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    Kreis Haßberge

    Wie sich eine Eltmannerin ins Leben zurückkämpfte

    Trotz ihres schweren Schicksalsschlags hat sich Nadine Haus-Fischer (sitzend) ins Leben zurückgekämpft. Heute arbeitet sie mit Eva-Maria Parissi (links), Julia Bock und anderen Kolleginnen im MVZ in Haßfurt. Foto: Peter Schmieder

    Eine Uhr im Schweinfurter Leopoldina-Krankenhaus, auf der die Zeit 8.43 Uhr abzulesen ist; die Erinnerung an dieses Bild hat sich im Kopf von Nadine Haus-Fischer festgesetzt, denn die Uhr ist das letzte, was sie sah, bevor sie für mehrere Wochen ins Koma fiel. Das war im Februar 2005, damals war sie 28 Jahre alt. Mittlerweile hat sich die heute 42-Jährige trotz einiger widriger Umstände ins Leben zurückgekämpft und kann auch wieder arbeiten. "Ich möchte kein Mitleid", sagt sie im Gespräch mit dieser Redaktion. Der Grund, warum sie ihre Geschichte erzählen möchte, sei vielmehr, dass sie darauf aufmerksam machen will, "dass es auch nach großen Schicksalsschlägen weitergehen kann".

    Angefangen hatte alles damit, dass Nadine Haus-Fischer wegen Morbus Crohn behandelt wurde, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung, deren Ursache bisher als unbekannt gilt. Eine der Spritzen, die sie im Rahmen dieser Behandlung bekam, war offenbar kontaminiert. So bildete sich ein Abszess und es kam zu einer Blutvergiftung. "Wenn man sich überlegt, dass das alles von einer kleinen Spritze kommt", denkt Eva-Maria Parissi, die heute mit Nadine Haus-Fischer im MVZ am Haßfurter Krankenhaus zusammenarbeitet, über das Prinzip "kleine Ursache - große Wirkung" nach.

    Einzelne Erinnerungen

    Knapp zwei Monate lag Nadine Haus-Fischer im Koma, zweimal blieb ihr Herz stehen – aus dieser Zeit hat sie wenige bruchstückhafte Erinnerungen; beispielsweise daran, dass sie auf einem Krankenbett lag, fixiert war und nicht wusste, was passiert war. Besonders schlimm war das für sie vor dem Hintergrund, dass sie selbst früher zunächst als Altenpflegerin, dann als Krankenschwester gearbeitet hatte; davon einige Zeit in der psychiatrischen Klinik in Werneck, wo sie selbst erlebte, wie Patienten fixiert wurden. Eine andere Erinnerung hat sie an einen Moment, in dem sie selbst bemerkt, dass anscheinend an einem der Geräte, die sie am Leben hielten, ein Schlauch nicht angeschlossen war. Da sie nichts anderes bewegen konnte, versuchte sie, mit der Zunge zu schnalzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Letztlich, so erzählt sie, sei es ihre Mutter gewesen, die mit im Raum saß, die das Signal bemerkte. In dieser Zeit habe sie sich machtlos und ausgeliefert gefühlt. "Ich habe gedacht, ich sehe meine Familie nie mehr."

    Unerklärlich scheint, woher ein anderes Bild in ihrem Kopf kommt: In ihrer Erinnerung lag sie einmal in einem Zimmer mit dicken Vorhängen, obwohl Angehörige und Krankenhausmitarbeiter bekräftigten, dass sie während der ganzen Zeit nie in einem Raum gelegen habe, zu dem diese Beschreibung passen könnte. "Ich bin nicht spirituell, aber ich glaube, dass das eine Nahtoderfahrung war", sagt Nadine Haus-Fischer.

    Viel Zeit im Krankenhaus

    Nach dem Koma folgte eine lange Zeit voller Krankenhausaufenthalte. "Ich musste alles wieder neu lernen", erzählt sie. "Ich konnte nicht laufen, ich konnte nicht aufstehen." Denn an ihrem Bein musste viel abgestorbenes Gewebe entfernt werden, das sich "schwarz wie ein Raucherbein" verfärbt hatte. Es folgten Reha-Aufenthalte, zunächst stationär, dann ambulant in Bad Staffelstein, wo sie ihre Mutter jeden Tag hinfuhr.

    Auch das war für Nadine Haus-Fischer anfangs nicht leicht: "Ich habe mich immer gewehrt, dass ein Physiotherapeut mich anfasst", erzählt sie. Grund dafür war eine schmerzhafte Behandlung, bei der ihr Bein ruckartig nach oben gerissen wurde. "Ich hab nur noch geschrieben." Großes Glück habe sie dann aber in Staffelstein gehabt, denn dort sei sie an einen Physiotherapeuten geraten, der nicht  nur seinen Job machte, sondern ihr "auch was Seelisches abgenommen" habe. Er habe ihr auch vermittelt, dass Hass nicht die richtige Antwort auf ihre Probleme sei. Ein wichtiger Schritt, denn eine Zeit lang sei es Nadine Haus-Fischer schwer gefallen, ihr Leben nicht von der Wut auf diejenigen beherrschen zu lassen, die dafür verantwortlich waren, dass sie eine kontaminierte Spritze bekam.

    Nachdem sie in Bad Staffelstein geschafft hatte, aus dem Rollstuhl zu kommen, wollte sie "unbedingt so schnell wie möglich wieder arbeiten", erzählt Nadine Haus-Fischer im Gespräch mit dieser Redaktion. "Ich wusste, dass ich nicht mehr in meinen Beruf zurück kann", sagt sie, denn mit all ihren körperlichen Einschränkungen wäre es nicht mehr möglich, Patienten am Krankenbett zu helfen. So wäre eine Rückkehr, beispielsweise in die Altenpflege, unmöglich gewesen. "Das wäre nicht nur gefährlich für mich, sondern auch für die alten Menschen."

    Bürokratische Hürden

    Denn auch wenn Nadine Haus-Fischer keinen Rollstuhl mehr braucht, kann sie nur eingeschränkt laufen, außerdem hat sie seit ihren Herzinfarkten eine eingeschränkte Herzleistung von nur noch 30 Prozent.

    Daneben musste sie sich mit bürokratischen Hürden und unsinnig erscheinenden Regelungen herumschlagen. Beispielsweise erzählt sie, ihr sei trotz ihrer Gehbehinderung zunächst der Schwerbehindertenausweis weggenommen worden, da sie nicht mehr auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Mit einigem Aufwand sei es schließlich möglich gewesen, wieder einen Behindertenausweis zu bekommen, dieser gilt aber nur in Bayern, was beispielsweise bei einer Reise nach Salzburg zum Problem wurde. "Wie stellen die sich das vor? Wenn ich nicht in Bayern bin, kann ich wieder gehen?"

    Auch das Arbeitsamt sah kaum Chancen, die Frau, deren Leben sich mit nur 28 Jahren komplett gewandelt hatte, wieder in Arbeit zu vermitteln. Von 2008 bis 2018 bildete sie sich trotzdem weiter, habe aber keine Chance auf dem Arbeitsmarkt gehabt, berichtet sie. Eigentlich sei das Thema aus Sicht des Jobcenters schon "durch" und die Erwerbsunfähigkeitsrente anvisiert gewesen.

    Gefreut wie ein Kind an Weihnachten

    Doch damit wollte sich Nadine Haus-Fischer nicht abfinden. 2018 schickte sie eine Initiativbewerbung an das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) in Haßfurt und bekam sehr schnell einen Rückruf von ihrer heutigen Kollegin Eva-Maria Parissi. Die Mitarbeiterin der Orthopädischen und Chirurgischen Praxis im MVZ lud sie zu einem Vorstellungsgespräch ein. "Ich habe mich gefühlt wie ein Kind an Weihnachten", erinnert sich Haus-Fischer darüber, an die Aussicht,  wieder einen Arbeitsplatz zu bekommen.

    "Ich habe erst gedacht, dass ich keine Chance habe", sagt sie, denn Krankenschwester und Arzthelferin seien doch zwei sehr unterschiedliche Berufe. Doch Eva-Maria Parissi und Julia Bock, mit denen sie das Gespräch hatte, waren sich einig, dass sie sich Nadine Haus-Fischer als neue Kollegin vorstellen konnten. Am 15. Mai 2018 hatte sie ihren ersten Arbeitstag.

    "Wir schätzen Nadine als Mitglied im Team sehr. Sich versteckt sich nicht hinter ihren Einschränkungen", lobt Eva-Maria Parissi die neue Kollegin. "Ganz im Gegenteil: Sie macht sogar mehr als sie müsste." Beeindruckend findet Parissi auch, dass ihre neue Kollegin in einen medizinischen Beruf zurück wollte, obwohl es ja gerade ein medizinischer Grund war, der ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte. Zudem betont sie, in den vielen Vorstellungsgesprächen, die sie schon geführt hat, habe sie "selten jemanden erlebt, der so motiviert war".

    Ein Zugewinn für das MVZ

    In der Praxis übernimmt Nadine Haus-Fischer vor allem die Terminvergabe am Telefon, also eine sitzende Tätigkeit. "Sie nimmt uns viel ab", sagt auch Kollegin Julia Bock. "Wir hoffen, dass sie uns lange erhalten bleibt." Eva-Maria Parissi betont, Nadine Haus-Fischer sei "durch ihre freundliche Art ein Zugewinn für uns". Unter anderem sei sie sehr gut darin, Patienten mit Schmerzen zu beruhigen.

    Haus-Fischer selbst erzählt, in ihre ersten Arbeitswoche habe sie noch zu ihrem Mann gesagt: "Das schaffe ich nicht. Die müssen so viel leisten." Über Eva-Maria Parissi und Julia Bock sagt sie, sie rechne es den beiden hoch an, dass sie ihr eine Chance gegeben haben. Insgesamt zeigt sie sich sehr froh darüber, dass sie es geschafft hat, nach dem schweren Schicksalsschlag wieder in ein glückliches Leben zurückzufinden und zitiert ihre Großmutter: "Es ist immer so, dass nach vielem Schlechten etwas Positives kommt."

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