde und zunehmender Begeisterung auf den Grund. „Was macht das Heimchen da draußen nur?“

    Thein war sich sicher: der gewohnte Gesang der bekannten Grille hörte sich ganz anders an als dieser langezogene Triller. Die darauffolgende Nacht ertönte das schwirrende „Drrüüü, drrüüü“ erneut ohne Unterlass. „Jetzt muss ich's aber wissen“, trieb der auffällige Gesang Thein schließlich in der dritten Nacht aus dem Bett. Mit Hilfe der gespeicherten Heuschreckenstimmen auf seinem Handy entlarvte er schließlich den Sänger. So konnte nur ein Weinhähnchen (Oecanthus pellucens) singen. Die ursprünglich in Südeuropa beheimatete kleine Grille war bis dato noch nicht im Landkreis aufgefallen. „Es ist einfach toll, wenn man etwas Neues entdeckt“, freut sich der Biologe über den Einwanderer.

    Diese Grille liebt die Wärme

    Das Weinhähnchen war in Deutschland schon länger vorwiegend im Rheintal verbreitet. Offenbar hat sich die wärmeliebende Grillenart in den letzten Jahren auf den Weg Richtung Osten gemacht. In Bayern wurde es bisher am Untermain im Raum Aschaffenburg, Würzburg und Kitzingen gesichtet. „Inzwischen taucht es überall auf, in Mittelfranken, im Saaletal, sogar in der Rhön und heuer auch im Coburger Land“, weiß Thein. Natürlich hat der Heuschreckenfan seine Kollegen im Landkreis zum Lauschen angeheuert. Und siehe da: Die Grille zirpt bereits fleißig von Haßfurt bis Eltmann entlang des Mains, und auch in Holzhausen und Nassach wurde ihr Gesang vernommen.

    Das Männchen striduliert

    Der Gesang dieser Langfühlerschrecken erinnert an die typischen Geräusche lauer Sommernächte am Mittelmeer. Um Weibchen anzulocken beginnt das Männchen in der Nacht lauthals zu zirpen (stridulieren), indem es seinen langen rechten Flügel über den linken streicht. „Es sitzt im Busch und brüllt sich stundenlang die Seele aus dem Leib“, lacht Thein. Über 100 Meter weit ist das unermüdliche „Drrüüü, drrüüü“ zu hören. Mit den zarten durchsichtigen Vorderflügeln bildet das Weinhähnchen einen Trichter, der die Richtung des Schalls bestimmt. „Deshalb ist es auch ganz schwierig zu lokalisieren“, erklärt der Biologe. Tagsüber hält sich das kleine braune Insekt, mit einer Körperlänge zwischen 10 und 14 Millimeter, gut getarnt im Gebüsch auf. „Es ist eine Pflanzengrille, die nicht am Boden, sondern erhöht in der Vegetation sitzt.“ Sie findet sich zwar oft in den wärmebegünstigten Weinbergen, aber ist nicht darauf spezialisiert. „Die Art kann sich nur halten, wenn alles passt“, erklärt Thein. Um sich entwickeln zu können, müssen die Eier an einem frostgeschützten Platz überwintern können.

    Vor ein paar Jahren: undenkbar

    Für den Biologen bildet sich mit diesem Einwanderer deutlich der Klimawandel ab. „Ein Weinhähnchen in der Rhön – vor ein paar Jahren noch vollkommen undenkbar.“ Jetzt ist Thein gespannt, ob sich diese Art hier hält. „Da packt mich als Tierverrückten die wissenschaftliche Neugier“, lacht er. Es sei faszinierend, etwas Neuem nachzuspüren. Doch die Freude über den Neuzugang hat natürlich auch ihre Kehrseite. Was für die eine Art von Nutzen ist, ist für die andere Art ein Drama. „Vor allem für die Arten, für die es gerade noch so passt“, sagt Thein. Spätestens an der Westgrenze gebe es keine Ausweichmöglichkeit mehr.

    Vor allem spezialisierte Arten, wie der Sumpfgrashüpfer, tun sich schwer. Wo früher Feuchtwiesen waren, ist es jetzt total trocken und die Erde hat große Risse. Arten, die es feucht brauchen, sind dort verschwunden. Laut Thein gibt es eine Menge Klimaverlierer. „So sehr man sich auch freut, wenn neue Arten kommen, so bedauerlich ist es, wie viele Arten bei uns kein Auskommen mehr haben.“ Natürlich habe es im Lauf der Zeit immer schon Artenveränderungen gegeben. „Aber die Geschwindigkeit des klimatischen Wandels ist sondergleichen. Die Arten kommen der rasanten Veränderung ihrer Lebensverhältnisse nicht hinterher“, erklärt Thein. „Sie können sich nicht schnell genug anpassen oder woanders hin zurückziehen.“ So komme es zu einem „menschengemachten Intensivsterben.“

    Doch in Zeiten von „Fake News“ nütze das Reden über die negativen Folgen des Klimawandels wenig, wenn man sie nicht nachweisen könne. Das kommt dem Biologen das Weinhähnchen gerade recht. Denn schon in den 1980er Jahren untersuchte der Biologe Othmar Fischer-Leipold, damals beim Bund Naturschutz, unterstützt von Otto Elsner Heuschrecken auf über 250 Flächen im Landkreis. 2004, als Thein für den BN tätig war, wiederholte er zusammen mit seiner Biologen-Kollegin Jule Gombert die Untersuchung. Und in diesem Jahr haben die beiden Heuschreckenfans, unterstützt von Kollegin Josline Griese, wieder gezählt. „Langzeitvergleiche sind wichtig, um Veränderungen belegen zu können“, betont Thein. Die Arbeit draußen im Feld ist getan, „nun sind die Wissenschaftler dran.“ Dr. Simon Thorn und Sebastian König von der Ökologischen Station Fabrikschleichach (Universität Würzburg), die im südlichen Landkreis die Erfassung übernommen hatten, werten die Zahlen aus. Thein vermutet, dass sich das Arteninventar auf den untersuchten Flächen im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. „Die Landschaft wird immer gleicher. Die Artenzusammensetzung auf den Flächen nähert sich dem an.“ Wahrscheinlich lasse sich die Nivellierung der Landschaft sogar an den Heuschrecken erkennen.

    Den Gesang gibt's im Internet

    Jürgen Thein möchte die Besiedlung des Weinhähnchens im Landkreis genauer dokumentieren. Deshalb bitte er, die Ohren nach dem Ruf der Grille zu spitzen. Der Gesang kann nachgehört werden unter www.digitale-bibliothek.de unter dem Stichwort „Weinhähnchen“. Meldung nimmt Thein gerne per Email an info@bfu-thein.de entgegen.

    Wo hat es sich nur versteckt? Biologe Jürgen Thein ist nachts auf den Gesang des Weinhähnchens aufmerksam geworden. Tagsüber lebt die Langfühlerschrecke gut getarnt im Gebüsch. Foto: Josline Griese
    Fühlt sich auch kopfunter putzmunter: Das Weinhähnchen. Foto: Josline Griese

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