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    Wingsuit-Pilot aus den Haßbergen: Der tollkühne Springer

    Im Fluganzug ein Propellerflugzeug zu eskortieren? 14 Männer und Frauen trafen sich in Portugal dafür zum spektakulären Rekordversuch. Stefan Vogl aus Theres war dabei.
    Für das Guinessbuch der Rekorde eskortierten 14 Wingsuit-Piloten über Portugal ein Propellerflugzeug. Mit dabei Stefan Vogl aus den Haßbergen.
    Für das Guinessbuch der Rekorde eskortierten 14 Wingsuit-Piloten über Portugal ein Propellerflugzeug. Mit dabei Stefan Vogl aus den Haßbergen. Foto: Juan Mayer

    Batman kann es, James Bond kann es. Und Stefan Vogl kann es auch. In einen seltsamen Anzug schlüpfen, der einen aussehen lässt wie eine überdimensionale Fledermaus. Und dann damit aus einem Fluggerät oder von Hochhäusern springen und davonfliegen. Zumindest ein bisschen.

    Die Fledermausmänner heißen Wingsuiter und betreiben einen sehr spektakulären und nicht ungefährlichen Sport. Stefan Vogl aus dem Thereser Gemeindeteil Buch (Lkr. Haßberge) hat sich dieser Leidenschaft verschrieben. Und mit seinen Kameraden - darunter auch eine Holländerin - hat er sich vor ein paar Wochen selbst das schönste Weihnachtsgeschenk gemacht. In - oder besser: über - der Algarve in Portugal stellten Vogl und seine Mitstreiter in dieser Sportart einen neuen Weltrekord auf.

    "Es hat so etwas zuvor noch nicht gegeben."
    Stefan Vogl, Wingsuite-Pilot

    Um einen offiziellen Weltrekord handle es sich zwar nicht, sagt Stefan Vogl. "Es gilt aber dennoch, denn es hat so etwas zuvor noch nicht gegeben." Für das Guinessbuch der Rekorde begleiteten die 14 Piloten ein Propellerflugzeug, sie eskortierten das Flugzeug regelrecht. Insgesamt waren sogar 17 Wingsuiter gleichzeitig in der Luft. Aber drei waren mit besonderen Aufgaben wie Filmen und Fotografieren beschäftigt, zählten also nicht mit zum Rekord. Dennoch: 14 Wingsuiter, das sind vier mehr als der vorherige Bestwert. Es gibt auch einen Namen für dieses Unterfangen: "Airplane Wingsuits Formation" (AWF) heißt diese Kategorie des Fallschirmsports.

    Ganz eng fliegen die Wingsuit-Pilot neben dem Flugzeug. Wenn sie etwas übermütig werden, halten sie sich auch schon mal an einem Rad fest. Die Gefahr ist, dass der Wingsuiter in eine Luftverwirbelung gerät.
    Ganz eng fliegen die Wingsuit-Pilot neben dem Flugzeug. Wenn sie etwas übermütig werden, halten sie sich auch schon mal an einem Rad fest. Die Gefahr ist, dass der Wingsuiter in eine Luftverwirbelung gerät. Foto: Pär Säfström

    Aber wie hat es Stefan Vogl aus Buch in das Team aus international ausgewählten Spitzen-Wingsuitern geschafft? Alles begann an Ostern 2009, erzählt der 38-jährige Luftakrobat. Bei einem Tandemsprung fand er den  Zugang zum Fallschirmsport. Den übt er inzwischen sogar hauptberuflich aus. Vogl gehört damit zu einer kleinen Gruppe von höchstens 100  Fallschirmprofis in Deutschland, die Fallschirmjäger der Bundeswehr nicht mitgerechnet. Zum Berufsbild gehört nicht nur das Springen selbst, sondern die Ausbildung von Fallschirmspringern genauso wie die Betreuung des Equipments oder die Durchführung von Tamdensprüngen. Vogl betreibt das Geschäft auf dem Flugplatz von Schlierstadt zwischen Würzburg und Heilbronn, westlich von Bad Mergentheim. "Hier ist kaum Flugverkehr, hier sind wir Springer mehr oder weniger unter uns."

    "Wenn der Anzug einmal fliegt, dann fliegt er. Aber wenn beim Aussteigen was passiert, kann man leicht ins Trudeln kommen."
    Stefan Vogl, Skydiver

    "Irgendwann", sagt Vogl, "möchte man dann etwas Neues ausprobieren." So landete er relativ schnell bei den Wingsuitern. Nach einer Einweisung versuchte sich der Fallschirmspringer zunächst alleine in der neuen Sparte. "Wenn der Anzug einmal fliegt, dann fliegt er. Aber wenn beim Aussteigen was passiert, kann man leicht ins Trudeln kommen. Dann braucht's schon eine Menge Übung, um da wieder rauszukommen", sagt der 38-Jährige.

    Und wenn's nicht klappt? "Dann hat man ja immer noch seinen Fallschirm und den Reserveschirm." Schließlich könne der Pilot ja mit seinem Wingsuit alleine ohnehin nicht landen: "Das hat mal ein Profi probiert, der ist aber in einem vorbereiteten Stapel aus Kartons gelandet", erzählt Vogl und schränkt gleich ein, dass man es besser nicht versuchen solle. Die Wingsuit-Piloten rasen mit Geschwindigkeiten zwischen 150 und 200 km/h durch die Luft. "Man hat halt nur einen Versuch", sagt der erfahrene Fallschirmspringer, der inzwischen weit über dreitausend "normale" Fallschirmsprünge absolviert hat.

    Nicht ungefährlich ist die Formation aus Wingsuitern und Flugzeug. Deshalb wird auch vorher festgelegt, in welche Richtung alle Beteiligten abdrehen, wenn etwas passieren sollte.
    Nicht ungefährlich ist die Formation aus Wingsuitern und Flugzeug. Deshalb wird auch vorher festgelegt, in welche Richtung alle Beteiligten abdrehen, wenn etwas passieren sollte. Foto: Juan Mayer

    Der Flug mit dem Spezialanzug sei etwas völlig anderes als ein "normaler" Sprung. Immerhin kann ein Wingsuit-Pilot nach dem Aussteigen in einer Höhe von rund 4500 Metern etwa drei Minuten lang hin und her fliegen, ehe er in etwa 1000 Metern Höhe seinen Schirm auslöst. "Ein normaler Springer ist zu der Zeit schon längst am Boden", sagt Stefan Vogl. "Durch den Stoff zwischen Armen und Beinen wird der gesamte Körper zu einem einzigen großen Flügel, den man mit Körperbewegungen steuern kann." Vier bis fünf Meilen könne ein Wingsuiter so fliegen. "Er darf aber auch nicht vergessen, eine Kurve zu fliegen, damit er wieder über seiner Dropzone rauskommt."

    Der gebürtige Unterfranke ist inzwischen selbst ein weltweit anerkannter Wingsuit-Einweiser. Und zwar so anerkannt, dass der Schweizer Daniel Ossio ihn immer wieder zu besonderen Events einlädt.

    Die Porter Pilatus des portugiesischen Piloten bietet den Wingsuitern die idealen Voraussetzungen für ihre ausgefallene Sportart, die 'Airplane Wingsuite Formation' genannt wird.
    Die Porter Pilatus des portugiesischen Piloten bietet den Wingsuitern die idealen Voraussetzungen für ihre ausgefallene Sportart, die "Airplane Wingsuite Formation" genannt wird. Foto: Pär Säfström

    Diesmal hatte der 44-jährige Wingsuiter aus Zug, der sich ein- bis zweimal pro Jahr etwas Spezielles einfallen lässt, zu dem Rekordversuch in die Algarve eingeladen. Unter den 14 Wingsuitern aus elf Nationen - darunter Italiener, Spanier, US-Amerikaner - war neben Stefan Vogl noch ein weiterer Deutscher aus Schaffhausen. Für den Rekord brauchten die Wingsuit-Piloten bestimmte Voraussetzungen. Die Wahl war auf Portugal gefallen, weil sie mit der Algarve bereits gute Erfahrungen gemacht hatten. Zudem gebe es hier einen Piloten, der sich zum einen mit solchen Rekordversuchen auskenne, sagt Vogl. Und - nicht minder wichtig - der über eine Maschine mit einem speziellen dreiblättrigen Propeller verfüge. Durch den lasse sich die Porter Pilatus in der Luft regelrecht abbremsen, damit Flieger und die Wingsuit-Piloten nebeneinander her fliegen können.  Zudem war eine zweite Maschine erforderlich, denn in eine Porter Pilatus passen nur zehn Wingsuiter. 

    Ohne Kurve kommt man nicht zum Flugplatz zurück

    Rückblick, wenige Tage vor Weihnachten: Insgesamt sind drei Tage für den Rekordversuch angesetzt. Zunächst scheint es, als wolle das Wetter dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung machen. Dann entscheiden sich die Skydiver, es doch zu probieren. Die Wingsuit-Piloten müssen sich von oben dem "wartenden" Flugzeug nähern. Der Anflug zur Maschine im Anzug dauert schon eine Minute. Danach können sie rund zwei Minuten parallel zum Flugzeug fliegen.

    Es dauert, bis die große Gruppe perfekt ihre Ausgangsposition erreicht hat. Dann bleibt noch rund eine halbe Minute, um in der gewünschten Formation als Eskorte neben der Porter Pilatus zu fliegen und dabei auch gemeinsam eine Kurve zu beschreiben. Weil, sagt Vogl: "Sonst kommt man nicht zum Flugplatz zurück."

    Fallschirmspringer Stefan Vogl präsentiert stolz seinen Wingsuit, mit dem er erfolgreich an dem Rekordsprung in Portugal teilgenommen hat.
    Fallschirmspringer Stefan Vogl präsentiert stolz seinen Wingsuit, mit dem er erfolgreich an dem Rekordsprung in Portugal teilgenommen hat. Foto: Wolfgang Sandler

    Dabei gehen die Wingsuiter ein großes Risiko ein, denn der waghalsige Sprung aus dieser Höhe fordert höchste Konzentration. 4700 Meter - und ab! Die Piloten müssen sich vorsichtig an das Flugzeug herantasten, formieren, ein Bild für den Nachweis des Rekords schießen und wieder voneinander wegfliegen, um dann rechtzeitig ihren Fallschirm sicher öffnen zu können.

    Eine Unachtsamkeit kann für die ganze Truppe fatale Folgen haben. Die Wingsuiter haben deshalb  vorher eine Art Alarmplan aufgestellt. Für den Rekordversuch gilt: Sollte ein Notfall eintreten, entfernt sich das Flugzeug nach links oben aus der Gefahrenzone, die Wingsuit-Piloten weichen nach rechts unten aus. Doch alles geht gut.

    Video

    "Natürlich gab es nach der Landung nur strahlende, lachende Gesichter", freut sich Stefan Vogl noch Wochen nach dem Rekord. "Anschließend haben wir schon ein bisschen gefeiert." Und vielleicht, sagt Vogl, gibt es bald die nächste Höchstleistung mit Adrenalinkick und anschließendem Schampus: "Ich könnte mir vorstellen, dass Daniel Ossio bald noch einen neuen Rekordversuch mit einer geometrischen Formation unternehmen wird."

    In einer Höhe von rund tausend Metern löst der Skydiver den 'ganz normalen' Fallschirm aus. Denn landen kann man mit einem Wingsuit nicht.
    In einer Höhe von rund tausend Metern löst der Skydiver den "ganz normalen" Fallschirm aus. Denn landen kann man mit einem Wingsuit nicht. Foto: Reto Nyffenegger
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