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    HAßFURT

    Wie macht man Mädchen stark gegen Übergriffe?

    Thomas Jakob, Siegfried Weidlich und Marija Milana lesen, was die Teilnehmerinnen der Mädchenpower-Kurse geschrieben haben. Foto: Weinbeer

    Mädchen stark machen gegen Übergriffe – ob gegen Mobbing auf dem Schulhof oder sexualisierte Gewalt, ist das Ziel der „Mädchenpower-Kurse“, die es seit zwölf Jahren im Landkreis Haßberge gibt. Über 1000 Mädchen haben diese Kurse mittlerweile besucht, Grund genug, sich mit den Organisatoren und Teilnehmerinnen über Inhalte und Zielsetzungen zu unterhalten.

    „Geboren“ wurde die Idee dieser Kurse in der interdisziplinären Arbeitsgruppe gegen sexuelle Gewalt, die sich regelmäßig bei der Caritas trifft. Vertreter von Beratungsstellen, Jugendamt, aus der kirchlichen Jugendarbeit und von anderen Trägern treffen sich hier zum Austausch. Zahlreiche präventive Ansätze wurden hier schon geschmiedet, die Mädchenpower-Seminare sind vielleicht die mit der größten Breitenwirkung.

    Der Landkreis Haßberge finanziert jährlich fünf dieser Kurse. Siegfried Weidlich, Dekanatsjugendreferent im evangelischen Dekanat Rügheim, hat es sich jedoch zur Aufgabe gemacht, zu diesem Budget Spendengelder zu sammeln, um möglichst die doppelte Anzahl von Kursen halten zu können. Mehr als die derzeit gültigen fünf Euro soll die Teilnahme für die Mädchen nämlich nicht kosten. So ist es gelungen, inzwischen über 90 Kurse anzubieten. Unterstützung kam dabei aus Kirchengemeinden, von politischen Gemeinden, aus den Kirchen, vom Jugendring, vom Göller-Hilfsfonds, dem Lions- oder Rotary-Club.

    Thomas Jakob verwaltet die Kasse und ist beeindruckt von Weidlichs Engagement. Er ist als Sozialpädagoge bei der Caritas regelmäßig mit der Problematik sexualisierter Gewalt konfrontiert und bezeichnete im Gespräch mit dieser Redaktion die Mädchenpower-Kurse als Selbstläufer. Die Schulsozialarbeiter, Lehrkräfte, Kinderärzte oder Jugend-Betreuer machen die Mädchen auf die Kurse aufmerksam. In den letzten Jahren schickten auch die Asylhelfer-Kreise manches Mädchen. Die erste Teilnehmerin fungierte gleich bei den nächsten Kursen als Dolmetscherin.

    Leider sind die Kurse heute so nötig wie vor zwölf Jahren, erklärt Jakob. Obwohl man meint, Kinder würden selbstbewusster aufwachsen als früher, nehme das Problem der sexualisierten Gewalt nicht ab – und rücksichtloses Verhalten bis hin zu körperlichen Übergriffen in den Schulen ebenfalls nicht. Das zeigte auch eine Fragebogenaktion unter den Mädchen der Kurse, in der sich die 1000. Teilnehmerin befand.

    Fast alle Mädchen berichten, dass sie schon Situationen erlebt hätten, in denen sie verfolgt, geschubst oder auch angegrabscht worden seien. Auch Beschimpfungen mit teils übelsten Worten werden hier geschildert. Viele wussten vor dem Kurs nicht, wie sie damit umgehen sollen, haben aber jetzt viel mehr Selbstbewusstsein dazu gewonnen.

    Genau das ist die Zielsetzung von Marija Milana, die die Kurse seit Beginn leitet. Sie ist Erzieherin, Dipl.-Sozialpädagogin, Mediatorin, Selbstsicherheits- und Tanztrainerin. Seit 1980 ist sie als Trainerin und Ausbilderin in der Präventionsarbeit zu sexueller Gewalt tätig. Sie vermittelt auch Selbstverteidigungstechniken aus dem Wen-Do, was übersetzt „Der Weg der Frauen“ heißt. Das sind Abwehrgriffe, die mit wenig Kraftaufwand effektiv sind. Ein großes Augenmerk richtet sie bei den zweitägigen Seminaren aber auch auf das Selbstbewusstsein, darauf anderen zu Hilfe zu kommen, wenn sich brenzlige Situationen anbahnen. „Ich will die Sinne schärfen und den Mädchen klar machen, dass sie entscheiden, wo für sie die Grenze zum Übergriff ist“, erklärt sie. Deshalb gehören Rollenspiele zum Kurs, aber am Ende auch das Durchschlagen eines Brettes. „Das ist sehr wichtig für die Mädchen, allein durch die Symbolik“, erklärt Marija Milana. Was die Mädchen aus den Kursen mitnehmen, haben sie in den Fragebogen geschrieben: „Ich habe Kraft und Mut“, schreibt eine, die andere ist stolz auf sich, denn „ich bin kein Opfer“.

    Und so wird es auch weiterhin die Mädchenpower-Kurse geben, mal an Schulen, mal im „Living Room“ am Schulzentrum, aber immer auch dezentral. „Wir versuchen möglichst flächendeckend zu arbeiten, gerne auch in Kooperation mit den Gemeinden, so Siegfried Weidlich, der auch weiterhin fleißig Spenden sammelt, damit es möglichst nur kurze Wartelisten gibt. (swe)

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